Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 11 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Schü 1 zeitung Nummer .II Die Bibelübersetzung ^von Buber und Rosenzweig von Dr. M. Spanier, Berlin Die beiden Autoren stellen in ihren Schriften die höchsten Anforderungen an eine Uebersetzung der Bibel. Sie hängen den Kranz so hoch in die Sterne, daß niemand ihn erreichen kann. Denn nur annähernd wird es gelingen können, den Gehalt der Urworle mit all ihrem Schatz offenbarter Göttlichkeit, den sie umschließen, in Lautgebilde ganz anderer Wachstumsart einmünden zu lassen. Je mehr man an das Geheimnis des Wortes glaubt, desto eher müßte man von jedem Umweg des Uebersetzers abstehen und lieber die gerade Richtung zeigen, in der auch Schiller und Goethe das Ziel suchten, als sie die Macht und Schönheit des biblischen Wortes inniger erfassen wollten: sie lernten Hebräisch. Wenn man die in Einzelheiten oft wirklich erleuchtenden Bemerkungen der Autoren in ihren theoretischen Aeußerungen über das Uebersetzen liest, möchte man wünschen, sie hätten den Reichtum ihres einfühlenden Verstehens nicht in den allzu engen Raum einer Uebersetzung verbannt, wo er oft bis zur Unerkennbarkeit eingepreßt ist, sondern eher in einem Kommentar, in einer Art modernem Midrasch, voll und lebendig ausströmen lassen. Denn hier haben sich zwei Männer hohen Ranges zu einer harmonischen Zusammenarbeit vereinigt, und man kann immer nur mit tiefem Schmerze daran denken, daß dieser Bund gestört wurde, als der geniale Franz Rosenzweig, uns allen entrissen, zu früh in die Ewigkeit einging. Zwei Männer hatten sich gefunden, beide des Wortes mächtig, Kenner der hebräischen und deutschen Sprache in ihrer Entwicklung, den Reichtum deutscher und jüdischer Kultur in sich tragend, der in ihnen erwachsen war aus tief durch eine lange Reihe von Geschlechtern in die beiden Erdreiche eingedrungenen Wurzeln. Im Frieden ihrer schaffender Hände ruhte Oestliches und Westliches, und ihr Werk ist auf jeden Fall eine große Leistung von bleibendem Wert. Es gibt Leute, die Bibelübersetzen für eine leichte Kunst halten. Man vergleicht mehrere gute Uebersetzungen^ wählt aus ihnen jeweils nach eigenem Geschmack die treffendste Verdeutschung, fügt, wenn es nötig erscheint, auch einmal aus Eigenem vermeintlich Besseres hinzu, und das Werk scheint gelungen. Die Uebersetzung von Buber und Rosenzweig ist anderer Art. Sie ist im besten und tiefsten Sinne originell. Sie geht auf den Ursprung des hebräischen Wortes zurück und gibt mit schöpferischer Sprachkraft, wie sie eben diesen Autoren eignet, die möglichst genau entsprechende Verdeutschung. Hier ist jedes Wort gründlich durchdacht und — was noch wichtiger ist — durchfühlt. So respektvoll man nun auch die Leistung dieser Uebersetzung im ganzen beurteilen muß, drängen sich doch auch Bedenken auf. Die sprachliche Wurzel des einzelnen Wortes liegt in ihrer bildgebenden Veranschaulichungskraft keineswegs immer klar am Tage. Sie ruht oft in verborgenen Tiefen. Schon in Vorzeiten können ähnlich klingende Laute für verwandte Bedeutungen sich miteinander verquickt haben zu einer unlösbar scheinenden Einheit. Es widerspricht auch den Gesetzen der Sprachentwicklung, wenn man meint, daß ein Nachhall der ältesten Wurzelbedeutung noch in den spätesten Worten, wenn auch nur in leisester Abtönung, spürbar sei. Wenn es in den Blättern eines alten Baumes lebensvoll rauscht, kann die ursprüngliche Wurzel schon abgestorben sein. Der Bedeuttingswandel ist eine Macht, die oft sehr eigenwillige Wege einschlägt, und man erhellt nicht, sondern verdunkelt manchmal den lebendigen Wortsinn, wenn man zu viel Wert auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortstammes legt. Ein Beispiel aus dem Deutschen. Wollte jemand die Wendung „du kleiner Schelm" so in eine andere Sprache übersetzen, daß der Ursprung des Wortes erkennbar würde, so müßte er auf Seuche, Kadaver (Aas als Schimpfwort!), Schuft, zurückgehen. Und wenn die letztgenannte. Bedeutung unserm Sprachgefühl noch nicht ganz fernliegt („Auf einen Schelmen anderthalbe!"), so würde der Uebersetzer doch die zarte Lieblichkeit jenes. Kosewortes