Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 11 (1.11.1938)
- Date
- 1938-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2825247-2825394-2825405--1359-2827051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nummer:lf_ _-_ Jfidiych.ö Seh1 ungleich j^ewachsenTistrßinzinc^mt^daä^ie meisten Lehrer' — nicht nur die in Kleirigemeinden -^- heute-mit sozialen und vielen arideren außerschulischen Aufgaben betraut sind, die1 ebenfalls vollen Einsatz verlangen. Es ist leider, leider, von wenigen Einzelfällen abgesehen, eine gewisse Müdigkeit anzutreffen, weil der Arbeiten gar zu viele bewältigt werden müssen. Es soll nun um alles nicht dieser Müdigkeit das Wort geredet werden. Man muß im Gegenteil mit allen Mitteln dagegen ankämpfen. Aber wer kann die T at Sachen übersehen, wer kann die1 Verantwortung tragen, sie zu beschönigen? Aber — das weiß der Lehrer: seine Jugend darf nicht darunter leiden, dfer Unterricht muß weiterhin erfolgreich sein, wenn er nicht sein jüdisches Gewissen belasten will! Und unsere Jugend? (Fängt der auch noch an? hör ich schon rufen.) Nein, er fängt nicht an. Ich habe mich schon mehrmals gegen die Psychose des Schreckens und der Verzweiflung gewandt, die die Jugenderzieher in ihrer Arbeit ergriffen hat. Ich möchte auch hier mit allem Nachdruck wiederholen, daß unsere jüdische Jugend ein Gut unserer Gemeinschaft und der wertvollste Energie- und Kräftespeicher für die Zukunft ist. Was einzig das Gesicht der Jugend verändert, ist die ungewöhnliche Lebenslage, sind die Umstände, die. ihr Dasein bestimmen. Und dieses Gesicht tragen auch wir, wenn wir uns ehrlich selbst betrachten. Dieses veränderte Gesicht der Jugend (unser Gesicht!) erschwert allerdings die Aufnahmefähigkeit (aber macht sie nicht unmöglich). Und der Unterricht, will er weiterhin zielstrebig und erfolgversprechend sein, muß dem Rücksicht tragen. Und damit müssen wir uns die Unbedenklichkeit abgewöhnen, müssen die Kritik an uns selbst und unserem Unterricht einführen. Der erste Gedanke, der die Stunde einleiten soll, muß der sein: Vorsicht! Vorsicht, daß Du die Schwierigkeiten nicht unterschätzest, die in den Sachen und Personen liegen! Vorsicht, daß Du die schwindenden Kräfte nicht noch verzettelst] Es mag ein ketzerischer Gedanke sein, aber es ist ein unbedingt notwendiger: Wenn mit weniger „Drum und Dran" der gleiche Erfolg gezeitigt werden kann, dann ist es Pflicht an den Schülern, an sich selbst und an der Gegenwart, so, mit vereinfachten Mitteln, zu verfahren. Das bedeute keine Aufhebung der Methodik, es sei vielmehr die Forderung, die oben angedeuteten Erkenntnisse der Jetztzeit —: die allgemein die Methodik und bei uns Juden Lehrer- und Schülermaterial betreffen— in die Tat umzusetzen.; Nun aber: alles ist relativ. Was ist zu viel, und wo liegt das Minimum (lies: der goldene Pfad der Richtigkeit)? Darüber gibt es allgemein keine; glatte Regel. Da muß an die wahrhafte, unsubjektive Einsicht des Lehrers appelliert werden, an das Maß von Verantwortung sich und der Gemeinschaft gegenüber. Es dürfen keinesfalls mehr Theorien um ihrer selbst willen vertreten werden, es darf nicht mit allen Mitteln versucht werden, (und den Eindruck konnte man schon in konkreten Fällen gewinnen), voreingenommen auch andere zu beeinflussen. Es muß aber auch umgekehrt darauf geachtet werden, sich das Leben nun nicht zu leicht zu machen. Das ist eine neue Gefahr; und ich möchte nicht, daß diese Darlegungen irgendwie nun falsch verstanden. oder ausgelegt werden. Es sei betont, daß die Aufgaben des Lehrers eine Blickrichtung nach zwei Seiten bedingen: nach dem Zu viel und nach dem Zu wenig. Und es muß wiederholt werden, daß die methodische Arbeit hiermit nicht verworfen, sondern innerhalb ihres Rahmens als wertvolles Einsatzgebiet des Unterrichtes, gefordert wird. .i : Wer in dem eingangs angeführten Beispiele recht hatte, soll.