Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 8 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 8 wurde. Im Jahre 1938 wurden 99 westjüdische und 170 ostjüdische Schüler gezählt. Beide Kategorien verminderten sich also fast um die gleiche Anzahl. Betrachten wir zunächst den Ernährungszustand. Bezeichnen wir den Ernährungszustand der Schüler mit „gut'', „mäßig" und „schlecht" (es ist zu bemerken, daß bei der ersten Untersuchung nur zwischen „gut" und „mäßig" unterschieden wurde), so ergibt sich folgendes: Tabelle 3. gut mäßig schlecht 204 86 108 K. 52 K. 96 M. 34 M. 188 72 9 114 K. 42 K. 5 K. 74 M. 30 M. 4 M. Von den erfaßten Schülern befanden sich 1937 29,6% und und 1938 30,1%, also fast ein Drittel, in keinem ausreichenden Ernährungszustand. Der Hundertsatz dieser Kinder ist konstant geblieben. Die wichtigste Untersuchungsmethode bei Reihenuntersuchungen ist zweifellos immer noch die Messung und Wägung. Sie ist eine einfache objektive Methode, wodurch verglichen mit den bekannten Normalzahlen (Tabellen nach Camerer und v. Pirquet) bei einer sehr großen Zahl von Untersuchten völlig ausreichende Ergebnisse erzielt werden. Sich komplizierter Konstitutiorisforrneln zu bedienen, halte ich für überflüssig — wenigstens bei Schulreihenuntersuchungen —; denn auch diese sind nicht frei von Fehlerquellen. Körperlänge. Von den Knaben waren bei den Untersuchungen im Jahre 1937 65,1% und 1938 72,3% größer als ihr Altersdürchschnitt. Von diesen erreichten 1937 34,9% und im Jahre 1938 27,7% nicht die ihrem Alter entsprechende~Normalgröße. Bei den Mädchen lagen die Dinge so, daß sogar 1937 78,2% und 1938 78,5% über dem Altersdurchschnitt standen oder ihn erreichten. Den Altersdürchschnitt erreichten von den Mädchen nicht: 1937 21,8%, 1938 21,5%. Diese Zählen beweisen die schon seit langem bekannte Erscheinung, daß die Jugendlichen überdurchschnittlich an Körpergröße und Gewicht zunehmen. Was die Körpergröße anbelangt, so trifft dies auch für unsere Schüler zu. Anders dagegen verhält es sich beim Gewicht. Körpergewicht. Betrachtet man das Gewicht der Kinder im Verhältnis zur Körperlänge, so ergibt sich folgendes: 1937 wiesen von den Knaben nur 29,4% und 1938 31,8% ein größeres Gewicht auf als der Körperlänge entspricht oder erreichten das Normalgewicht; 70,6% und 68,2% blieben darunter. Ein wesentlich günstigeres Ergebnis zeigten die Mädchen. Bei ihnen standen 1937 47,6% und im Jahre 1938 47,9% über dem Normalge wicht; 52,4% und 52,1% blieben darunter. Es zeigt sich, däß das Verhältnis von Körperlänge und 'Körpergewicht zur Normalzahl bei beiden Reihenuntersuchungen bei den Mädchen konstant geblieben ist; aber auch bei den Knaben sind die Schwankungen nur klein. Das Gewicht der Kinder bleibt also ganz beträchtlich hinter dem entsprechenden Normalgewicht zurück. Wir beobachten auch bei unseren jüdischen Schulkindern die allgemein bekannte Tatsache der überdurclisichnittlichen Körperlänge, vermissen den Ueberdurchschnitt aber beim Gewicht. Die ist aber nun nicht dadurch zu erklären, daß man eine besonders schlechte körperliche Veranlagung der Kinder annehmen müßte, sondern ist in den meisten Fällen durch das soziale Milieu, aus dem die Kinder stammen, bedingt. Ohne auf diese Dinge, die einer eingehenden Untersuchung wert wären, näher einzugehen, sei nur soviel gesagt, daß leider eine sehr große Zahl von Kindlern aus häuslichen Verhältnissen stammt, wo sehr viel im Argen liegt: Pflege, Erziehung und Ernährung. Die Wachstumsfunktion des