Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
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372 Einzelheiten EINZELHEITEN Ließer nationafjücftfcfie Mädcßen* ktzieftung. Goethe erzählt in den Wahl* verwandtfchaften, wie der Architekt die Knaben des Dorfes fammelt und, mit Anlehnung an militärifche Formen, zu einer Gartenwache organifiert. »Das gab Ottilie Mut, Eduard mit etwas Aehnlichem zu empfangen. Man hatte feither die Mädchen des Dorfes im . Nähen, Stricken, Spinnen und* anderen weiblichen Arbeiten zu ermuntern ge* fucht. Nun gedachte Tie es vollftändiger zu machen. . Aber aus einer Anzahl Mädchen kann lieh kein Chor bilden, wie aus einer Anzahl Knaben. Sie folgte ihrem guten Sinne und ohne fichs ganz deutlich zu machen, Füchte fie nichts, als einem jeden Mädchen Anhänglichkeit an fein Haus, feine Eltern und Gefchwifter einzuflößen«. In diefen Worten liegt wohl die Er* fahrung aller, die in unferen Jugend * Organifationen mitarbeiteten. Wir mußten erkennen, daß jeglicher Vereinsbetrieb für unfere Mädel etwas Gekünfteltes war und vor allem, im Vergleich zu den Organifationen der männlichen Jugend, nur geringe er* zieherifche Erfolge aufzuweifen hatte, ja, daß der ganze Betrieb nur lebens* fähig war durch den Zwiefpalt mit der Familie, den faft jede durchzumachen hatte. Es ift überflüflig, an diefer Stelle die Urfachen diefes Konfliktes zu erörtern, wir alle kennen diefe Kämpfe und willen, daß grundverfchiedene Lebens* anfehauungen den jungen Zioniften von der alten Generation trennen. Aber wir willen eben fo gut, daß lieh diefer Riß in der nächften Generation fchließen muß, wenn uns nicht unfer köftlicher Befitz, unfer Familienleben vollends ver* loren gehen foll. Um das zu verhüten, muß eine Aenderung in der Erziehung unferer Mädchen vor lieh gehen. Das Schlag* wort lautet: Wir müflen jüdifche Mut* ter erziehen. Seit dem erften Kongreß ift davon die Rede. In fchillernden Farben wird feither immer aufs Neue das Idealbild der jüdifchen Frau der Zukunft ausgemalt, nur über den Weg zur Erreichung diefes Zieles ift man fidi noch nicht klar. Es gilt, das jüdifche Mädchen gefund und ftark zu machen, fo daß fie Freude an der körperlichen Arbeit gewinnt, es gilt, ihr durch ihre Arbeit das Be* wußtfein ihrer Bedeutung für die nationale Sache beizubringen, es gilt, fie fo mit jüdifchen Werten zu erfüllen, daß ganz von felbft ihr fpäteres Haus eine jüdifche Atmosphäre erhält. Aber mit Gefühlen und Stimmungen ift es nicht getan, die verrauchen gar bald, wenn die Grundbedingungen, Kennt* nilfe und Arbeitsgewohnheit fehlen. In Vereinen kann diefe Aufgabe nicht gelöft werden, es. liegt in der Art der befprochenen Dinge, daß fie fich nicht in ein paar kurzen Abendftunden in einem Club oder auf einer Wanderung übermitteln laflen, felbft wenn wir Führerinnen hätten, die dazu imftande wären, weil eben für untere Mädels die Goethefche Beobachtung in noch höherem Maße zutrifft: »aus einer An* zahl Mädchen läßt fich kein Chor bilden, wie aus einer Anzahl Knaben.« Der einzige Boden, der die weibliche Persönlichkeit voll zur Entfaltung bringt, ift einzig und allein die Familie. Da wir nun einmal in der Zwangs* läge find, Erfatz dafür fchaffen zu müflen, fo muß diefer der Familie ähnlich fein und das bieten, was die Familie in ihrer edelften Ausprägung zu bieten hatte: Arbeit, Erholunng und innige Gemeinfchaft vereint. Diefe For* derungen kann nur ein Internat erfüllen. Ich vermeide abfichtlich das Wort »Schule« oder» Arbeitsgemeinfchaft«,denh die Form ift unwefentlich, es kommt uns darauf an, daß die Leitung in der Hand einer Frau liegt, die nicht nur felbft all die vielen, verfchiedenen Arbeiten, die zur Leitung eines Haushaltes, einfchließlich der, die man als laridwirtfchaftliche Innenarbeit bezeichnet, gehören, trelflich verlieht, fondern auch fähig ift, jedes einzelne Mädchen feiner Eigenart ent* fprechend anzulernen, das ganze Haus aber zu einer wahrhaften Gemeinfchaft zufammen zu fchweißen, und unferen Mä* dein das zu zeigen, was nur wenige von ihnen je vorher gefehen haben: ein arbeitsfrohes, einheitliches Leben, in dem alle Erfahrungen der modernen WÜTen* fchaften ebenfo zur Geltung kommen, wie die altheiligen Formen unferer nationalreligiöfen Kultur. In ftreng religiöfem Sinne müßte das Haus geleitet werden, denn mag die