Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1938-09-01 · 9 (1.9.1938) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
14 (1938)
Issue
9 (1.9.1938)
Date
1938-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2825247-2825394-2825403--1340-2827030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der Stundenzahl und moderner Unterricht werde wohl nicht viel nützen, wenn das Hebräische nur als Fremdsprache empfunden und behandelt wird. — Das nun folgende Referat von" Dr. Ehrmann-Berlin über „Modernen Unterricht" schloß sich den im allgemeinen üblichen Forderungen des fremdsprachlichen Unterrichts an. Er unterstrich die Notwendigkeit und Wichtigkeit der richtigen Aussprache und Betonung und empfahl angelegentlich das Hilfsmittel des Grammophons. In der Nachmittaigssitzung sprach Frl. Schiratzki- Berlin, zeichnerisch wirkungsvoll unterstützt von Herrn Riwkes, einem Lehrer ihrer Schule, über „Methodische Fragen des hebräischen Unterrichts auf der Unterstufe der jüdischen Volksschule" und gab ein eingehendes Bild von der Art, wie an ihrer Schule im eisten Schuljahre der hebräische Unterricht gestaltet wird. — Josef Jakob söhn-Berlin! legte In lebhaften, bezüglich des „wie" aber weniger deutlichen und klaren Ausführungen dar, worauf es ihm bei seinem „Tnach- Unterricht auf der Oberstufe der Volksschule" ankommt, nämlich: das Herz seiner Schüler für die Helden der biblischen Erzählung oder" des biblischen Buches zu gewinnen. Am zweiten Arbeitstage gab zunächst Dr. Kaleko-Berlin in wohldurchdachter und formschöner Weise einen „Ueberblick über die hebräische Bewegung in Palästina, in der Gola, insbesondere in Deutschland". Die hebräische Sprache habe für die Judenheit eine gar nicht zu überschätzende Bedeutung; sie sei ein Mittel zur Gesundung des jüdischen Volkes. Notwendig sei bei uns und in der ganzen Gola, die ja 15 Millionen Juden, zähle, eine umfassendere und straffere Organisierung der Bewegung. Bis zum letzten Augenblicke müsse ein jeder an seinem Platze mit ganzer Kraft für ihre Stärkung und Erweiterung arbeiten. Die letzten Referate hielten Berggrün-Berlin und Reznicov-Breslau über „Methodische Fragen des hebräischen Unterrichts bei Erwachsenen". -Ihre Ausführungen waren wohl von vornherein als „Korreferate" gedacht, und so waren sie auch in Auffassung, Ergebnis und Darstellung. diametral verschieden. An alle drei Sitzungen schlössen sich Aussprachen; der Nachmittag des zweiten Tages war ganz der Diskussion gewidmet. In den Aussprachen traten sich sehr gegensätzliche Ansichten gegenüber. Die Diskussion verlief zum Teil nicht ohne Schärfe und nicht ohne Kritik an der Konferenz als solcher. Dr. Urbach-Berlin drängte darauf, daß aus den Beratungen wenigstens einige praktische Maßnahmen hervorgehen sollten, was er ,und andere in. dieser Richtung an Vorschlägen unterbreitet hatten, wurde am Ende der Aussprache vorgelesen. Es wird der Reichsvertretung als Material zugeleitet werden. Einen /uneingeschränkt harmonischen und eindrucksvollen Verlauf hatte am Abend vorher die „Oeffentliche hebräische Veranstaltung" genommen, die in der Aula der Josef-Lehmann- Schule in der Joachimsthaler-Straße stattgefunden hatte. Der stattliche Raum konnte nicht alle Erschienenen fassen. Trotz der enormen Hitze lauschte die Menge in mustergültiger Ruhe und Aufmerksamkeit zunächst den Begrüßungsansprachen der Vertreter der ReichsveTtretung, der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, sodann den vorgesehenen Referaten. Dr. Josef Burg zeigte in ,,Hebräiseh und Wanderung" auf, welche Rolle als zusammenhaltendes Band und verbindende Brücke dem Hebräischen zufalle jetzt, wo die Familien und Gemeinden auseinander gerissen und die Glieder derselben in alle Welt versprengt werden. — Aufs lebhafteste begrüßt, sprach Meier Mohr in seiner geistreichen, humorvollen und pointenreichen Art über „Die 'hebräischen Schriftsteller in Palästina". Als letzter