Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 7 Jüdische Schulzeitting Seite 3 und gedankenarm von Rückwärtspropheten vollzogen wird, von Volksrednern, die um so herber zu urteilen pflegen, je weniger stark die Geneigtheit ist, einmal Prüfung ihrer selbst zu halten. Es war nicht immer leichtfertiger Hang zum Abfall, der den Schwund jüdischer Grundkräfte herbeigeführt hat. Hier wirkten ernstzunehmende weltanschauliche Wandlungen mit,' von denen nieHt mir dt© Juden berührt wurden; dazu Sachverhalte soziologischer Natur, die von draußen herankamen und die die Festigkeit im Lebensgefüge der Juden auflockern mußten. Heute ist die Stunde gekommen, da entgegengesetzte Tendenzen eine günstige Konstellation zur Wiedererlangung eines schöpferischen Einheitsbewußtseins herbeigeführt haben. Es wird ungeachtet aller Parteistreitigkeiten eine Ganzheit des Lebensgefühls zeitigen, aus der Jieraus die Impulse zur entschlossenen Rückwendung zum „Urbestartd" (Martin Buber) kommen werden. Die jüdische Schule hat die Chance, ihnen Ziel und Richtung zu geben. Sie umfaßt die jungen bildsamen Menschen, eine aufgeschlossene Generation, die bereit ist, Jüdisches in breitem Strom in ihr Leben einfließen zu lassen. Sie steht nicht am Rande des Judentums; sie ist trotz aller Mängel doch eine Institution geblieben, in der es Heimatrecht behalten hat. Ihre Lehrer wissen herkunft- und auftraggemäß um das, was not tut, und so sind die Vorbedingungen zu einem aufs Ganze des jüdischen Daseins hinzielenden Umbruch der Schularbeit gegeben.. Das Wort „Religionsunterricht" verliert hier seinen Sinn; es trifft nicht einmal mehr einen Bruchteil dessen, was in Frage steht; es schwindet aus der Diskussion, die heute geführt wird, weil es Ausdruck gewesen ist einer psychischen Haltung, die arm war an Liebe zum eignen Schicksal, und arm an Neigung, seinem- Anruf zu, folgen. Auch der terminus „Judentumskunde" umfaßt in keiner Weise das Gesamt dessen, was hier gemeint ist. Er bedeutet. Abgrenzung gegen das Leben. Einordnung ins Lehrbare und also Verkürzung des seelischen Bereiches, in dem Jüdisches nunmehr sein Vollgewicht finden soll. Indem hier darauf verzichtet wird, eine geeignetere Bezeichnung zu prägen, wird zum Ausdruck gebracht, daß die jüdische Schule hinfort eine Gewichtsverschiebung im Ganzen ihres Planes wird vorzunehmen haben, die sie wesenhaft von dem unterscheidet, was jüdische Schule in der Vergangenheit war. Stand in deren Mittelpunkt der deutsche Mensch mit einer mehr oder weniger großen Beigabe von Jüdischem, so zielt die neue Schule auf den jüdischen Menschen hin, der sich wieder hineinstellen will in die Geschichte seines Volkes, der dessen Schicksal miterleben und im Vollgefühl der Verantwortlichkeit teilnehmen will an jedem Werk, das vom Genius des Gesamtjudentums hervorgetrieben wird; der darüber hinaus ohne Grenzüberschreitung zwar, aber aus freiem Entschluß der Stimme folgt, die ihn vom deutschen Heimatboden her anruft. Hier muß es sich erweisen, ob das Galuth uns westeuropäische Juden in den letzten zweihundert Jahren nicht so im Tiefsten gewandelt hat, daß die Umkehr unmöglich wäre; ob namentlich das das Judentum konstituierende Religionsgesetz und eine fortdauernde geistige Arbeit an ihm wieder aufgenommen werden können. Es wird häufig der Meinung Ausdruck verliehen, dem Entstehen einer derartig fundierten jüdischen Kultur seien Grenzen gesetzt, weil uns das Instrument fehle, in dem sie al Gesamtkultur eines über die ganze Erde hin verbreiteten Volkes den ihr adäquaten Ausdruck zu finden vermöchte: die hebräische Sprache. Sie ist zwar aus leichtverständlichen Gründen zum Lieblingskind unserer Zeit geworden; sie hat ihre Stunde auch in der jüdischen Schule gefunden, und das ist gut so. Aber vermelden wir, uns trügerischen Hoffnungen hinzugeben! Die Forderung nach einer weitgehenden Hebraisierung unserer Jugend ist berechtigt angesichts der Notwendigkeit, sie wieder mit dem geistigen Ursprung unseres Volkes zu verbinden und darüber hinaus sie für Erez Jisrael vorzubereiten. Sie wird sich aber nicht in dem Sinne erfüllen lassen, als ob. etwa die hebräische Sprache einmal Umgangssprache in: dem Oaluth werden und damit das Entstehen, einer bis ins Letzte