verderben, wenn er die ursprüngliche Derbheit in seiner Uebertragung ankl'ngeh lassen wollte. Innerhalb eines Zeitraums von 400 Jahren hat sich die Bedeutung des Wortes Schelm völlig.gewandelt. Nun handelt es sich in der Bibel — rein äußerlich betrachtet — um literarische Werke, die innerhalb einer Spanne von etwa 1 000 Jahren entstanden sind. Wie schwierig wird es sein, die eigentliche Bedeutung des Wortes zur Zeit, da es zuerst gesprochen, festzustellen! Denkt man nun auch noch an die Umwandlung der Form auf dem Wege der mündlichen und schriftlichen Tradition, so wird'man sich gern damit bescheiden*, wenigstens die Bedeutung des Wortes etwa zur Zeit der abschließenden Sammlung der biblischen Schriften aus dem Zusammenhang der Rede herauszuahnen. Es ist überhaupt verwunderlich, daß man allzuviel Wert auf den Bedeutungsinhalt des einzelnen Wortes legt. Das Wort ist doch nur eine Marke für einen iim Laufe der Jahrhunderte sehr wechselnden Inhalt. Der Zusammenhang des Satzes ist oft entscheidend für den Sinn des Wortes. Gerade wenn man so vier Wert auf die „tönende Gesprochenheit" der Rede legt, so sollte man bedenken, daß das einzelne Wort je nach seinem Range im Satz nur ein mehr oder weniger starkes Strahlenbündel zu dem Lichte des Gedankens'' das der ganze Satz ausstrahlen soll, beisteuern darf. Wenn das Licht durch gar zu viel fremdartige Worte gebrochen wird, kann es schließlich ganz verdunkelt werden. So sehr man den Uebersetzern dankbar sein muß, daß sie der Trivialisierung des biblischen Wortes entgegengewirkt haben, so verfallen sie doch oft in den entgegengesetzten Fehler. Man gewinnt dann den Eindruck, daß nicht das schlichteste .Wort gesucht wird, sondern daß das gesuchteste den Uebersetzern gerade, noch schlicht genug erscheint Dadurch, daß man die Wurzelbedeutung eines Wortes festlegt und sie in seinen verschiedenen Formen zum Ausdruck bringen will, kommt man dazu, den jeweiligen Hauptinhalt des Wortes durch allerhand Vorwörter oder durch oft befremdende Umformung zu verdeutlichen, während man das schlichte Wort, das dem Sinn entspricht, wenn es auch nicht wurzelhaft verwandt erscheint, meidet. Dabei soll nicht vergessen werden, daß man den Autoren oft dankbar sein muß für die Ausmerzung durch Gewohnheit festgewordener veralteter, matter oder unrichtiger Uebersetzungen und für deren Ersatz durch den Kern treffende Verdeutschungen. Beispiele mögen, im folgenden die Eigenart des Uebersetzungswerkes aufweisen und das Gesagte begründen. In dem bedeutungsvollen Beiwort zu der neubearbeiteten Ausgabe der 5 Bücher der Weisung für den Bne-Brith-Orden — der Kürze wegen mit Bb hier bezeichnet — legt Buber Wert darauf, daß pakad sei „die Tätigkeit des Ordnens, Anordnens, Verordnens, Beiordnens, Einordnens, Zuordnens, daher auch Gottes die Menschengeschicke ordnendes Walten, sein Ergänzen des Mangels, Hervorholen aus Bedrängnis, aber auch sein Tat und Folge zuchtmeisterlich ausgleichendes Wirken so genannt wird." Die Wörterbücher geben hingegen mit Berücksichtigung der verwandten Sprachen als Grundbedeutung „suchen" an, aus der die weitere Entwicklung zwanglos abgeleitet werden kann. Auch BR (= B.uber, Rosenzweig) übersetzen pakad Jes. 34, 16 niemand sucht nach seinem Genossen. 1. Sam. 17, 18 m u s t r e deine Brüder auf ihr Wohlsein (parallel heißt es 17, 22 schaal l'schalom). 1. Sam. 20, 6 vermißt derweil, mißt mich dein Vater (so auch 25, 15). An mehreren Stellen wird pakad auch von BR mit „bedenken" übersetzt — „was es erst recht niemals und nirgends bedeutet", meint Buber im Beiwort zu Bb — z. B. I M. 21, 1 „Er bedachte Sara nach seinem Spruch." Bb „er ordnete es S. zu, wie er hatte gesprochen." Die gleiche Entsprechung noch an den andern Stellen im I„ II. u. IV. M. Aber in Jeremia 23, 2 heißt es nun schon bei BR „zusammengeordnet habt ihr sie nicht, wohlan, ich ordne an euch z u das Arg eurer Geschäfte", und wahrlich nicht schön Jer. 15, 15 sochreni ufokdeni „gedenke mich, ordne mir zu". Die Uebersetzung „die Eingeordneten, die Mosche ein-, ordnete" IV. M. 1, 44 (BR) kann man gelten lassen, aber sonst ist diese konsequente Wiedergabe von pakad mit dem Lehn-