— wie gesagt — nicht entschieden werden. Es war sicher' augenscheinlich, daß die Kräfte des Lehrers und der Schüler nicht verzettelt wurden. Es war andererseits in der Aussprache betont worden, daß es mit einfacheren Mitteln auch gehe. . Weshalb dann der Fall überhaupt angedeutet wird? Um die .Experten der einzelnen Gebiete einmal zu veranlassen» eine, gewisse normative Entscheidung zu treffen, wobei die oben gezeigten Variationen, die im Subjektiven beruhen, in •ul 2 e'i tiing _^[__Seite-: T ihrem "Spielraum beachtet "und' gewährt bleiben.? •: Es nutzt nichts, wenn leder weiter tut, was ihm gutdünkt, und in öffentlichen Aussprachen die Ansicht des Gegners genügend zu verachten gelernt hat. Und sollte man für eine derartige Festlegung von Erkenntnissen im Einzelfalle zu müde sein; so kann ich. nur den in diesen absichtlich ganz allgemein gehaltenen Ausführungen ganz allgemein gegebenen Rat wiederholen: Ehrliche Selbstprüfung, Vorsicht, Verantwortungsbewußtsein! Ist das zu ketzerisch? " Die Freude am Lehren Von Studienrat a. D. Dr. Willy Cohn Was in diesen Zeilen gesagt werden soll, ist vielleicht nichts Neues; aber in diesem Augenblick für jüdische Lehrer beachtsam V Das jüdische Schulkind von heute kommt am Morgen in seine Klasse mit mancherlei häuslichen Problemen belastet. Leider sprechen sehr viele Eltern — möglicherweise läßt es sich nicht vermeiden — allzusehr vor ihren Kindern von dem, was sie bedrückt, von den Sorgen des Alltags, von den Sorgen um die Zukunft, und um diese jungen Köpfe schwirren Ausdrücke wie Permit, Affidavit, Zertifikat, sowie um die Schülergeneration von 1923 die Worte Millionen und Milliarden. Was heute von der jüdischen Schulstube verlangt werden muß als das wichtigste Erfordernis für die Erhaltung jüdischseelischer Substanz, ist die Atmosphäre der Lebensfreude und der Bejahung des Daseins. Man wende nicht ein, daß auch der jüdische Lehrer mit Daseinssorgen behaftet ist. Man sage nicht: wie kann er Freude.um sich verbreiten, wenn er vielleicht mit dem Gedanken rechnen muß, daß in ein paar Jahren keine Kinder mehr dasein werden, die er unterrichten kann, daß er dann ohne Versorgung dasteht und vielleicht zu alt ist, um sich draußen eine neue Existenz aufzubauen. Das wissen wir alle, und das. ist alles richtig, aber im Augenblick, wo der Lehrer , vor der Klasse steht, hat er die Pflicht, das zu vergessen, Vielleicht darf ich da eine Erinnerung aus frühester Jugend einfügen. Ich mußte mich als Knabe einer Operation unterziehen, die ein sehr berühmter Chirurg ausführen sollte. Er war überaus nervös, und sein Auge schien dauernd zu flackern; aber man wußte, daß im Augenblick, wo er das Messer zur Hand nahm, es für ihn nichts anderes gab, als die Konzentration auf den Augenblick. Deswegen vertrauten ihm die Patienten und legten sich ruhig auf den Operationstisch. Wenn man afs Lehrer auf das Katheder steigt, wenn man auch den trockensten Stoff zu unterrichten hat, so muß man sich jetzt mehr als je sagen, daß diese Schulstube, dieser Hörsaal, diejenige Stätte sein soll, zu der der jüdische Alltag keinen Zugang findet. Ich rede nicht einer krampfhaften Lustigkeit das Wort, die das Kind gewiß als unehrlich empfinden wird, sondern ich meine, daß von dem Lehrer eine unbedingte Sicherheit ausgehen muß, die ihn befähigt, als Spender und freudig Gebender vor der Klasse zu stehen. Wir müssen dieser Jugend, die in wenigen Jahren in alle Welt zerstreut sein wird, schöne Kindheitserinnerungen an die Schulbank schaffen. Der verbitterte jüdische Lehrer darf nicht existieren. Und welche schönen Aufgaben stellt schließlich die jüdische Schule dem Lehrer! Einführen in ein vertieftes Judentum, Erschließen einer Welt, von der viele'der Kinder nie etwas gehört haben. Vorbereiten der Feste aus dem kindlichen Erleben heraus. Wenn man selbst lange Lehrer gewesen ist und überdies viele Kinder hat, dann hat man unmittelbar und mittelbar dte verschiedensten Lehrerperslönlichkeiten kennengelernt. Und wenn der Lernanfänger die Ferien unangenehm empfindet, weil er dann nicht bei dem verehrten Lehrer Unterricht hat, dann weiß man, daß dieser Lehrer eben die Fähigkeit hat, die Schule zu einem freudigen Erlebnis zu machend Wo äber bei älteren Kindern stärk das Verlangen nach Entschuldigungszetteln aufsteigt, ist irgend etwas nicht in Ordnung. * - Noch auf. etwas anderes sei hingewiesen. Man konnte bei •jüdischen Schülern früherer Generationen sagen, daß sie das, was, ihnen die Schule nicht gab, später noch nachholen konn-