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Jüdische Schulzeitung · 1937-01-02 · 1 (2.1.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
13 (1937)
Issue
1 (2.1.1937)
Date
1937-01-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nummer-1. J ü d i s c h e S c h u Lz e i t u n g Seite- 5 Zum Thema: „Auswanderungskunde" „ Der Verfasser des. Aufsatzes „Auswanderungskunde in den Oberklassen" in der Dezembernummer d. Bl., Koll. Dr. Mandelbaum hat einen notwendigen weiteren Schritt auf dem Wege zum „Unterricht nach jüdischen Unterrichtsprinzipien", zur Stoffauswahl nach eigenständigen Gesichtspunkten getan. Er läßt das Fach „Erdkunde" Träger, materielle Grundlage formaler Richtlinien sein; und auch unseres Erachtens hat er mit Berechtigung nicht die Forderung nach Schaffung eines besonderen Faches „Auswanderungskunde" erhoben. Im Folgenden sei gezeigt wie ein solches Unterrichtsprinzip als selbständige Wertimg und — es sei schon vorausgegriffen —als Teil einer Gesamtwertung angewandt werden kann. Es ist doch so, daß jüdische Ausrichtung des Unterrichtes im Grunde heißt: objektive Welttatsachen mit jüdischen Augen zu betrachten, sie erstens zu w e r t e n und zweitens auszuwerten. Weil es einjüdisches Leben in einer jüdischen Gegenwart gibt, soll uns und nach uns unseren Kindern der Zusammenhang, unseres Seins mit allem Außengeschehen, die Hineinstellung unserer Gesamtperson „Jude", und Einzelpersonen ,JJuden" in das Spiel der Kräfte aufgehen. ., '.Eine solche.„wertende Erdkunde" gibt es auch anderswo; und zur-.Betrachtung der Methode unseres Faches ist es gut, den Blick auf gegenwärtige Versuche und-Systeme neuerer Methodik der Erdkunde zu richten. Es stellt sich heraus, daß die ^wertende Form in den mannigfaltigsten-und verschiedensten. Prinzipien angewandt ist; rund da es: sich jeweils stets um f o r rri a l e Gesichtspunkte handelt, hindert nichts, diese Methoden auf Eignung zur Anwendung eines anderen Gesichtspunktes hin zu untersuchen. Vielleicht kommen dadurch zu den bereits gegebenen Prinzipien der Stoff a ü sav a h! noch einigeGrundthesen der Stoff g e s t a 11 u n g hinzu. Harms hat den Grundsatz der „Vaterländischen Geographie", Hauptmann u. a. stellen das System einer „Nationalen Erdkunde" auf. Jenes Prinzip fordert die Betrachtung auch außerdeutscher geographischer Einheiten vom vaterländischen Ständpunkt aus; dieses System dagegen sucht in die Zusammenhänge zu dringen, die Inland und Aüsland verbinden, die Kräfte zu erkennen, die eigene und fremde Interessen treiben, und jeweils zur Bereicherung der Erkenntnis der Heimat Schlußfolgerungen auf das eigene Land zu ziehen, so daß erst mit Abschluß der außerdeutschen Erdkunde die Heimatgeographie ein sich allmählich vervollständigendes und abgerundetes Bild, erhält. — Die Wertung erhält einen weiteren und umfassendgültigeren Charakter in dem Gedanken der „Kulturgeographie". Hier wird als Blickrichtung die kulturelle Bedeutung der betreffenden geographischen Einheit genommen, und die erdkundlichen Gegebenheiten erscheinen als die notwendige Grundlage und zwangsläufige Hinführung zu gerade dieser Bedeutung. Die Aufgabe erscheint, dem Schüler die Gesetzmäßigkeit aufgehen' zu "lassen. Wir Juden können nicht den Gesichtspunkt des Vaterländischen oder des Nationalen anwenden; doch Aufbau und System oben kurz skizzierter Unterrichtswege erscheinen brauchbar. Neben der kulturellen Bedeutung und innerhalb dieser hat jedes Land für uns eine jüdisch-bezogene, eine „Galuth"-Bedeutimg, und diese kann Richtung der Methode sein, Richtimg, Ziel — aber nicht Ausgangspunkt. Nicht sollte der Beginn des Unterrichts, sein: „Südafrika ist ein Auswanderungsland; wir wollen untersuchen, warum." Sondern aus den geographischen und geopolitischen Gegebenheiten soll schließlich das funktionale Ergebnis sich darstellen: Südafrika ist d a r u m für uns ein Auswanderungsland. Der Lehrer stehe unter dem Leitgedanken, nicht aber der Schüler; Nur die Induktion gewährleistet die objektive und „wissenschaftliche" Einstellung des Schülers; Deduktion führt zur Haarspalterei, alles wird einem Gesichtspunkt unterstellt, auch das Falscheste; und Absurdeste; das