Organismus' wird aber durch äußere und innere Schädigungen viel geringer und später beeinflußt als die Funktion des Körperansatzes. \ Eine Parallele hierzu weisen junge ernähmmgsgestörte Säuglinge auf, bei denen selbst bei schwerer Krankheit das Längenwachstum ungestört weiter geht, während eine Gewichtszunahme fehlt oder selbst eine Abnahme zu beobachten ist. ' Aendern wir das Milieu bei diesen untergewichtigen Schulr kindern, so können wir fast immer eine rasche und große Gewichtszunahme feststellen. Leider lassen sich die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der in Betracht kommenden Familien — es sind in der Mehrzahl ostjüdische Familien, wo auch oft Ernährungsschwierigkeiten aus rituellen Gründen in Frage kommen — mit unseren Mitteln nicht mehr ändern. Aber selbst mit Palliativmaßnahmen— z. B. mit einer ausrei-. chenden warmen Mahlzeit im Tag — erzielen wir meistens sehr gute Gewichtszunahmen. Hierzu gehört auch die Verschickung erholungsbedürftiger Kinder, worüber weiter unten noch etwas zu sagen sein wird. Fußsichäden. Gehen wir nun im einzelnen auf die' Befunde ein, die bei den Untersuchungen erhoben werden konnten, so seien zunächst die Fußschäden erwähnt. 1937 wurden bei 34,8% und 1938 bei 31,2% aller Schüler Fußschäden festgestellt. Tabelle 4 gibt die absoluten Zahlen. Tabelle 4: Jahr Anzahl Kn. M. 1937 101 60 41 1938 84 36' 48 Veränderungen an den Füßen wurden bei einer recht großen Anzahl von Kindern festgestellt. Es handelte sich allerdings meistens um einfachen Plattfuß, der kaum Beschwerden machte und auch in vielen Fällen schon durch Einlagen korrigiert war. Wo das nicht der Fall war, wurden in Verbindung mit dem behandelnden Arzt entsprechende Anordnungen gegeben. Knochenveränderungen. Veränderungen au der Wirbelsäule wurden 1937 bei 12,3% und 1938 bei 14,5% der Schüler festgestellt. Davon ist nur ein kleiner Teil als schwere Verbiegung zu bezeichnen, der größere Teil als-Veränderungen leichterer Art und als Haltungsanomalien. Hier kämen — wo die Möglichkeit dazu gegeben ist — orthopädisches Turnen oder orthopädische Schulturnübungen in Betracht. Die Aufteilung dieser Kinder zeigt Tabelle 5. Jahr Anzahl Kn. M. 1937 36 26 10 1938- 39 26 13 Auffallend groß dagegen war die Zahl der Kinder mit Knochenveränderungen am Brustkorb, von abgelaufenen rachitischen Prozessen herrührend. In einigen Fällen waren diese Veränderungen so groß, daß sie für eine größere Anfälligkeit besonders für Erkrankungen der oberen Luftwege verantwortlich gemacht werden konnten. Tuberkulose. Bei der Untersuchung im Jahre 1937 bestand bei 11 Schülern — 9 Knaben, 2 Mädchen — der Verdacht auf das Vorliegen einer tuberkulösen Veränderung der Lungen und Drüsen, sei es daß der klinische Befund darauf hinwies, sei es, daß die Anamnese Verdachtsmomente ergab. Diese 11 Schüler wurden nicht nur eingehend ärztlich untersucht, sondern auch röntgendurchleuchtet. Es konnte festgestellt werden, daß bei keinem Kinde ein aktiver tuberkulöser Prozeß vorlag. - Im Jahre 1938 wurden nur 2 Knaben als tuberkulosegefährdet bezeichnet. In dem einem halle ist der Vaier des Kindes an Tuberkulose verstorben. Bei dem Schüler liegen jedoch Keinerlei Anhaltspunkte für Tuberkulose vor. — Der andere Knabe hat längere Zeit mit seinem an offener Tuberkulose leidenden Vater in häuslicher Gemeinschaft gelebt. Auch bei diesem Kind liegt z. Z. keine Tuberkulose vor.. Zähne. Behandlungsbedürftige Zähne wiesen 1937 19,5% 1938 aber 35,6% aller Schüler auf. Es ist nicht" recht zu er-