Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang Verlagsort: Mannheim 2 Nummer 11 Jüdische Schulzeitung Monatssdirift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.75 pro Quartal. Mannheim, den i. November 1936 Druck und Verlag". Gebrüder Heubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.SiegfriedBraun K ö l n - S ü t z , Unkelerstraße 17 Die Praktiker an die Arbeit! S. B, Wer -einmal die letzten Jahrgänge der Jüdischen Schulzeitung durchblättert, der wird bemerken, daß in ihr weit mehr Aufsätze über allgemeine Fragen des Unterrichts .und der Erziehung Platz gefunden haben als Darstellungen aus dem Gebiet der praktischen Alltagsarbeit. Bedenkt man, wie stark sich unter dem Zwang der Geschehnisse das Antlitz der jüdischen Schule gewandelt hat, wie sehr diese einst ällzustiefmütterlich behandelte Institution mit an die erste Stelle aller kulturellen Einrichtungen vorgerückt ist, so wird man es begreiflich finden, daß diejenigen, die für die Arbeit in der Schule verantwortlich sind, zunächst einmal Klarheit über die Voraussetzungen zu gewinnen suchten, unter denen diese Aibeit unter den neuen Verhältnissen geleistet werden müsse. Heute ist ein gewichtiger Teil der Problematik geklärt; wir Lehrenden wissen, welche Forderungen die Zeit uns stellt, und so dürfen wir uns in unserm Fachorgan wieder mehr der Praxis zuwenden und auf die hören, die kraft ihrer Lehr- und Erziehungsbegabung und auf Grund ihrer Erfahrungen in der Lage sind, uns helfend zur Hand zu gehen. Daß der Anleitung zu praktischer Schularbeit mehr Raum gegeben werde, dazu zwingt noch ein anderer Sachverhalt, über den einmal ein Wort gesagt sei. 'In früheren Zeiten hat die jüdische Lehrerschaft regen Anteil genommen an den pädagogischen Auseinandersetzungen innerhalb der allgemeinen Lehrerschaft. Es gab unter ihr nicht nur Leser der pädagogischen Literatur in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen, nicht nur aufnehmende Mitglieder der allgemeinen Organisationen, sondern auch produktiv mitschaffende. Das konnte so sein, weil die Zielsetzung der allgemeinen Schule und die der jüdischen im Wesentlichen übereinstimmte, oder besser gesagt, als übereinstimmend erachtet wurde. Wer immer die Notwendigkeit verspürte, sich über eine Frage der Praxis Rat zu suchen, der fand ihn unschwer, es sei denn, es habe sich um Fächer des sogenannten Religionsunterrichts gehandelt. Aber selbst für dieses Gebiet gab es Hilfsmittel, die nicht von jüdischer. Seite herstammten. Heute ist das alles anders geworden. Die Zielsetzung der deutschen Schule ist wesensmäßig anders als die der jüdischen. Was in Wort, und Schrift an pädagogischen Gedanken um uns her Ausdruck findet, das kreist im Grundsätzlichen um andre Gesichtspunkte, als um die, die uns als jüdische Lehrer angehen, wenn es auch nicht so ist, als ob die deutsche Pädagogik uns nichts mehr zu sagen hätte. Im Gegenteil: sie kann uns auch heute wertvolle Anregungen geben, und es wäre ein Fehler, wollten wir Lehrer uns nicht aufgeschlossen halten für die Ergebnisse, die das Ringen um erzieherische und unterrichtliche Einsichten zeitigt. Auf einem Gebiet freilich sind wir auf. uns selber angewiesen: auf dem, das das Jüdische schlechthin umfaßt. Damit ist nicht etwa nur der Unterricht in den jüdischen Fächern gemeint, sondern auch die Färbung des Gesamtunterrichts vom Judentum her. Hier hat unser Fachblatt mit seiner Arbeit einzusetzen; hier haben die Menschen ihr Wort mitzuteilen, die glauben, gangbare Wege aufzeigen zu können. Wir dürfen uns nicht mehr damit begnügen, das Ganze der Schule zu überschauen, wir dürfen uns nicht in Reflexionen über Aufgaben und Ziele des Unterrichts und der Erziehung verlieren, wir müssen Kleinarbeit leisten, Unterrichtsentwürfe darbieten, an Beispielen zeigen, in welcher Weise die Gedanken moderner Pädagogen sowie neuartige Lehr- und Lernmittel nutzbar gemacht werden können. Es sind in den hinter uns liegenden Monaten eine große Anzahl junger Lehrer und Lehrerinnen in den Volksschuldienst eingetreten. Sie haben nicht mehr wie die älteren Kollegen die Möglichkeit, in regelmäßig kurzfristig hintereinanderfolgenden Orts- und Kreiskonferenzen ihre pädagogischen Fähigkeiten zu erproben und zu vervollkommnen; sie sind auf die wenigen großen Tagungen angewiesen, die von den jüdischen Organisationen von Zeit zu Zeit abgehalten werden. Ihnen soll die Jüdische Schulzeitung das ersetzen, was verloren gegangen ist. In diesem Zusammenhang sei auf die wertvollen Materialsammlungen hingewiesen, die die Sc h u I a b t e i 1 u n g der Reichsvertretung und die Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung der Lehrerschaft zugänglich gemacht haben. An ihr ist es, dieses Material aus dem Bereich der Theorie herauszuheben und unterrichtlich zu verarbeiten. Inwieweit es sich als brauchbar erwies, das muß von der Lehrerschaft in der Schulzeitung in kritischen Rückblickeri dargelegt werden. Ebenso soll an Lektionsentwürfen aufgewiesen werden, in welcher Weise eine Auswahl der Stoffe zu treffen wäre, und die praktische Verwertung ermöglicht werden könne. Alle diese Handreichungen werden aber nur dann gegeben werden können, wenn die Praktiker in der Schulzeitung das Wort nehmen, nicht nur die der ausgebauten Schulsysteme der Großgemeinden, sondern auch die Lehrenden an den einklassigen Schulen der Klein- und Mittelgemeinden. Mehr als früher sind gerade die Kollegen auf dem flachen Lande vielfach einer geistigen Vereinsamung verfallen, die ihre Kräfte lähmt. Dem Besuch von Konferenzen stehen Schwierigkeiten aller Art entgegen, desgleichen der Versorgung mit dem erforderlichen pädagogischen Schrifttum. Ihnen, und gerade ihnen, soll die Jüdische Schulzeitung helfen. Sie kann es nur, wenn alle, die dazu in der Lage sind, regelmäßig an ihrem Ausbau mitarbeiten. Mögen sie deshalb dem Ruf: „Die Praktiker an die Arbeit!" Folge leisten. Von unserer Schulfilmarbeit Bericht und Forderung. Ueberall da, wo das Laufbild eindringlicher als alles andere zu sprechen vermag, soll der Film als gleichberechtigtes Lernmittel in der Schule Eingang finden. Diese Erkenntnis wird u. a. zum Ausdruck gebracht in einem bedeutungsvollen Erlaß des RMfWEV vom 26. Juni 1934 (Rk 5020 U II 40). m