Unmöglichste wird durch eine Spitzfindigkeit „gleichgeschaltet" — der Schüler kommt leicht zur Sophisterei. Sowie die Kulturgeographie die Kultur als Funktion der Geographie erkennt, so sei uns die Galuthbedeutung des Landes Funktion. Die erste These unserer Methode sei also: Induktion! Wie kann danach, aber die Zielangabe einer Unterrichtseinheit lauten? Nicht: „Südafrika — ein Auswanderungsland." Sondern: „Die Galuthbedeutung Südafrikas" o. ähnl. Zielangabe hat ja nicht den Zweck der bestimmten Umreißungy der Festlegung; sie soll vielmehr Spielraum lassen, das Interesse (Herbart!) wecken und in eine Richtung lenken. Die zweite These lautet daher: Richtungweisende, aber nicht festlegende Zielangabe! Man beginnt also nicht mit Bildern und Zeitungsberichten, sondern man hört damit auf. Und drittens: Darbietung und Schlußfolgerung unterstehen dem Gesetz des Funktionalen; Ergebnis des Unterrichtseinen ist die Wertung. * Natürlich hat sich während der letzten Darlegungen ein ganz gewichtiger Einwand erhoben. Nur einige Länder sind Auswänderungsländer; und spätestens beim zweiten Mal wird der Schüler heraushaben, auch ohne festlegende Zielangabe, daß es sich um Auswanderungsgebiete handelt; er weiß das Ergebnis voraus, und die so klug umgangene Deduktion wird doppelt schlimm, um so mehr, als der Lehrer ja nichts „merkt" und sich mit jedem „Ergebnis" freut. — Hier zeigt sich nun ganz deutlich, daß Prinzip und Wertung „Auswanderungskunde" nicht eigenständig, sondern Teil eines Gesamtprinzips und einer Grundwertung sind. Auswanderung steht im Mittelpunkt des Interesses, aber in seinem Blickfeld steht auch die übrige Galuthsituation. Auch Polen, auch England, auch Nordamerika bieten Basis jüdischer Betrachtung; ja, nu r die Auswänderungsländer auszuwählen, allein sie zu betrachten, lag bestimmt nicht, in der Absicht des Verfassers des oben genannten Aufsatzes. Und da wir auch andere Gebiete nach wie vor behandeln: auch sie geben Gesichtspunkte, Wertungsgelegenheiten. Das Prinzip der Auswanderungsmöglichkeit ist ein Teil des Allprinzips „Galuthbedeutung". Und auf Grund oben gezeichneter logischer und psychologischer. Generalforderungen des Unterrichtes ist der Teil nicht ohne das Ganze anwendbar: mit fast mathematischer Notwendigkeit drängt sich, wenn wir die Teilblickrichtung anwenden wollen, die Gesamtrichtung auf. Doch — wir empfinden es ja nicht als Zwang, sondern wir wünschen die Möglichkeit jüdischer Wertungen. Unseres. Erachter.s ist daher ^Auswanderungskunde" kein eigenes Fach, sondern Unterrichtsprinzip, jedoch Teil des Allprinzips „Gallith k u n d e." Teil und hervorragender Teil, weil im Brennpunkt des Interesses stehend; aber nicht einziger. Teil. Nun ist die oben gewünschte Zielangabe verständlich. Die Schüler werden mit neuem Interesse, mit jüdisch gerichteter Geistestätigkeit, nicht aber mit einer „Fehlwertung a priori" an die Sache herangehen. Das System einer Galüthkunde ist mit obigen Unterrichtswegen wenigstens angedeutet: Die Erkenntnis der jüdischen Situation und der jüdischen Bestimmung wird nicht auf einmal gewonnen. Das formale Prinzip, das der „Nationalen Erdkunde" innewohnt, wendet sich hier mit anderem Namen an. Allmählich rundet sich das Bild, und im Weiterschreiten werden links und rechts Erkenntnisse sichtbar, die dem Schüler stets eine Lücke füllen und ihn allmählich — was doch vielen Aelteren ganz abgeht — seine und seiner Gemeinschaft Lage übersehen lassen. - - Groß sind die Anforderungen an den Lehrer. Aber wir glauben: reich sind die Früchte, die zu ernten möglich ist. Neben dem.Erkenntnismäßigen reift dem Schüler auch ein jüdisches Fühlen; solcher Unterricht ist doch Erlebnis-, Wertungs-, Gesinnungsunterricht. Es ist kein Fehler, wenn die Schüler Andacht bekommen vor dem Gewaltigen des jüdischen Loses, von den Räumen und Widerständen, die ihr Volk überbrückt, um allerorts und in jeder Lage doch eins zu sein. Viele haben keine Aussicht, nach Palästina zu kommen; ihr Blick muß die Erde umfassen. — ■ ■ Wenig ist hiermit noch gesagt. Groß sind die Möglichkeiten, die sich in diesem Prinzip darstellen. Auf Einzelheiten

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