Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 2 (1.2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer- 2 J ü d i s c h e S c h u 1 z e i t u n g Seite 7 Was wird aus der schulentlassenen jüd. Jugend? '~. Mit den Eltern fingt auch die Schule um diese Frage, und gerade in den letzten Wochen des Winterhalbjahrs tritt an die Lehrenden die Aufgabe in aller Dringlichkeit heran, Rat zu geben, , auf daß die jungen Menschen den rechten Weg in die Zukunft finden. Wir lassen hier zwei Schulmänner ihre Meinung aussprechen, die zwei altersmäßig verschiedenen Generationen angehören, und wir haben den Wunsch, daß die Aussprache ihre Fortsetzung finden möge. Die Redaktion Nur noch wenige Monate trennen uns von der Entlassung eines Schülerjahrganges der Volks- und Mittelschulen und der Anmeldung oder Abwanderung eines 4. Jahrganges der Volksschule hinüber zu einer Mittelschule. Es ist dringend nötig, daß die gesamte Lehrerschaft den Eltern dafür beratend zur Seite stehen und sie den rechten Weg führen soll. Noch nie ist das wichtiger gewesen als heute. Von langen Jahren her war es eine der verkehrtesten Maß7 nahmen, daß unsere Eltern ihre Kinder nach der 4. Grundschulklasse — mancherorts schon nach der dritten — beinahe wahllos auf eine Mittelschule — in Norddeutschland sagt man auf eine Höhere Schule — gaben: mindestens sollte jedes Kind das „Einjährige" erreichen; ein großer Teil mußte neun Klassen durchlaufen, oft unter den größten Anstrengungen und Opfern. 30—40% blieben in den mittleren Jahrgängen stecken, diese vielen mittleren Intelligenzen; sie hatten dann keinen Abfluß weder nach unten noch oben und waren richtig verpfuscht. Es sieht heute beinahe so aus, als hätten viele Eltern noch immer nichts gelernt. Diese Sucht nach der höheren Schule will auch heute noch nicht aufhören. Man schielt hinüber nach den Schulen des Auslandes, um dort die „Bildung" fortsetzen zu können. Es ist selbstredend, daß wir dafür sind, keine geistige Verarmung und Verkümmerung eintreten zu lassen. Wir brauchen guten, geistigen Nachwuchs — aber die Auswahl muß objektiv und sachlich erfolgen, und nur die wirklich hervorragend Begabten sollen rein geistigen Studien zugeführt werden. Wir wollen hier nicht im einzelnen ausführen, wie und wann (in welchem Alter) das individuell festzustellen ist. Eines steht aber fest: Die Mehrzahl unserer Ju- -gend muß einen anderen Weg gehen: den Weg zum praktischen Leben, wie ihn die Mittle renhachscharah oder die Jugendalijah bieten. Die geistige Bildung kommt auch hieT zu ihrem Rechte, nur in anderer Weise und mit anderen Methoden. Die chaluzischen Verbände gehen mit gutem Beispiel voran; es mögen auch hier Schwankungen und rückläufige Bewegungen zu beobachten sein; aber in der Hauptsache gehen sie den rechten Weg: Förderung der manuellen, handwerklichen Berufe; Bildung von Auge und Hand. Der geistige Gewinn, der auch bei diesen Arbeiten zu erreichen ist, ist ganz besonders tiefer Art, geschöpft aus der eigenen Arbeit und Erkenntnis der Dinge und des Stoffes. Und damit ausgerüstet, kann der junge Mensch hinausziehen und überall unterkommen; ein neues, gesunderes Leben beginnen, als es die Alten gewohnt waren und das sich als sehr labil erwiesen hat. Also hinein in diese chaluzischen Bünde — das muß die Losung sein. Ihnen steht ein zentraler Arbeitskreis zur Seite zur Gestaltung einer vernünftig e nBerufswahl für den Einzelnen, der für sich die Lage nicht übersehen, kann und solche erfahrene Führung braucht. Dr. I. Bamberger, Nürnberg. * Die Mittlerenhachscharah. , Zu. Ostern 1938 werden wieder an 41/£ Tausend jüdischer Jugendlicher aus der Schule. entlassen. und stehen vor der Frage der Berufsentscheidung. Da in keinem Teil der jüdischen Jugend in Deutschland mehr daran gedacht, werden kann, einen Beruf zu erlernen, um ihn in Deutschland auszuüben, ist. die Frage der Berufsentscheidung eng mit-der Frage der Auswanderung verbunden, denn die Wahl des Berufs wird weitgehend davon abfängig^semH^ unter welchen Bedingungen «--et«ausgeübt^werden; soll;"-In •'diesem Aufsatz soll nichi die. Frage in, ihrer garizeij/.BrMte'aufgexoJlt werden, sondern es soll nur von