Referent legte Dr. Kaleko in großen allgemein gehaltenen Zügen und warmherzigen Worten Rechenschaft ab über „5 Jahre hebräischer Arbeit in Deutschland". Die große mit Verständnis der hebräischen Veranstaltungssprache folgende Versammlung bezeugte ihm durch ihre Anwesenheit und ihren Beifall, daß seine und seiner Mitarbeiter Tätigkeit einen schönen Erfolg zu verzeichnen habe. Rabbiner Dr. Grünewald dankte Dr. Kaleke, der nun nach Palästina übersiedelt. M. .Abraham. Einwanderung von Kindern und lugendlichen*) Im; Rahmen -der jüdischen Auswanderung aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten geht auch eine nicht unerhebliche Auswanderung unmündiger Jugendlicher ohne Angehörige vor sich. Die eine Gruppe, die Minderjährige jeden Alters, aber überwiegend 14—20jährige umfaßt, wandert auf Bürgschaften von amerikanischen Verwandten aus; diese sind oft nicht in der Lage, einer ganzen Familie zur Uebersiedhmg zu verhelfen, aber zu einer Bürgschaftsleistung für einen einzelnen Jugendlichen, der sich voraussichtlich bald nach der Einwanderung selbst erhalten kann, sind sie bereit und imstande. Hierbei ist zu beachten, daß die g setz liehe Schulpflicht in den Vereinigten Staaten bis zum 16. Jahr geht, und niemand früher in eine berufliche Tätigkeit eintreten darf. Andererseits ist der Besuch der Schulen für alle kostenlos, auch für Nichtamerikaner. Sowie diese jungen Menschen das berufsfähige Alter erreicht haben, erwartet man, daß sie sich auf eigene Füße stellen und sich ihren Platz im Berufsleben selbst erkämpfen. Diese Einstellung ist den in Deutschland zurückgebliebenen Eltern oft unverständlich und wird zuweilen sogar als Zeichen mangelnden Interesses für ihr Kind oder einer Zurücksetzung der Einwanderer gegenüber den Einheimischen1 angesehen. Dem ist jedoch nicht so,. sondern der Amerikaner erwartet ganz selbstverständlich auch von seinen eigenen Kindern, daß sie sich selbst durchsetzen, und wenn sie z. B. Begabung und Ehrgeiz für ein Hochschulstudium haben, sich dasselbe durch ein Stipendium infolge hervorragender Leistungen oder durch Nebenverdienst erarbeiten. " Eine Lehrlingsausbildung für praktische Berufe im uns vertrauten Sinne gibt es überhaupt nicht, sondern die jungen Menschen werden in den Arbeitsprozeß eingespannt, müssen sehen, wie sie vorwärtskommen und ihre Kenntnisse durch Abendkurse ergänzen. . Nur lebenstüchtige, anpassungsfreudige Jugendliche, die das neue Leben und die neuen Menschen nehmen wie sie sind, und ein Gefühl der Verpflichtung für die Chance haben, die man ihnen gibt, werden sich in die amerikanischen Verhältnisse gut einfügen. Hierbei spielt eine besondere Rolle die Eingliederung in das oft sehr anders gestaltete religiöse Gemeinschaftsleben, das vor allem in dem kleinen Orten von großer Bedeutung ist. Wer glaubt, nur die von Hause übernommenen Lebensformen , fortführen zu können, sollte lieber auf die gebotene Möglichkeit verzichten, wenn er sich nicht vorher hat vergewissern können, daß Sitten und Gebräuche in der neuen Familie völlig dem Gewohnten entsprechen. Die Verschiedenartigkeit dessen, was der Jude in Amerika oder in Deutschland etwa unter orthodoxer Lebensführung versteht, ist so groß, daß Kinder und Jugendliche, die eindringlich von ihrer Familie dazu angehalten werden, auch in der neuen Heimat die ihnen bisher vertrauten religiösen Formen genau einzuhalten, und die dann auch meist selbst das Verlangen danach halben, begreiflicherweise in der neuen Umgebung in Gewissenskonflikte kommen, aus denen sie keinen Ausweg sehen. Eine entscheidend wichtige Rolle für eine möglichst reibungslose Eingewöhnung junger Menschen spieltdas Maß der mitgebrachten Kenntnisse der englisch e n Sprache. Manche Reibungen -bei der Einordnung und manche Heimwehqualen könnten vermieden werden, wenn *) Aus dem „Korrespondenzblatt für Auswanderungs- und Siedlungswesen". „

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.