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Jüdische Schulzeitung · 1936-02-01 · 2 (1.2.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
12 (1936)
Issue
2 (1.2.1936)
Date
1936-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer '2~ und des Friedens, die zur seelischen Ausgeglichenheit unserer Schüler notwendig ist. Die Gedankenfülle des Vortrages finden wir komprimiert wieder in den Leitsätzen, die Dr. Stern für die jüdische Schule aufgestellt hat. Wir bekommen den besten Einblick in den Vortrag, wenn wir die Leitsätze kennenlernen und fügen sie daher hier an: 1. Das Bildungsproblem in der jüdischen Schule ist im ganzen gekennzeichnet durch den Zerfall der überkommenen Bildungsgrundlage und die Uneinheitlichkeit und Unsicherheit des neuen Bildungszieles. 2. Im einzelnen steht die Schule vor der ernsten Entscheidung: Ausrüstung für die unmittelbaren Aufgaben des praktischen Lebens oder Aufrechterhaltung bzw. Neuschaffung einer eigenwertigen Bildung. Wir bejahen die „Bildung" in Ansehung des jüdischen Charakters und des Wertes der Bildung für den Lebenskampf wie als Quelle persönlichen Glückes. 3. Hebräisch als lebende Sprache wie als Mittel zur Eroberung des jüdischen Geistesgutes ist für die jüdische Schule eine selbstverständliche Unterrichtsauf gäbe. Es ist darum kein Bildungsproblem mehr, sondern nur noch ein methodisches. Das Religiöse ist da* Charakteristikum des Judentums, als seine große schöpferische Leistung und darum die Bibel als die klassische jüdische Literatur stehen im Zentrum der spezifisch jüdischen Bildung. 4. Die eigentlichen Bildungsschwierigkeiten liegen' in der Stellung des Deutschen und der allgemeinen Geschichte in der neuen jüdischen Schule. Die Stellung des Deutschen ist begründet in der Tatsache der deutschen Mutter- und daher Unterrichtssprache, deren Erlernung und Beherrschung auch die Bekanntschaft mit dem deutschen Geistesgut voraussetzt. Die Einführung jüdischen Geistesgutes in den Deutschunterricht ist notwendig im Dienste der allgemeinen Erziehung zum jüdischen Menschen, insbesondere aber auch darum, weil die deutsche Gegenwartskultur für jüdische Erziehung und Bildung ausscheidet. Das jüdische Geistesgut hat darum wesentliche Bildungsfunktionen des deutschen Geistesgutes zu tibernehmen. 5. Auch die jüdische Geschichte muß wesentliche Aufgaben, die bisher auch in der jüdischen Schule der allgemeinen Geschichte zufielen, übernehmen. Darum muß der Unterricht auf diesem Gebiet sich der Zielsetzung und der Methode des allgemeinen Geschichtsunterrichtsanpassen. Der allgemeinen Geschichte, die unter günstigen schulischen Bedingungen nach der Seite der Weltgeschichte hin entwickelt werden, kann, bleibt die Aufgabe, die großen politischen, kulturellen und wirtschaftlich-sozialen Entwicklungen, die für das Verständnis der Gegenwart und der Umwelt von wesentlicher Bedeutung sind, zum Verständnis zu bringen. 6. Palästina in seiner geschichtlichen, natürlichen, wirtschaftlichen, soziologischen Struktur ist eine wesentliche Bildungsaufgabe der jüdischen Schule. Ob diese Aufgabe in einem besonderen Fach als Palästinakunde oder als unterrichtliches Prinzip, d. h. innerhalb der einzelnen Stoffgebiete zu lösen ist, ist eine methodische Frage. 7. Entscheidend für die jüdische Bildungsaufgabe der Zeit und ihre Lösung ist nicht so sehr das Ausmaß der Bildungsstoffe, als der Geist, der ihre Vielheit verbindet und der die Brücke schlagen muß zwischen einer Gegenwart, die an eine versinkende Vergangenheit gebunden ist und einer Zukunft, die sich allmählich vor uns entschleiert. 8. Das jüdische Bildungsproblem kann auch in heutiger stürmischer Zeit nur gelöst werden, wenn der Schule Ruhe und Stetigkeit, ohne die ein Wachsen und Reifen nicht zu denken ist, gewährleistet bleibt. Darum soll die Schule auch in der Zeit des Umbruchs einerseits zweifelhaftes Experimentieren und zielloses Jagen nach Illusionen vermeiden; andererseits soll die Berufsbildung die allgemeine Bildung nicht bedrängen. Vorzeitiger Abbruch der Schulbildung ist nur zu rechtfertigen im Falle der Auswanderung oder der Ueberführung in die wirkliche Berufsausbildung. Zwischenlösungen haben sich als nur schädlich erwiesen. 