Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 3 (August 1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Landauer, Zionismus und Afiimifation gebung fich in refigiöfen Satzungen ausdrückte. Das war bei andern Völkern nicht anders. Mochte man den Deutfthen feit Bonifazius die Kulturbedeutung abfprechen? Oder ift diefes Betrachten der Juden neben den andern Völkern affimilantifch? Das gefchieht aber auch, indem man die jüdifche Gefetzesreligion als unfere ganze Kulturbedeutung darfteilt. Heute herrfcht bei den Forfchern die Anficht vor, jener Stamm der Israeliten, der im 2. Jahrtaufend v. Chr. Paläftina unterwarf und befiedelte, habe fich durch den Charakter befonderer religiöfer Innigkeit und Schöpferkraft ausgezeichnet. Das geben wir um fo lieber zu, als wir der Oberzeugung find, daß auch das wiedererftehende Geiftesleben im Lande unferer Väter durchaus religiös geftimmt fein wird. Es ift eine Entftellung, die notwendige Neutralität einer politifchen Organifation gegenüber der perfönlichen religiöfen Überzeugung des einzelnen Mitglieds als Religionsfeind*- fchaft auszulegen und mit einem Gedankenfprung fich von hier aus gegen den Zionismus zu wenden. Vielmehr ift es ein Beweis für die Richtigkeit unferer AuffalTung der Judenfrage, daß bei uns die Heimftätte für alle Juden ift, die Juden bleiben wollen. Eine Nation verkörpert fich nur in folch umfallender Organifation fefbft der Glieder, die andern Theorien anhängen. Wir betrachten uns als Einheit des Willens und der Tat.. Darin fehen wir die Bedeutung des Zionismus: die Juden der Welt zu einigen zu gemeinfamer jüdifcher Tat. Nicht, Ordnung in wiffenfchaftlichen Begriffsverwirrungen gefchafft zu haben, rühmen wir uns fo ftark. Auch das ift ja wichtig und wertvoll. Wichtiger und wertvoller ift jedoch die Feftftellung: der Baseler Kongreß ift die erfte gemeinnationale jüdifche Handlung feitBar Kochba, 1897 haben fich unter der blau^weißen Fahne zum erftenmal die Vertreter des Judentums unter Freudentränen umarmt und fich zu gemeinfamer Arbeit zufammengefchlolTen. Tatfächlich die Vertreter der ganzen Judenheit/ man bedenke die Entwicklung des Zionismus während des Krieges in Rußland und in Amerika! Die Juden als Einheit des Wollens. Das ift die L§fung des hiftorifchen Rätfels. Weil die Juden leben wollten, leben fie noch. Wahrlich fchwer wurde es ihnen gemacht, lind nicht wenige und nicht immer die Schlechteften haben den Kampf aufgegeben und die Waffen geftreckt. Furchtbar haben Taufe und Mifchehe gehäuft, gerade wieder im Krieg. Aber fragen wir uns, worin das Judentum derjenigen Glieder unferer Nation befteht, die alle Blut* bände leugnend, eine fchattenhafte Religion, den Miffionsberuf — der dem Judentum fo wefensfremd ift — als das einigende Band der Juden verkünden, ohne felber im geringften nach den Forderungen ihres oberften Prinzips zu leben, — fo fehen wir nur den Wiffen, Jude zu fein, die Feftigkeit, keine Fahnenflucht zu begehen, fich bei völliger Affimilation doch nicht zu affimilieren. In diefem