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Jüdische Schulzeitung · 1936-04-03 · 4 (3.4.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
4 (3.4.1936)
Date
1936-04-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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12". Jahrgang Verlagsort: Mannheim 2 Nummer 4 üdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den 3. April 1936 Druck und Verlag: Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.SiegfriedBraun K ö l n - S ü 1 z, Unkelerstraße 17 Freitätigkeit;~ •< - Schülerurteile über den Ärbeitsunterricht Von Dr. phil. Fritz Friedlaender-Berlin Der Mann, der durch den „Jena-Plan einer freien allgemeinen Volksschule" den Akzent der modernen Volksschule vom bloßen Lernbetrieb auf eine lebensnahe B i 1 - duri!gs s t ä 11 e verschoben hat, Peter. Petersens 'schrieb vor fünf Jahren in einem richtungweisenden Aufsatz „Disziplin und Autonomie in der sittlichen Erziehung" („Pädagogisches Zentralblatt":. 10. Jahrg., Nr. 12): „Seit den Anfängen der neuen Erziehungsbewegung wird allerorten von ,dem schöpferischen Kinde' geredet, seine Leistungen auf sprachlichen, dramatischen, besonders auf allen künstlerischen Gebieten gezeigt und bis zur Uebertreibung gepriesen. "Wer nun denjenigen Gegenstand untersucht, an dem allein das schöpferische Vermögen der sittliche n Kräfte erscheinen kann, also das tägliche Gemeinschaftsleben, und wer dabei prüft, in welchem Umfange es an sittlichen Lebensäußerungen reich ist . .. der wird mit derselben Sicherheit wie etwa auf künstlerischem Gebiete die schöpferischen Fähigkeiten der Kinder auf dem sittlichen Gebiete feststellen." Wenn das moderne Lehrverfahren, das unter dem Kennwort des A r b e i t s u n t e r r i c h t s die Pädagogik der Gegenwart charakterisiert, überhaupt Bestand haben, wenn es nicht auf dem Versuchsfeld eines jugendpsychologischen Experiments stecken bleiben soll, dann muß es immer wieder von dem Glauben an „die schöpferischen Fähigkeiten der Kinder auf sittlichem Gebiet" getragen werden. Was bedeutet denn Arbeitsunterricht? Während in der alten Lernschule der Schüler e'n gutwilliges oder widerstrebendes Objekt darstellte, das der erwachsene Lehrer „belehrte" und wenn möglich „erzog", soll in der modernen Arbeitsschule der Schüler seine angeborenen Fähigkeiten und sittlichen Kräfte, unter sachkund'ger und planmäßiger Lenkung des Lehrers, für die Ausgestaltung und stimmungsmäßige Färbung des Unterrichts fruchtbar machen. Appell an die sittlichen Kräfte des Kindes: darauf beruht der Gedanke des Arbeitsunterrichts! Ueber der alten Lernschule, deren Vorzüge wir keineswegs verkennen, schwebte insgeheim das Idol des Stoffprinz i p s: die Qua n t i t ä t, die rein mengenmäßige Ausdehnung des erlernten und erlernbaren Stoffes gab letzten Endes den Maßstab für die Errechnung der Qualität des Geleisteten ab. Die moderne Arbeitsschule hat nun mit kühnem Entschlüsse die Vorherrschaft jenes Stoffpririzips gebrochen: ohne den Wert des Wissens irgendwie herabsetzen zu wollen, geht sie von der Voraussetzung aus, daß nicht so sehr die Summe des angelernten Wissens, als vielmehr die Charäkterformung, die Weckung von Willenswerten, für die Beurteilung der Qualität der schulischen Leistung ausschlaggebend ist. Wenn die Arbeitsschule das große Recht des - ir.eien Tüns — der Freitätigkeit, Eigentätigkeit, Selbst- :' tätigkeit — in die Hand des Schülers legt, wenn der Lehrer zus gunsten des freien Tuns sich auf den Posten einer überwachenden Instanz des Unterrichtsprozesses zurückzieht, dann muß der Schüler zugleich mit dem Rechte die schwere Verantwortung für das Gelingen oder Scheitern des Unterrichts übernehmen. Ob er jener Verantwortung gewachsen sein wird, das ist weder eine Frage der Quantität des Wissens noch der „moralischen Reife", sondern lediglich eine Frage der Bewährung der angeborenen sittlichen Kräfte. Sie freizumachen: das ist die große Aufgabe, die Funktion des Lehrers in der Arbeitsschule. Gewiß, nichts ist einfacher und billiger als Kritik an der Arbeitsschule und nichts erleichtert der pädagogischen Reaktion so sehr den Rückzug auf die Lernschule als die von uns, seinen Anhängern, gar nicht bestrittene Konstatierung einer Krise des Arbeitsunterrichts. Es gibt einen „mißverstandenen Arbeitsunterricht", der erheblichen Schaden angerichtet und hoffnungsvolle Ansätze im Keime erstickt hat. Zu den Marotten gewisser Ueberreformer und pädagogischer fleißsporne gehört das, was man die „Ausschaltung oder Selbstausschaltung der Lehrerpersönlichkeit" nennen könnte: je weniger der Lehrer in der Unterrichtsstunde spreche, desto besser sei der Arbeitsunterricht; und was dergleichen Torheiten mehr sind. Solche „chronometrische" und ähnliche Aeußerlichkeiten haben den Arbeitsunterricht in Mißkredit gebracht und seinen Vorkämpfern Steine in den Weg gelegt. Nein, der echte Ärbeitsunterricht schaltet die Lehrerpersönlichkeit keineswegs aus, er hat sie allerdings einer grundlegenden Funktionsveränderung unterworfen. Er hat den Götzen der alten d o z i e - ren.den Methode, der vom hohen Kothurn herab seine Weisheit den passiv sich verhaltenden Schülern vortrug, zertrümmert; er hat den Arbeitsschullehrer gelehrt: 1. den Wissensstoff zu verknappen, d. h. auf das Wesentliche zu konzentrieren, und 2. zur inneren Aneignung des Wissensstoffes, zu seiner seelischen Durchdringung, die angeborenen sittlichen Kräfte des Schülers zu mobilisieren. Nur eines darf Prüfstein des Arbeitsschullehrers sein: das tagtägliche Gefühl seiner eigenen Unzulänglichkeit, die Bereitschaft, stets von vorn anfangen zu müssen. Denn alles Unterrichten ist Drama: und im Drama gibt es niemanden, der im Besitze geruhsam wohnt; was man heute besitzt, kann morgen verloren sein: es gibt im Drama des Unterrichts nur Spannung, Einsatz, Wagnis, jedoch kein Festland, die Chancen auf Verlust und Sieg sind gleichmäßig verteilt; wer an alleinseligmachende Methoden, an „sichere Unterrichtserfolge" glaubt, hat das „Lebensflutende" des Unterrichts niemals empfunden; sein Sinn ist zu, sein Herz ist tot. Konzentrationsunterricht (Stoffauswahl, über Fächer-Grenzen hinweg auf das Lebendige zusammengeballt) muß die eine und Umwandlung der Lernschulklasse in eine Arbeitsgemeinschaft die andere Funktion des Lehrers im Arbeitsunterricht sein. Zur Annäherung an dieses Ziel — denn von Erreichung kann nimmer die Rede sein — bedarf es einer ständigen Selbstkontrolle des Lehrers, die am besten dadurch gewährleistet wird, daß er seine Schüler nicht als passive Objekte seines pädagogischen Tuns behandelt, sondern zu bewußten und selbstkritisch eingestellten Teilha-

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