9. Ernste Aufmerksamkeit erheischt die Gefahr der Ueberbürdung der Schüler. Auf die Länge wird jede Bildungsarbeit in ihren unmittelbaren Zielen wie .in ihrem Endziel aussichtslos, wenn sie unter dem Druck der Ueberlastung steht. 10. Den jüdischen Organisationen, vornehmlich der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, liegt es nicht nur ob, Bildungsorganisationen zu schaffen und zu untersiützen. Ebenso wesentlich und im Augenblick dringend ist die tatkräftige Hilfe zur Beschaffung der neuen Lehr- und sonstigen Unterrichtsmittel, insbesondere zu ihrer Verbilligung. —-- Im Rahmen der Lehrstätte Ch. N. Bialik der Berliner Zionistischen Vereinigung fand eine pädagogische Veranstaltung statt. Der Schulreferent der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Herr Studienrat Dr. Leschnitzer, sprach über „Unser pädagogisches Arbeitsprogramm". Die Lehrerschaft, die zu dieser Veranstaltung zahlreich vertreten war, kam naturgemäß mit.besonderen Erwartungen. War es doch das erste Mal — wie Herr Dr. L. richtig betonte — daß die Schulabteilung der Reichsvertretung aus dem Dunkel ihrer Büroräume an die Oeffentlichkeit Berlins trat. Wir erwarteten von dieser wichtigsten einflußreichsten Stelle im Schulwesen des Reiches Grundsätzliches und Wesentliches aus dem pädagogischen Arbeitsprogramm. Wir können nicht umhin, uuserer Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß zu einem solchen Thema, um dessen Lösung jeder Lehrer heute ringt, Dinge gesagt wurden, die nur an der Oberfläche des Wesentlichen blieben. Daß wir neue Lehr- und Lernmittel brauchen, daß die Jugend h'ebraisiert werden soll, daß die Lehrpläne neu durchgearbeitet werden müssen, daß die Lehrerausbildung und -fortbildung umgestaltet werden muß, daß wir Palästinakunde und Jüdische Gegenwartskunde treiben müssen — das sind Dinge, die fast schlagwortartig nur genannt wurden. Es ist nur eigenartig, wenn Herr Dr. L. das zu sagen für notwendig hält und bezeichnend dafür, wie wenig Fühlungnahme besteht zwischen Schulabteilung der Reichsvertretung und der Lehrerschaft .an den jüdischen Schulen Berlins. Auf eine solche Unterschätzung waren wir doch nicht vorbereitet. Im übrigen war der paläslinozentrische Unterricht, w e Herr Dr. L. ihn will, sehr einseitig und eigenwillig konstruiert. Nach ihm ist palästinozentrischer Unterricht nichts anderes, als unsere Schüler für den Aufbau Palästinas zu befähigen und stark zu machen. Der Aufbau Palästinas hat schlechthin, im Zentrum des Unterrichts zu stehen. * Ueber das gleiche Thema sprach Hans Gärtner in einem zweiten Vortrag, ebenfalls im Preußischen Lehrerverband, Ortsgruppe Berlin: Dieser Vortrag sollte ein Korreferat zu dem von Dr. Stern sein. Herr Gärtner geht von den theoretischen Grundlagen aus, mit denen Dr. Stern Seine Ausführungen unterbaut hatte, um von hier aus die verschiedenen Auffassungen aufzuzeigen und die Folgerungen zu ziehen. Nach Gärtner hat die „Bildung" neben dem individuellen Moment noch eine zweite wichtige Forderung zu erfüllen: das Individuum zu befähigen, sich seiner Gemeinschaft einzureihen, die Bereitschaft zu erwecken, für diese Gemeinschaft einzustehen und der Situation des Kollektivums entsprechend sich ihm einzuordnen. Das Einzelwesen muß fähig werden, sich einer geschichtlichen Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Was die Gemeinschaft schlechthin bedeutet, welche Aufgaben sie und auch das Individuum hat — das ist— wie überhaupt jede philosophische Frage — keine unparteiische, objektive Frage, als solche wäre sie auch höchst unpraktisch. Diese Frage ist nur vom Subjektiven her zu lösen — um

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