Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 4-5 (Oktober 1918)
- Date
- 1918-10-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
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266 Arinfteiit, Hapoel Hazair Man ftelle fich vor, das Kolonifationswerk fchreite gut vorwärts, eine große Z.ahl von Juden fammle (ich in Paläftina. Die zivilifatorifche Hebung des ganzen Landes fetzt ein, ein Aufftieg, der auch den Autochthonen zugute kommt. Müden diefe da nicht, wie uns das Erwachen aller bisher gefchichtsTofen Völker während des 19. Jahrhunderts zeigt, aus eigener Kraft, aus ihrer Verwurzelung in dem heimifchen Boden heraus, ein ftarkes handeU und gewerbetreibendes Element entwickeln? Seibit wenn wir in einem beftimmten Moment der Kolonifationsgefchichte die abfohlte Mehrheit im Lande hätten (Städter und landwirtfchaftliche Oberfchkht), ftünde dann das Auffammen des wirtichaftlichen Antifemitismus, eine Boykottbewegung zu befürchten. In ihrem Gefolge ftagniert das wirtfchaftliche Leben, materielle Not Hellt fich ein, der nationale Aufbau verkümmert und in noch weiterer Ferne fetzt eine harke Auswanderung ein. Paläftina wird zu einem neuen Golus, trotz autonomen Nebeneinanderlebens beider Völker, denn wir Juden brauchen die Araber, aber jene kommen auch ohne uns aus. Bitter würde es lieh rächen, daß die Juden nicht vermocht hatten eine eigene g^fxhlo^ene Volkswirtfehaft zu bilden, in der die produktiven und verwickelnden Glieder in einem harmonifchen Verhältnis zu einander ftünden. Aus diefer Erkenntnis heraus gelangt der »Hapoel Hazair« zum Gedanken der Eroberung der Arbeit. Im Gallith gewöhnt in der körperlichen Arbeit heftenfalls ein notwendiges Uebel zu erblicken,- wird fich im Lande jeder Jude bewußt, daß ein Volk von landwirtfehaftlichen Unternehmern über einem fremdftämmigen Volk von Knechten ein Unding ift, welches niemals eine lebendige Kultur, die das ganze Leben umfaßt, wird fchaffen können. Denn auch die geiftige Erlöfung aus der Sterilität des Gallith hoffen fie.in der Arbeit zu finden, und mit Recht fagt A. D^Gordon, der Führer dieser Bewegung: »Alles, was das Leben um des Lebens willen fchafft, ift Kultur. Erdarbeit, Häuferbau, Straßenanlegung ufw. jede Arbeit, jedes Werk, jede Tat ift Kultur, d. h. Bafis der Kultur ihre Materie.« Und weiter: »Diefe höchfte fublimiertefte Kultur, die diejenigen im Auge haben, die bei uns von Kultur fprechen, (teilt nur den Rahm der Kultur dar, der Kultur in weitem Sinne. Aber kann man Rahm ohne Milch herftellen? Oder ift es möglich aus fremder Milch eigenen Rahm zu gewinnen? Der Jude, der vorläufig trotz aller entgegengefetzt gerichteten Erkenntnis die aufs äußerfte gefchärfte Tätigkeit des Intellekts als die höchfte Steigerung feiner Perfönlichkeit empfindet, muß zu der ungeheuren Mannigfaltigkeit der realen Welt hinabfteigen, muß/ in Umkehrung eines Satzes von Buber beginnen, den einzelnen Baum wahrhafter zu fehen als den Wald. Er muß erkennen, daß der Wert des Schaffens in der unendlich innigen Verquickung des Schaffenden mit dem Objekt feiner Tat liegt. Es gilt die fpezififch jüdifche Erkenntnis vom Geilte, der erft durch die Tat wird, in die jüdifche Wirklichkeit umzufetzen. Und Mittel und Ziel dieser Aufgabe ift die Arbeit, die jüdifche Arbeit am jüdifchen Boden. Nur ib kann jene Atmofphäre eines gefunden Lebens gefchaffen werden, in der das Samenkorn der nationalen Kultur, getragen von der nationalen hebräifchen Spräche,- fich entfalten und im Herzen eines wurzelftarken Volkes rückwärts wirkend neue Keime zum Sprießen bringen kann. Die Notwendigkeit alfo, ein ftarkes wirtfehaft!ich gefundes, jüdifches Bauerntum groß zu ziehen, (teilt die Aufgabe, die Mängel fozialer Natur, die den wefteuropäifchen Wirtfchaftsformen anhaften, zu vermeiden. Nur dann ilt die Lage des Trägers unferer nationalen Hoffnungen in Paläftina, des Ackerbauers gefiebert, wenn ihm der volle Ertrag feiner Arbeit zufällt, v&enn keiner mehr Land im Belitz hat, als er und feine Familie bearbeiten können, wenn die Bodenfpekulation und die Schaffung von Großgrundbefitz durch die Nationalifierung des Bodens verhindert ift. Von diefen Erwägungen ausgehend ftellt der HapoeUHazair feine Forderungen an das künftige Kolonifationswerk. Er bekämpft die kapitaliftifche Wirtfchaftsordnung in Palältina, weil er in ihr die Gefahr einer Schwächung unsere nationalen Balis, des feft mit dem Boden verwurzelten jüdifchen Elements, erblickt. Doch erkennt er anderfeits, daß ein jüdifcher Landarbeiterftand erft gefchaffen werden muß, daß kein Platz ist für KlalTenkämpfe innerhalb des Zionismus, da es nie und nimmer wirtfchaftliche Beweggründe find, die den Arbeiter aus dem Gallith nach Paläftina führen, und ihm den Spaten in die Hand drücken. Um der