Iiinein allumfassenden jüdischen Eigenkultur sichern könnte. Es ist nun einmal das Schicksal des jüdischen Volkes, auf lange Zeitstrecken hin in andern Sprachbezirken leben zu müssen, und es ist keineswegs ausgemacht, ob dieses Los nicht dem Ganzen seiner . Welt eine besondere Farbigkeit, Breite und Tiefe verliehen hat. Der sinnende und dichtende Jude, auch der Jude in seinem Alltag, hat, sofern sein Dienst der Entfaltung und Mehrung seines nationalen Besitzes galt, immer auch im Idiom der Umwelt seine eigene Sprache geformt, hat Hebraismen in es verwoben, hat den Geist seiner Herkunft in ihm zum Mitschwingen gebracht und so in durchaus rechtmäßiger Weise eine vollgültige deutsch jüdische Kultur geschaffen. Es ist nicht so, wie es Jakob Klatzkin in einer gedanklichen Ueberspitzung hat dartun wollen, daß ausschließlich die Sprach form und nicht auch der Inhalt national relevant sei (Probleme des modernen Judentums, Jüdischer Verlag, Berlin). Wieweit das etwa für Kulturen gilt, die in eine m Lande geworden sind, mag dahingestellt bleiben, für die jüdische Kultur gilt es nicht, weil sie ein andres ist als hebräische Kultur, weil sie — wer mag entscheiden, ob nicht aus Bestimmung her? — ein Galuthmäßiges ist. So wird denn die hebräische Sprache den ihr von Urzeit her zugehörigen Raum im Kultischen und im religiös-literarischen Schaffen wiedergewinnen und erweitern müssen, während in der deutschen Sprache wie bisher die Seele des deutschen Juden in eigner Melodik schwingen will, um allen zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie der Geschichte, der Politik, der Wissenschaft und der Kunst sinnlich wahrnehmbaren Ausdruck zu geben. Bleiben beide Sprachen als formverleihende Werkzeuge einer deutschjüdischen Kultur unser Besitztum, so wird dennoch eine gewichtige Verschiebung des Schwerpunktes im Sachlichen dessen statthaben müssen, was uns deutschen Juden in Zukunft Lebensinhalt sein wird. Es ist nicht so, als ob erst jetzt, unter dem Zwang der ex abrupto erfolgten „Ausgliederung" aus dem deutschen Volke diese Verschiebung beginne. Weit früher schon hat sie eingesetzt, in jenen Jahren, als die Problematik der Emanzipation keimhaft sichtbar wurde. Das bezeugen die mannigfachen Aufspaltungstendenzen, die eine Anzahl von Richtungen und Parteien zeitigten und allmählich ein umfangreiches Arsenal publizistischer Waffen schufen, deren Handhabung die geistig Interessierten Schichten in lebhafteste Bewegung versetzten. Ueberblickt man einmal das 'Kampffeld, auf dem die Kräfte ii» Wort und Schrift sich maßen, so gewinnt man den Eindruck, als sei trotz aller Niedergangserscheinungen eine durchaus werterfüllte, die Zukunft sicherstellende kulturelle Leistung vollbracht worden, eine Leistung, die besondre Anerkennung beanspruchen darf, weil sie inmitten einer lockenden Umwelt den in Atome zersprengten Volkskörper als lebendige Einheit zusammenhielt. Was da an eigner Substanz aus der Vergangenheit herübergeholt und verarbeitet wurde, das liegt heute als Material bereit und besitzt hinreichend der Fülle, dem Verlangen nach jüdisch kultureller Tat Genüge zu leisten. Bleibt nur der Wille zur Hingabe fest, so brauchen wir nicht zu fürchten, es werde die deutsche Judenheit in eine seelische und geistige Leere, hineingestoßen sein. Freilich, die Schule hat sich — aus verständlichen Gründen — bisher nicht so in diese spezifisch jüdische Welt hineinstellen können, wie es wünschenswert gewesen wäre. Sie hat im Drange der allgemeinen Arbeit vielfach von blassen Surrogaten gelebt, hat das Vergangene in dürftigen Fragmenten dargereicht und Gegenwärtiges allzusehr von sich 'erngehalten. So darf es weiterhin nichr bleiben. Die Zeit fordert von ihr vollen Einsatz, auf daß die Jugend wieder ein kräftiges Geschichtsbewußtsein erlange, wobei mit dem Begriff Geschichte das Totale des jüdischen Lebens umfaßt wird. Diese Jugend steht bei aller Aufgeschlossenheit für das Vätererbe nicht ohne weiteres in einer. Beziehung zu ihm, d:e als leidenschaftliche Hingabe bezeichnet werden dürfte. Zuweilen ist geradezu etwas wie Ablehnung spürbar, und der nach den Motiven dieser Haltung forschende Erzieher blickt wohl auf die Vorgänge der Außenwelt hin, auf dieses alle kindlichen