Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-02-01 · Heft 6 (Februar 1919) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 6 (Februar 1919)
Date
1919-02-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/2827066-2827067-2827073--0348-2827449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

$24 ßarfß, J'ucfen und Judenpölttik Das hat fidi für den, der noch zweifeln konnte, bei den letzten Gemeindewahleri ganz deutlich gezeigt. Die Orthodoxie ift auch religiös durchaus keine einheitliche Mafle, Wenn lieh auch von der urfprünglichen revolutionären Idee des Chaffidismus nichts mehr erhalten hat, To find fie doch durch die perfönliche Politik der Rebbeim fcharf von einander und von den Nicht^Chaffidim ünterfchieden und Kämpfe wenig erbaulicher Art fpielen fich unter ihnen al?. Es würde zu weit führen, zu zeigen, wie die Rebbeim mit allen Mitteln einen Druck auf die Gemeinderabbiner ^ausüben konnten und diefe dadurch zur Unterwerfung zwangen. Die Macht des Chaffidismus in Polen ift im Untergang, Gedeihen konnte er nur, folange die kulturelle und wirtfehaftliche Abgeichloflenheit dauerte, und mit beiden ift es jetzt vorüber. Es war ein Akt der Notwehr, wenn (ich die Chaffidim gegen die Ent^ Wicklung mit allen Kräften ßemmten. So erklärt fich auch das unglaubliche Wahlbündnis, das fie immer mit den Affimilanten fchloflen und auf Grund deflen immer eine faft auslchließlich affimiiatorifche Lifte durchging. Die Gegenleiftung an die Chaffidim beftand nur in dem Verfprechen, ihre Schulen und Inftitutionen in der alten Unordnung zu belaflen. Es ift recht pikant, daß fich die Partei, die eine Polonifierung der Juden auf ihre fogenannte Fahne gefdhrieben hat, aus Mandatshunger zu folchen »Konzeffionen« verstand, die in ftriktem Widerfpruch zu den eigenen Zielen ftanden. Beide durch das Kompromiß zufammengefchloflenen Parteien waren allerdings durch glühenden Haß gegen die Nationalsten und Sozialiften geeint: Dennoch kann man unmöglich die Chaffidim als fcicht-nationale Juden bezeichnen. Man kann viel eher fagen, daß sie wegen der Gefthloflenheit ihres jüdifchen Denkens, ihrer extremen religiöfen Anfdiauung, ihrer Ablehnung fremder Kultur und ihres Feßhaltens an der eigenen Tracht fich viel fchärfer als andere von der Umwelt abfchließen und nodi deutlicher die nationalen Be-' fonderheiten auf weifen. Unter den nicht-chaffidilchen Orthodoxen ift die Neigung zur Eingliederung in die nationalen Organifatioiien, besonders in den Misrachi, in ftarkem Wachstum. Die Rabbiner, die aus dem Durchßhnitt hervorragen und neben der talmudifchen Bildung auch auf ändern Gebieten Kenntnilfe haben, find, zum Teil fogar recüt aktiv, in unferen Reihen tätig. Daß die Jugend, auch in der von der ortho* doxen Vereinigung gegründeten Jugendorganifation, politifdi nationaljüdifih empfindet, wird nicht Wunder nehmen. Daß fie intenfives Studium der Bibel und des Talmud pflegt, werden alle mit Befriedigung feftftellen, die, wie der Schreiber, in der Vereinigung nationaler Anfchauung mit liebevoller Pflege der Tradition eine gedeihliche Entwicklung der jüdifchen Kräfte fehen und wünfthen. Mit diefen Vereinen ift es eine eigene Sache. Die Orthodoxie war vor dem Kriege nicht organifiert, wenn man davon äbfieht, daß die einzelnen chaffidifchen Gruppen — die Gerer, Alexandrer,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.