dem Teil der jüdischen Jugend aus Deutschland gesprochen werden, der seine Zukunft in Palästina suchen will. Man mag die Aussichten der Juden in den verschiedenen Ländern der Welt verschieden beurteilen, man mag voll banger Unruhe die Entwicklung in Palästina verfolgen, fest ist in uns die Ueberzeugung, daß nur dort unserer Jugend die Möglichkeit gegeben werden kann, als Juden ein freies und gesundes Leben zu führen. Wir wissen, daß uns dieses Ziel nicht kampflos zufällt, aber wir wissen auch, daß es groß genug ist, um von uns Ausdauer und auch Opfer zu fordern. Die heutigen Schwierigkeiten in Palästina können uns nicht dazu bringen, an dem Werk irre zu werden, denn wir glauben an seine Zukunft und an unser Recht, der jüdischen Jugend in dem Weg nach Palästina den besten Weg für ihre eigene Zukunft und die ihres Volkes zu zeigen. — Welcher Weg führt nun heute den jüdischen Jugendlichen aus Deutschland am besten nach Palästina? Es ist bekannt, daß Landwirtschaft und Handwerk die Grundlagen der jüdischen Gesellschaft in Palästina sein müssen. Erziehen wir unsere Jugend planmäßig für Palästina, so ist es allein sinnvoll, auf diesen Gebieten die berufliche Ausbildung vorzunehmen. Neben der Jugendalijah, die Jugendliche im Alter von 15—17 Jahren nach Palästina bringt, um ihnen dort die berufliche Ausbildung zu geben, hat der Hechaluz in Deutschland seit einiger Zeit eine Möglichkeit geschaffen, hier in Deutschland der schulentlassenen Jugend im Alter von 15—17 Jahren eine Berufsausbildung in Landwirtschaft und Handwerk zu geben, um diese Jugend, dann nach Beendigung einer zweijährigen 'Berufsvorbereitung nach Palästina zu bringen. Dieser Einrichtung, der Mittlerenhachscharah, wird in Zukunft eine wachsende Bedeutung zukommen, so daß es notwendig ist, auch das Augenmerk des Lehrers auf sie zu lenken. Die landwirtschaftliche und gärtnerische Ausbildung erfolgt auf Gütern, die von der Reichsvertretung für die Mittlerenhachscharah eingerichtet wurden oder teilweise zur Verfügung stehen. Für solche Jungen, die eine besondere Eignung und besonderes Interesse für ein Handwerk haben, besteht die Möglichkeit einer handwerklichen Ausbildung an einer der Lehrwerkstätten, wie sie in verschiedenen Großstädten Deutschlands eingerichtet worden sind. Um denjenigen Jungen, die aus kleineren Orten kommen, in den Großstädten geeignete Unterkunftsmöglichkeiten zu schaffen, hat der Hechaluz an mehreren Orten im Anschluß an die Lehrwerkstätten Wohnheime eingerichtet, in denen die Jungen unter Leitung eines Führers gemeinsam leben. — Die Ausbildung der Mädchen umfaßt in .erster Linie die Arbeiten des Haushaltes, doch werden sie auf allen Gütern natürlich auch in den verschiedenen Zweigen der Landwirtschaft unterrichtet Das Besondere der Mittlerenhachscharah liegt nun darin, daß neben der eigentlichen Berufsausbildung die geistige Schulung weiter fortgesetzt wird. Dies ist um so notwendiger, als bei dem frühen Abschluß der Schulbildung vieler Jugendlicher oft noch große Lücken in Wissen und Bildung vorhanden sind. Um dieses Ziel zu erreichen, ist die tägliche Arbeitszeit auf sechs Stunden festgesetzt, während die übrige Zeit dem Lernen dient. Hier stehen natürlich die jüdischen Fächer und Hebräisch im Vordergrund, doch werden auch andere Fächer, wie vor allem Geschichte und Naturwissenschaften in das Arbeitsprogramm miteinbezogen. — Neben der Berufsausbildung und dem Lernen ist einer der größten Werte der Mittlerenhachscharah die Erziehung zur Gemeinschaft, wie sie durch das gemeinsame Leben und Arbeiten gefordert wird. Die Anforderungen, die das Leben in der Gemeinschaftan jeden Einzelnen stellt, sind groß und tragen Iii hohem ^Maße dazu bei, das Gefühl für Verantwortung, Disziplin und Kameradschaftlichkeit zu stärken. Dies sind Werte, die neben dem Wissen und der Beherrschung des Berufes dem jungen Menschen erst die Befähigung geben, seinen richtigen Lebensweg zu finden. Die Ausbildung in der Mittlerenhachscharah dauert zwei bis drei Jahre. Am Ende dieser Zeit sollen die Gruppea die während ihrer Ausbildung zir einer wirklichen Gemeinschaft zusammengeschmolzen sind, gemeinsam nach Palästina gehen.