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Jüdische Schulzeitung · 1935-03-01 · 3 (1.3.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
11 (1935)
Issue
3 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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11. lahrgang Nummer 3 Jüdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichs Verbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den i.März 1935 Druck und Verlag: Gebrüder Heubauer, Ludwigshafen a. Rh. Hauptschriftleiter: Dr.Siegfried Braun Köln, Lü^owstraße 39 Zum Ende des Schuljahres S. B. Das Schuljahr, das -sich seinem Ende zuneigt, hat dem jüdischen Erziehungswesen einen Auftrieb gegeben, wie wir ihn noch nicht erlebt haben. Hunderte von Knaben und Mädchen haben die allgemeinen Schulen verlassen und sind in die jüdischen übergetreten. Die wenigen höheren Schulen, die zeitweilig nur geringen Zugang fanden, sahen mit einem Male üi£e Stunde gekommen, und .ihre Klassenfrequenzen wuchsen zu unerwarteter Höhe an. Eine beträchtliche Anzahl von Groß- und Mittelgemeinden riefen Volksschulen ins Leiten und schufen so die Möglichkeit, einem unabweisbaren Gebot der Zeit zu genügen. Kein Opfer wurde gescheut, der Jugend eine Stätte zu bereiten, an der sie seelisch geborgen war. Selbst die Eltern, die weltanschaulich eine konfessionelle Scheidung der Kinder als untunlich erachten, verschlossen sich am Ende nicht der Einsicht, daß, so wie die Dinge nun einmal liegen, die Errichtung jüdischer Schulen unumgänglich sei. Nicht ohne Bitternis blicken wir Lehrer auf diese Entwicklung hin. Erinnert sie uns doch an die Kämpfe, die wir früher um die jüdische Schule führen und oft vergeblich führen mußten. Damals wäre es leicht gewesen, Dutzende von öffentlichen Volksschulen ins Leben zu rufen, nicht von solchen, die heute wegen zu geringer Schülerzahl der Auflösung verfallen wären, nein, von lebensfähigen Systemen, wie wir sie glücklicherweise in einer Reihe von Städten haben. Man denke nur an die Reichshauptstadt mit ihren 200 000 Juden und überschlage, was für ein respektables öffentliches Schulwerk dort blühen könnte, wenn die maßgeblichen Gemeindeführer eine entsprechende Schulpolitik getrieben hätten. Es hat keinen Sinn, versäumten Gelegenheiten nachzutrauern; aber gesagt werden darf es doch einmal, daß in die Freude über den Aufschwung des jüdischen Schulwesens sich die Wehmut mischt, die der Ueberlegung entspringt, daß, was man von der Minute ausgeschlagen, keine Ewigkeit zurückbringe. * Noch ein trüber Gedanke drängt sich auf, wenn man auf die äußere Situation des jüdischen Erziehungswesens hinblickt. Noch sind die Kinder da, die die alten und neuen, die höheren und die Volksschulen füllen; noch auch — allerdings in außerordentlich bescheidenem Ausmaß — die materiellen Mittel zur Weiterführung der Schulen. Was aber wird werden, wenn die jüdische Bevölkerung Deutschlands sich weiterhin stark vermindert, wenn namentlich die Geburtenzahl in dem Maße zurückgeht wie im verflossenen Jahre? Wie sollen die Schulen erhalten werden, wenn die wirtschaftliche Lage der Juden sich noch weiter verschlechtert? Hier erheben sich Sorgen, über die hinwegzusehen einem „verruchten Optimismus" huldigen hieße. Und dennoch vermögen wir nicht, vorsorgende Maßnahmen ins Auge zu fassen. Es bleibt uns nichts andres übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und, opferwillig bis zum letzten, alle Möglichkeiten der Erhaltung einer ungebrochenen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auszuschöpfen. Wir vertrauen dabei auf die Hingabefähigkeit unserer Schwestern und Brüder, die sich in den verflossenen schweren Jah- Max Liebermann In den Silen ist dieser Meister des Pinsels, des Stiftes und der schreibenden Feder gestorben- Unfaßbar schier erscheint uns, mit welch einem Maß von Kraft und Leidenschaft Max Liebermann bis zuletzt um die Bewältigung des Sichtbaren in Linie und Farbe rang. Seine Hand ist ruhig geblieben und sein Auge scharf, und die Gabe, Geschautes unmittelbar zum Bild zu gestalten, hat ihn nicht verlassen. Die öffentliche Meinung hat sich in diesen Wochen mit der Person und mit dem Werk des Meisters viel beschäftigt und beides daraufhin geprüft, ob es deutsch oder jüdisch gewesen sei. Liebermann hätte derlei Betrachtungen vermutlich mit einem treffsichern Witz erledigt. Vielleicht auch hätte er auf die Fülle der von ihm geschaffenen Werke hingezeigt und gar. nichts gesagt, sondern still vor sich hingelächelt Jetzt, da der Meister von uns gegangen ist, wollen wir sein langes gesegnetes Leben überschauen und auf seinen Wert hin beurteilen. Liebermann hat im menschlichen und künstlerischen Bezirk der Wahrheit und Wahrhaftigkeit gedient. Sich und andern in irgendeinem Betracht blauen Dunst vorzumachen, lag nicht in seiner Art Dafür zeugen seine Zeichnungen und Malereien, dafür zeugt — das sei denen zu überprüfen anheimgestellt, denen die Gabe zum Kunstwerk in ein Verhältnis zu kommen, versagt blieb — seine schriftstellerische Arbeit*). In einer wahrhaft klassischen Sprache, voller Klarheit, voller Durchsichtigkeit und Prägnanz hat steh Liebermann über die Fragen des künstlerischen Schaffens ausgesprochen. „Von der Malerei als Ding an sich will ich reden, nicht von der Musik oder der Poesie in der Malerei; denn was nicht deines Amtes ist, davon laß deinen Fürwitz." So hat ers sein ganzes Leben hindurch gehalten. Da ihm ein gütig Geschick die Gabe dazu verliehen hatte, wuchsen Ruf und Ansehen wie von selbst. Liebermann hat sich nicht aufgedrängt, man hat nach ihm gerufen. Man hat ihm die Anerkennung gezollt, die seiner Leistung entsprach. So ist es am Ende ganz gleichgültig, wie man sie einordnet- Das Urteil Karl Schefflers: „Liebermann ist in der deutschen Malerei dieser Jahrzehnte zweifellos das gestaltungskräftigste und originellste Talent, er ist der Künstler, der unter den Malern am meisten verdient, nach Leibis und Menzels Tod, als Ehrenbürger der deutschen Nation bezeichnet zu werden" gibt zwar der allgemeinen Auffassung Ausdruck, die über Liebermanns Bedeutung bestand; es ist aber ebenso irrelevant wie etwa die Meinung, Liebermann sei ein eminent jüdischer Künstler gewesen. Daß er ein Künstler gewesen, daß er in nimmergenügsamem Bemühen einer Aufgabe gedient hat und ihr ehrlich und in voller Hingabe gedient hat, das macht seines Daseins Wert aus. Da der Meister die Augen geschlossen hat und seine Hände ausruhen, zeugen nur noch seine Schöpfungen für ihn. Sie sind in die ganze Welt hin zerstreut und haben Zeit, auf Menschen zu warten, die sich von ihnen ansprechen lassen. Selbst das entscheidet nicht über den Wert des Mannes, ob sie kommen werden, wenngleich es scheinen will, als könne es nicht ausbleiben, daß sie kommen. *) Gesammelte Schriften, Verlag Bruno Cassierer-Berlin 1922.

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