Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 6 (1.6.1936)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ISLiahrgang;: Yerlagsort:-Männheim 2. Nummer 6 che Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. "Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den i. ]uni 1936 Druck und Verlag' Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.Siegfried Braun K ö l n - S ü l z , UnkelerstraQe 17 Sfardith oder Aschknasith? Die Schulabteilung der Reichsvertretung hat jüngst in einem Rundschreiben empfohlen, die Frage der Aussprache, des Hebräischen in allen Schulen einheitlich zu regeln. In dem Rundschreiben heißt es u. a.: „Mancherlei Umstände, insbesondere die häufig notwendig werdende Umschulung, machen es erforderlich, daß in dieser .Frage eine einheitliche Lösung in allen jüdischen Schulen erfolgt. Wir empfehlen, entsprechend der Praxis an den Schulen der Berliner Jüdischen Gemeinde, grundsätzlich von Ostern 1936 ab die sephardische Aussprache einzuführen und außerdem vom 5. Schuljahr ab Qebetstexte auch in aschkenasischer Sprache lesen zu lassen. Nach den Richtlinien der Reichsvertretung zur Aufstellung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen soll der hebräische Unterricht nach der Methodik des modernen Sprachunterrichts erteilt werden. Unter anderm ist die Schulung der Sprechfähigkeit erforderlich; und es wäre untunlich, diese Sprechfähigkeit in einer Aussprache zu pflegen, in der diese hebräische Umgangssprache nirgends gesprochen wird. Dem Gesichtspunkt; daß die Kinder zum Verständnis' des Gottesdienstes in aschkenasischer Aussprache geführt werden sollen, wird durch die. vom 5. Schuljahr ab angeregte Regelung Rechnung getragen." * Die Reichsvertretung empfiehlt hier, die sfardische Aussprache in dem hebräischen Unterricht von Anfang an zu wählen und erst im 4. Schuljahr auch die aschknasische Aussprache zu üben. Es besteht heute keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß in unseren Schulen die sfardische Aussprache so zu üben ist, daß die Kinder sie vollständig verstehen und in ihr jedes hebräische Sprachstück geläufig lesen können. Aber über den Beginn des Sfardith sind die Meinungen verschieden. In unseren Gegenden, im Westen des Reiches, beginnt man aus pädagogischen Gründen fast allgemein mit Aschknasith. Es ist für das Kind leichter. Jeder Laut hat sein besonderes Zeichen, und so sind Verwechslungen so ziemlich ausgeschlossen. Wer Erwachsenen Iwrith-Unterricht erteilt, der wird die Erfahrung machen, daß die meisten Fehler durch Verwechselung des Kamaz mit Pathach oder umgekehrt gemacht werden. Unsere noch im Gebrauche befindlichen Lehrbücher sind alle auf Aschknasith eingestellt. Eltern, die ihren Kindern beim Anfertigen der Schularbeiten helfen, und das ist nicht nur aus schulischen Gründen zu begrüßen, können das nur auf der Grundlage des Aschknasith. Trotz dieser sehr beachtenswerten Gründe empfiehlt die Reichsvertretung, mit Sfardith zu beginnen. Man glaubt, daß dies geschähe, weil mit der späteren Auswanderung nach Erez-Isräe.1 zu rechnen ist. Gewiß ist dies ein sehr wichtiges Argument, das nicht leicht zu nehmen ist. Aber ein anderer Gesichtspunkt soll für den Beginn mit Sfardith nicht unerwähnt bleiben. Beginn mit Aschknasith bedeutet für das Kind, daß Hebräiscn ausschließlich für das Gotteshaus gilt, daß das Leben davon unberührt .bleibt. Wer aber den Gesichtskreis erweitert, wer an der neu aufblühenden hebräischen Kultur teil haben will, wer sich des Hebräischen auch außerhalb der Synagoge bedienen will, der ist gezwungen, sich zu Sfardith zu bekennen. Es ist deshalb von großer erzieherischer Bedeutung; wenn im Unterricht von Anfang an Sfardisch die Unterrichtsaussprache ist, denn es gibt dem Hebräischen in den Augen des Kindes einen größeren Aktionsradius, sie bringt ihm ins Bewußtsein, daß Sfardith universaler ist. Abr. Reinhardt-Köln. Die Schulabteilung der Reichsvertretung hat hier eine Frage erneut aufgegriffen, über die immer noch keine einhellige Auffassung erzielt worden ist. Es bestehen nicht nur Meinungsverschiedenheiten zwischen den in Frage kommenden Instanzen und Sachverständigen, sondern auch im einzelnen Menschen selber macht sich ein Schwanken der Haltung bemerkbar, wenn er vor die Notwendigkeit einer Entscheidung hingestellt wird. Fühlt er sich auf der einen Seite der aschknasischen Aussprache als einem der jüdischen Gemeinschaft wesenhaft zugehörigen Kulturgut verpflichtet, so bleibt er dennoch auf der andern Seite von dem Anreiz nicht unberührt, der von der Tatsache ausgeht, daß die hebräische Sprache im literarischen Schaffen unserer Tage eine Renaissance in Sfardith erlebt, und daß sie in dieser Aussprache zum kulturellen Instrument des werdenden jüdischen Volkes in Erez Jisrael wird. Es ist leicht einsichtig, daß sich aus diesem psychologischen Zwiespalt heraus die Geneigtheit ergeben hat, ein Kompromiß zu schließen und beiden Ausspracheweisen Raum zu lassen. Während in manchen Schulen der hebräische Unterricht in den Grundschulklassen in aschknasischer Aussprache erteilt wird, läßt man vom 5. Schuljahr ab durchgehend die sfardische verwenden. Die Schulabteilung der R.V. empfiehlt, wie es aus dem Rundschreiben hervorgeht, gerade das Gegenteil: in den Grundschulklassen sfardische und weiterhin für Gebettexte auch die aschknasische Aussprache. Es soll hier nicht im einzelnen untersucht werden, welcher Weg der rechte sei; das ist in früheren Ausgaben der Jüdischen Schulzeitung bereits mehrfach geschehen. Dagegen werde aufzuweisen, versucht, inwiefern manche Kompromisse auf diesem Gebiet des Unterrichts unter falschen Voraussetzungen geschlossen werden, auch das von der Schuhbteilung empfohlene. Es handelt sich u. E. bei der Frage Sfardith oder Aschknasith um zweierlei: einmal um das Verhältnis zwischen der Unterweisung in Tenach und Ssidur und dem hebräischen Sprachunterricht, und zum zweiten um die Einschätzung der Leseschwierigkeiten in beiden Ausspracheweisen. Die religiöse Unterweisung ist bei uns in Deutschland unlöslich an die akustischen Eindrücke geknüpft, die vom Aschknasischen herrühren. Niemand, der einsichtig ist, wird vermuten können, eine Sprechweise, die seit Jahrhunderten von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben worden ist, in der sich eine ganze Welt höchster seelischer Werte mani-