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Jüdische Schulzeitung · 1934-03-01 · 3 (1.3.1934) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
3 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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störisch Einmaliges da ist, theoretische Fundierungsversuche unternommen, bei denen das Verhältnis zur Umwelt eine ausschlaggebende Rolle spielt, und die so eine Schichtung in Gruppen hervorgerufen haben. Von Dubnow, dem* Theoretiker der Autonomisten führt der Weg über Achad Haam, den Begründer des geistige n, über Theodor Herz!, den Schöpfer des politischen Zionismus zu Klatzkin, dem radikalen Verneiner jeder Qaluthwertigkeit und Jabotinsky, dem radikalen Machtpolitiker und Führer einer nicht sehr großen aber tatkräftigen militanten Gruppe von Zionisten. Wie im Lager der Assimilation nach einer allzubedenklichen Abkehr von der Mitte die Sammlung zu ihr hin erfolgte, so folgte auch innerhalb der nationaljüdischen Bewegung dem Radikalismus nach einer Seite die Rückbiegung in einen Bereich hin, in dem versucht wird, den der Geschichte der Juden seit Anbeginn eigenen Dualismus zwischen Palästina und derDiaspora durch einen tragbaren Ausgleich zu überwinden. Diese Tendenz, die bereits in Dubnows geistiger Arbeit beschlossen liegt, leitet heute einen sehr erheblichen Teil der nationaljüdischen Kämpfer, unter denen de: jüngst heimgegangene Führer Motzkin an erster Stelle stand; sie scheint überhaupt in der kommenden Zeit die Richtschnur der gesamten jüdischen Kämpfe auf dem Felde der -Politik und der Kultur zu werden, so daß die „synthetische Richtung" schließlich das gesunde Kraftverhältnis herbeiführen wird, das nicht entbehrt werden kann, wenn eine Gemeinschaft Zukunft haben will. Aufs letzte hin gesehen bedeutet aber diese Haltung in einer Mitte die Bestätigung für die Auffassung, daß Judentum weder eine bloße Nation noch eine reine Glaubensgenossenschaft sei, sondern eine Erscheinung sui generis, das größte Rätsel eben der Weltgeschichte. In ^dieser knappen Darstellung konnte nur das Wesentlichste der ausgezeichneten Studie-"wiedergegeben werden. Wer das Original liest, wird sich dem Eindruck nicht verschließen können, daß hier ein Mann die Feder geführt hat, dessen'geistiges Rüstzeug von einer erfreulichen Vielseitigkeit und. Gediegenheit ist. Ringer hat sich ehrlich bemüht, sowohl auf dem Felde des jüdischen Tagleskampfes als auch in dem Bereiche der jüdischen Publizistik heimisch zu werden. Und wenn der Autor auch dur einen Teil der benutzten Literatur zitiert, so,spürt doch der kundige Leser aus dem Ganzen heraus, wie reich der Schatz ist,, aus dem Ringer schöpfen konnte. -Nehmen wir die von. Ehrfurcht vor dem Geheimnis und von der Liebe zur Gerechtigkeit bestimmte Haltung zur Judenfrage hinzu, so ergibt sich ganz von selbst, daß jüdische Leser den Aufsatz Ringers nveiijer besonderen Art auf sich wirken lassen. Er gibt ihnen nicht nur die seelische Stärkung, von der zu Beginn dieses Berichtes die Rede gewesen, er weckt wohl auch leise die Hoffnung, es möchte hier ein» Anfang vorliegen zu einer ernsten sachlichen und reinigenden Aussprache zwischen den im Widerstreit lebenden Menschengemeinschaften hüben und drüben. Darüber hinaus mag sich dann die kritische Betrachtung bewegen, der auch an dieser Stelle das Recht gewahrt sei. Hat Ringer, so fragen wir aus der Schau" über das große Ganze seiner Gedanken hin, das principjum divisionis recht gewählt? Wer irmter Geisteskämpfen im heutigen Judentum einen Kampf schlechthin versteht, den jüdische Menschen irgendwo führen, der mag Ringer zustimmen. Wer indes nur den Kampf als spezifisch jüdischen gelten läßt, der um der Erhaltung des Judentums willen geführt wird, der karm nicht gut zugeben, daß Stahl, Weininger und Heller als Mitkämpfer einbezogen werden. Sie strebten hinaus aus unserem Lager, und es kommt ihnen deshalb keine inls Positive hinreichende Bedeutung zu, und damit auch keine Legitimation, den Platz von Eckpfeilern im Gefüge der in einer geistigen- Auseinandersetzung begriffenen Gruppen einzunehmen. Wer aber müßte an ihre Stelle treten? Mit dieser Frage rühmen wir an die Hauptschwierigkeit, die einer einwandfreien .Ordnung der verschiedenen Richtuirsgen im Judentum entgegensteht. ,U. E. muß