Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 3 (1.3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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12|lahrgang Verlagsort: Mannheim 2 Nummer & üdische Schulzeitung Monatssdirift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats. Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den i. März 1936 Drück und Verlag: Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.Siegfried Braun Köln-Sülz, Unkelerstraße 17 Umschau S. B. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums sowie die Nürnberger Gesetze haben das Zahlenbild der jüdischen Lehrenden sowohl als auch das der jüdischen Schüler stark verändert. Die Leser finden an andrer Stelle dieses Blattes eine instruktive Darstellung der Verhältnisse, wie sie in den vergangenen Wochen lagen. Da die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, so dürfte sich zu Ende des Schuljahres ein andrer Aspekt ergeben. Aufschlußreich sind neben allgemeinen Uebersichten Mitteilungen aus einzeihen Gebieten. So bringt „Der Führer" in Karlsruhe einen Bericht über die Lage in Baden. Es heißt dort u. a.: Zur Zeit der Verkündung der Nürnberger Gesetze waren an den Hochschulen noch 27 jüdische Lehrer verblieben, in den höheren Lehranstalten 21,an den Fachschulen 2, an den Volks- und Fortbildungsschulen ö.Lehrer, die übrigens seit langem nur noch in jüdischen Klassen verwendet wurden. Es wird sodann festgestellt, daß im Zug der Nürnberger Gesetze und ihrer Durchführung kein jüdischer Lehrer mehr arische Kinder unterrichte. Das völkische Prinzip sei folgerichtig auch bei den Schülern durchgesetzt worden. Im April 1934 wurde in Mannheim eine jüdische Volksschule und Fortbildungsschule errichtet Es folgten jüdische Volksschulen in Heidelberg, Emmendingen und Bruchsal. Diese sind Bezirksschulen, d. h. sie werden auch von den vereinzelt in benachbarten Ortschaften wohnenden Schülern besucht. Den Unterricht erteilen jüdische" Lehrer, die durch Versetzung in den Ruhestand aus dem badischen Schuldienst ausgeschieden waren. Es sei beabsichtigt, zu Ostern dieses Jahres eine einheitliche Regelung des durch die Nürnberger Gesetzgebung aufgeworfenen Fragenkomplexes im ganzen Reich herbeizuführen. Zur Zeit Würden umfangreiche Erhebungen über die Zahl der jüdischen Schüler und die Möglichkeiten ihrer Unterrichtung in Sonderklassen gemacht. Aus München wird über die Einschreibung zu den Volksschulen für das Schuljahr 1936- 1937 berichtet. Zur jüdischen Volksschule wurden angemeldet 364 Kinder, davon zur ersten Klasse 50. Zu den allgemeinen Volksschulen haben sich außerdem 57 jüdische Kinder angemeldet, davon 10 zur ersten Klasse. Die Zahl der Anmeldungen ist gegenüber dem vergangenen Jahr zur jüdischen Völksschule um 30% gestiegen, die der jüdischen Schüler zu den übrigen Münchener Volksschulen dagegen um mehr als 50% gesunken. In Düsseldorf betrug nach einem Bericht des Düsseldorfer Tageblatts die Gesamtzahl der Volksschüler jüdi- sehen Bekenntnisses am 1. Mai 1933 323, am 1. Mai 1934 274, am 1. Mai 1935 312 und am 1. Oktober 1935 338. Die Zunahme von 1934 auf 1935 erkläre sich aus der Tatsache, daß ein Teil der jüdischen Schüler von den höheren Lehranstalten zur Volksschule abgewandert sei. Die Mehrzahl der jüdischen Volksschüler werde in der jüdischen Privatschule unterrichtet, die am 1. April 1935 eröffnet wurde und in der am 1. Oktober 1935 274 jüdische Kinder eingeschult waren. •'.V , Angesichts der Entwicklung des jüdischen Schulwesens, wie sie deutlich aus den Uebersichten zu Tage tritt, ergeben sich ernste Fragen in bezug auf die Lehrerbildung, auf die künftige Schulform und auf die Gestaltung der Lehrpläne und Lernmittel für jüdische Schu- 1 e n. Unser Verband wird hier ein reiches Feld zu richtunggebender Arbeit finden. Seine Leitung in Berlin hat bereits wichtige Aufgaben in Angriff genommen. In der letzten Ausgabe der Schulzeitung gaben wir Kenntnis von der Unstimmigkeit, die zwischen den Bearbeitern jüdischer Lesebogen und dem Schockenverlag bestand. Inzwischen ist eine Einigung erzielt worden. Die Lesebogen werden als Arbeit der Berliner Ortsgruppe des Jüdischen Lehrerverbandes in Preußen in aller Kürze erscheinen. Der Verband hat weiterhin in Besprechungen mit maßgebenden Instanzen die Frage der Schaffung weiterer Lehr- und Unterrichtsmittel in Angriff genommen, und wir dürfen hoffen, daß bald positive Ergebnisse vorliegen werden. Angesichts der — zuweilen nicht immer glücklichen — Behandlung der Schulfrage in der jüdischen Oeffentlichkeit sind manche Kollegen im Reich ein wenig nervös geworden und mit einer Reihe von Anregungen an die Verbandsleitung herangetreten, die gewiß beachtlich sind, und denen nachgegangen werden muß. Wenn dennoch die Verbandsleitung eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legt, so geschieht es aus wohlerwogenen Gründen. Es ist in dieser an erregenden Geschehnissen reichen Zeit leicht, herbe Kritik an Einrichtungen zu üben, die in den Spannungen einer Zeitwende stehen. Die Phantasie findet da ein weites Feld zur Betätigung vor, und gar mancher läßt sie ungehemmt waiten, der außerhalb der praktischen Tagesarbeit steht. Da ist es Pflicht der Wissenden,, kühlen Kopf zu behalten, sich nicht drängen zu lassen und das zu tun, was die Dinge wirklich fördern kann. Die Lehrerschaft kennt die Schranken, die gegenwärtig auf dem Felde der Schule mancher Planung gesetzt sind; ihre Führung widersteht den Verlockungen zu frisch fröhlichem Kampfe um Neuland; sie versucht, im Rahmen des Möglichen, aber mit Nachdruck an der notwendig gewordenen Umformung des Unterrichtes zu arbeiten. So wird unser Verband zur Tat bereitstehen, wenn das jüdische Schulwesen seine Neuordnung im Reiche gefunden haben wird. * Die Auseinandersetzung über das Bildungsziel der jüdischen Schule hat im Wesentlichen zu einer Uebereinstimmung der Meinungen geführt. So gewiß es ist, daß es ein Bildungsziel unabhängig von der jeweiligen Lage unserer Gemeinschaft gibt, so gewiß ist es doch auch, daß unsere Schularbeit aufs stärkste von den Erfordernissen des praktischen Lebens bestimmt sein muß. Die hinter uns liegenden Monate haben es offenkundig werden lassen, daß die jüdische Jugend ihr Schicksal unter dem Signum der Auswanderung wird gestalten müssen. Der Zeitabschnitt, während dessen ein Gabriel Rießer, und in unsern Tagen ein Ludwig, Ho 11 ä n de r den Versuch unternommen haben, soziologisch . bedingten Entwicklungen innerhalb der Judenheit