Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1918)
- Date
- 1918-04-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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K. /.. VUer*Feldbriefe äußerliches Intereffe für Jüdifches einer Liebe und opferfreudigen Tätigkeit für ihr Judentum Platz machen. Oder kann nur noch ein Unglück, ein in weite Kreife dringender, gehäffiger Antifemi* tismus die Juden im Welten umftimmen? Ich glaube nicht daran, wenn auch die Weltgefchichte, ja felbft das Leben und der Gefinnungswechfel unferes Heros Herz! dafür fpricht Da ich den heutigen Abend Dir widmen wollte, fo will ich Dir auch erzählen, wie ich zum Zionismus kam, da es vielleicht nicht gar zu viele gibt, die fo ganz unbeeinflußt dahin gelangt find. . Im Elternhaufe habe ich keine pofitiv jüdifche Erziehung genoflen. Ich befuchte wohl die Religionsfchule und lernte Hebräifch lefen, mehr aber auch nicht. Die Lehrer verbanden es nicht, in mir das Verlangen nach inten* fiverer Betätigung und Freude am Hebräifchen zu erwecken. Die Freitage Abende, die ich recht oft im Tempel verbrachte, waren für mich dagegen eine feelifche Stärkung und brachten mich dem Judentum etwas näher. Das Gegenteil aber bewirkten die hohen Feittage. Mag fein, daß ich nicht den richtigen Gottesdienft gefunden hatte, aber es gefchah nichts, was mich innerlich packen oder ergreifen konnte. Sicherlich hatte die Art cles Gottesdienftes und das wenig andachtsvolle Beten der Ge* meinde auch Schuld daran. Jedenfalls war mir ein wirkliches Beten, ein Ver* binden mit Gott in diefer Atmofphäre nicht möglich, im Often habe ich das gefehen, was. ich unter Gottesdienft verliehe, jenes Verlangen nach einer Ausspräche mit Gott, jenes inbrünltige Beten, das, ohne Rückficht auf die Um-- gebung, feinen Schmerz und feine Freude vor Gott ausbreitet. Diefes, nicht einem Pflichtgefühl oder einer Religiofität, fondern einem heißen Sehnen nach Gott entfprungene Beten habe ich mit großer Freude und Genugtuung bei unferen Blutsbrüdern hn Often recht oft — auch nicht überall ~ angetroffen. Vom Antifemitismus habe ich in meiner Jugend perfönlich nicht viel bemerkt. Nur in meinem Elternhaufe neigte man fehr fchnell dazu, einen Chriften, der einen jüdifchen Witz etc. erzählte, einen Antifemiten zu nennen. Ich habe überhaupt die Überzeugung, daß mit diefem Worte viel gefündigt wird. Es ilt für uns vielfach fchon ein Schlaga 61 wort geworden, das oft und gern an* gewandt wird. — Als der Krieg ausbrach, trat ich in den erften Tagen des Auguft als In* fanterift ins Heer ein. Im Oktober 1914 ging's ins Feld. Wir kamen nach dem Glien. Hier follte nun ein persönliches Erlebnis mein ganzes Wefen, meine Anfichten und Überzeugungen gänzlich verändern. Wir kamen bei unferem Rückmarfch von Iwangorod nach Zarki, einem kleinen Städtchen, das zum groß* ten Teile von armen polnifchen Juden 'bewohnt war. Ich lernte fie kennen, in all ihren Wefenseigentümlichkeiten. Es betrübte mich, zu fehen, unter welchen traurigen Verhältniffen fie ihr Leben friften mußten und welchen Ein* fluß diefes Leben auf ihren Charakter und ihren Gefchäftsgeift hatte. Da kam der Freitag Abend heran. Ich wohnte mit einem Teil meiner Korpo* ralfchaft bei einem armen alten Juden, der in zwei kleinen unfauberen Stübchen mit Frau und fünf Kindern häufte. Jetzt mußten fie fogar alle mit einem Stübchen vorlieb nehmen. Als ich abends an meinem Kommißbrot zehrte, hörte ich nebenan beten und die Neu* gier veranlaßte mich, mit hineinzugehen. Ich betete mit ihnen. Sie waren alle fichtlich überrafcht, daß ich ihnen fo gut folgen konnte. Nach dem Ende des Abendgebetes geltend ich ihnen, daß ich die hebräifchen Gebete nicht überfetzen könne, ja von vielen Ge* beten nicht einmal den Sinn verbände. Danach gab es das AbendelFen, be* ftehend in einem kleinen Stück Fifch <für zwei zu wenig)! Als ich den alten Juden fragte, wie es denn möglich fei, daß fie davon fatt werden könnten, fagte mir der Greis: »Uns hat fchon das Beten gefättigt. Unfer Gebet, die Liebe zu Gott und die Hoffnung auf beflere Zeiten in unferem Lande hilft uns über den Hunger hinweg,« Als ich ihn fragte, was er mit den belferen Zeiten in unferem Lande meine, antwortete mir der Jude mit jenen unver* geßlichen Worten: »Ihr da im Weften kennt diefe Sehnfucht nicht, Ihr habt Geld und feid glücklich. Statt uns zu helfen, fpottet Ihr unfer. Das Geld, was Ihr uns fchickt, das gelangt nicht zu uns und hilft uns auch hier nichts. Schafft uns lieber eine Heimat, wo auch wir frei und ohne Furcht leben und glücklich fein können. Ihr habt die