auszwei Blickrichtungen heraus geschieden werden: einmal vom Religiösen und das andere Mal -vom Politischen lier. Und wenn auch die Grenzen hier nicht scharfinnegehalten werden können, weil sich im bewegten Löben Ueberschneidungen mannigfacher Art ergeben, so brächte ihre Beachtung denlnoch die Möglichkeit größerer Klarheit in der Endsicht. So ließe sich etwa folgendes Schema aufstellen .'Allgemeine Sicht: Zwei Ströme im Geistesleben der Judenheit, ein religiöser und ein politischer. Der religiöse: Extreme: Orthodoxie — Reformjudentum. Mitte: Konservativismus — religiöser Liberalismus. Der politische: Extreme: Naumanngruppe — Klatzkingruppe» Mitte: C.V. — Allgemeine Zionisten. Bei einer derartigen Einteilung fiele, wie es bei Ringer wohl geschieht, die Orthodoxie keineswegs aus, wenn es sich darum handelt, die Bemühungen um die Auseinandersetzung! mit der Umwelt aufzuzeigen. Es ist nicht so, wie es Ringer ausführt, daß die Orthodoxie eine Scheidewainid um sich her aufgerichtet habe, um dieser Auseinandersetzung enthoben! zu sein. Wir wissen von S. R. Hirsch, wie stark er an diesem Kampfe beteiligt war, und nichts ist bezeichnender für seine Haltung als die Tatsache, daß gerade er 1859 die Gedenkrede auf Schiller gehalten hat. Nicht gegen die Umweltkultur schlechthin schloß sich die Orthodoxie ab, sondern nur gegen Inhalte, die in die religiöse Ebene hineinreichten. Es ist u. E. kein zutreffendes Bild von innerjüdischen Auseinandersetzum,- gen zu gewinnen, wenn nicht starkes Gewicht darauf gelegt wird, auf religiöse Spannungen hinzuweisen. Wir möchten Ringer nicht vorbehaltlos zustimmen, wenn er meint, in Westeuropa habe das Empfinden .von der Mehrwertigkeit der Umweltkuitur die Wegerichtung zur Assimilation hin gedrängt, während im Osten, eine entgegengesetzte Haltung zum jüdischen Nationalismus geführt habe. Hier wirkten zweifellos bestimmte zwangsläufig sich ergebende Konstellationen mit, die nicht aus dem Gebiet herrührten, in dem Wertbeurteilungen den Ausschlag geben konnten; soziologische Spannungen also, dio dem Tatbestand der Emanzipation schlechthin ihr Entstehen verdankten, dazu Sachverhalte, die am besten mit dem Ausdruck „religiöse 'Krise" umschrieben werden. Mit besonderer Sehschärfe hat Ringer den Zug zur „synthetischem Richtung" hin wahrgenommen, wie er sich etwa darstellt in dem Werk und dem Wirken von Männern wie Baeck und Buber und wie er seinen publizistischen Ausdruck findet in den Organen der deutschen Zionisten und des C.V. Wären die Bestrebungen des neuerdings außerordentlich aktiv gewordenen Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und weiterhin die bemerkenswerte Arbeit der jüdischen Jugend mit hineingenommen worden in den Bereich der Untersuchung, so hätte sich . dem Autor wahrscheinlich außer dieser Bewegung zur Mitte hin eine zweite nicht minder deutlich wahrnehmbare vor Augen gestellt, nämlich nun doch wieder ein Hinstreben zum Extrem, zur Grenzbereinigung, Soweit diese Bemühungen nicht über daß Maß des Zuträglichen hinausgehen, über den Umkreis also, in dem versucht wird, das vom Jüdischen herrührende Lebensgut zum mittragenden Fundament zu gestalten, soweit braucht uns die Entwicklung kaum Sorge zu machen. Außerhalb dieses Feldes aber wird — so hoffen es die Einsichtigen — alles Planen,- Abgleiten am Ende ins Wesensfremde und damit in die Bedeutungslosigkeit hinabsinken. Wir Juden, die wir alle an irgendeiner Stelle den Kampf- . froniten eingefügt sind, die wir also nicht auf der hohen Warte für Zuschauer verweilen dürfen, wir spüren jede Wendung, die unser Geschick erfährt, unmittelbarer, instinktiver als die Draußenstehenden. Und wenn uns, um deren Sein oder Nichtsein heute heftiger als sonst zu Zeiten gerungen wird, nicht alle Einzelheiten dieses Kampfes von Ringer richtig gesehen erscheinen, so freuen wir uns dennoch aufrichtig darüber, wieder einmal bestätigt zu fimden, daß es auch in Tagen, da die Gemüter aufs tiefste aufgewühlt sind, Menschen gibt, die unserer kleinen Gemeinschaft in Zuneigung gedenken, und die auch uns nicht ausgeschlossen wissen wollen aus der Gesamtheit derer, die unter dem schönsten aller Bekenntnisse leben: „Ich bin ein Mensch," nichts Menschliches ist mir fremd-" Siegfried Braun.

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