Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 6 (1.6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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14. lahrgang ■■-^ Vlerlägsört: Mannheim, 2l / Nummer „6 Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik v Organ des Reichsverbiandes der jüdischen Lehreryereine (GeschäiFtistelle des Verbandes : Berlin C 25^ Kaiserstraße 29) Die „lüdische. Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.75 pro Quartal. Mannheim, den i. Juni 1938 Druck und Verlag: Gebrüder Neubauer,-Ludwigshafen a. Rh. Redakteue: Dr.Siegf riedBraun K Ö l n - S ü l z, UnkelerstraUe 17; Preisausschreiben der Julius - Höxter- Stiftung Gemäß Absatz 7 der Bestimmungen der Julius-Höxter- Stiftung stellt der Wissenschaftliche Ausschuß der Stiftung folgendes Thema zur Bearbeitung: „Die jüdische Schule in dieser Zeit". Die Arbeit, die einseitig mit der Maschine zu schreiben und mit einem Kehnwort zu versehen ist» muß dem Vorsitzenden des W. A. eingereicht werden. Letzter Ablieferungstermin ist der 31. Dezember 1938. Ein Briefumschlag, der die Anschrift des Verfassers umschließt, und der als Anschrift lediglich, das Kennwort der Arbeit trägt, ist beizufügen. Einsendungen, die den hier angegebenen Vorschriften nicht entsprechen, werden vom W. A. nicht geprüft werden. Dr. Siegfried Braun,; Köln-Sülz, Unkeler Straße 17 '' Vorsitzender des W. A. Ueber Fragen der Auswanderer-, Umschichtungs- und Minderheits - Pädagogik von Prof. Dr. Ernst Kantorowicz . - " ' •. II. ■ . Der Weg der Berufsumschichtung, den ein großer Teil der jüdischen Jugend geht, ist zugleich der Weg einer sozialen Umschichtung. Die Jugendlichen, die aus bürgerlichen Schichten stammen und in ihnen zunächst aufwachsen, sind im Begriff, sich der handwerklichen oder landwirtschaftlichen Arbeiterschaft einzugliedern. Dieser Lebensweg muß natürlich von Einfluß auf die Auswahl der Bildungsgüter sein, und er stellt den Lehrer und Erzieher, der selbst bürgerlichen Schichten angehört, vor die Aufgabe, Bildungsgüter für eine ihm selbst mehr oder weniger fremde, Lebenslage auszuwählen. Die Bildung etwa eines Landarbeiters bedarf auch, soweit sie über die berufliche Bildung im engVren Sinn hinausgeht — anderer Stoffe und :ist, wenn sie echt sein soll, auch nur an anderen Stoffen möglich als die Bildung, des kaufmännisch oder intellektuell berufstätigen Städters. Das kommt schon in Art und Umfang des Wortschatzes zum Ausdruck. Gewiß braucht darum der wortkarge Landarbeiter nicht weniger gebildet zu senr als der wortreiche Handlungsgehilfe. Die Frage ist nun, was man dieser Jugend von den Bildungsgütern und der Bil- "dungshaltung des Bürgertums mitgeben .soll, ja, ob man ihr überhaupt etwas davon mitgeben darf, .oder ob man sie damit nur unglücklich macht. "'*"'." Es »kann, zweifelhaft sein, ob. diese^ Bildungsgüter später weiter gepflegt werden können, und ob nicht ihr Erwerb ohne weitere Pflegemöglichkeit innere Zerspaltenheit und Lebenshemmung bewirkt. Drückender Ballast/ dessen Abwurf Befreiung zu einheitlicher Lebensganzheit bedeuten würde? — Andererseits kann erhofft werden, daß solche einmal erworbene Bildung, auch wenn sie später nicht weiter gepflegt werden kann, doch in die spätere Eebenssituation mit hineinwirkt, was gewiß z. B. für den kulturellen Aufbau in Palästinavon«* großer Bedeutung sein kann. Dürfen wir aber darum, schon alle in der Umschichtung stehenden Jugendlichen zu „Pionieren" erziehen? Denken wir daran, welche körperlichen^ geistigen und seelischen Kräfte schon die tägliche Lebensnotdurft in Anspruch nimmt, und denken wir daran, daß nicht jeder Jugendliche zu den Kräftigsten gehört, so ist klar, daß wir bei unseren Ueberlegungen nicht nur an die Ia-Qualität denken dürfen, sondern wir müssen auch die schwachen. Dreier berücksichtigen. Wenn wir die Masse der Jugend überfordern, dann würden wir mehr Schaden als Nutzen anrichten. Was not tut, ist eine elementare Bildung der Masse der Jugendlichen. Wir wollen uns gewiß der Begabten freuen und wollen sie besonders fördern, aber wir wollen uns bewußt sein, daß jede Begabung in gefährliches Literatentum ausläuft, wenn sie nicht auf eine elementare Bildung gegründet wird. Zu solcher elementaren Bildung gehören die Grundfächer, die schon im Mittelpunkt der Volksschularbeit stehen: Neben dem schon berufsnotwendigen Rechnen, vor allem eine Denk- und Sprachschulung, die den jungen Menschen instand setzt, einen einfachen Arbeitsvorgang oder eine Beobachtung m klarer Ordnung, grammatisch und orthographisch einwandfrei, mit lesbarer Handschrift und sauber schriftlich (und entsprechend auch mündlich) darzustellen. Das erfordert einen regelrechten A u f s a t z u n t e r r i c h t. Der Jugendliche muß ferner die biologischen Funktionen und Lebensgesetze seines Körpers kennen, um ihn kräftig und gesund erhalten zu können, und er muß imstande sein, erste Hilfe bei Unglücksfällen zu leisten. Unsere Eingliederung in historische und soziale Zusammenhänge teilweise höchst komplizierter Art macht .es notwendig, ein Wissen von diesen Zusammenhängen zu übermitteln, das es ermöglicht, sich zurechtzufinden. Hinsichtlich der historischen Zusammenhänge dürfte .die Wissensübermittlung besonders schwierig sein, nicht nur, weil die Geschichte der großen Geschichtsvölker anders verläuft als die Staats-, Geistes- und Sozialgeschichte der Juden, sondern auch, weil wir vor einer Masse von Daten stehen, aus denen das ausgewählt werden muß,- was der Jugendliche in der Kürze der Zeit bewältigen kann. Erzielt werden sollte ein Verständnis für historische Betrachtungsweise, ein Epochenbewußtsein, die Kenntnis der Entstehung^der großen modernen Weltreiche; Wichtig wäre u. a. ein Einblick in den geschichtlichen Prozeß der Individualisierung, der Auflösung und Unw Wandlung überkommener sozialer Ordnungen, *, in dem die Emanzipation der Juden ihre Stellung hat, und durch dessen Kenntnis manche Wesenszüge der Gegenwart wohl überhaupt erst verständlich werden. Wenn wir> daran denken, daß jeder