Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 2 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2825247-2825342-2825344--0796-2826433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nummer'£ Jüdische S, c h u 1 z e i t u n g Seite 3 .4Ja,kob Wassermarin ist ein Herold der Gerechtigkeit gewesen wie keiner mehr. Ihr unverdrossen zu dienen war seines Wirkens vornehmster Inhalt. Es griff mit prophetischer Gewalt hinein in die Wirnisse der Erwachsenen, es umfaßte mit seherischem Scharfblick und mit liebender Hingabe an reine Natur die rätselvolle Welt des Kindes und der Jugendlichen. Da wuchsen diesem feinsten der Seelenkenner Einsichten zu von schier unerschöpflicher Fülle. Weon wir jüdischen Erzieher seine Werke lesen, mögen sie wie jede geprägte Schöpfung eindringlich zu uns sprechen. Darüber hinaus aber ströme, der Reichtum pädagogischer Weisheit uns zu, auf daß sie unsre Arbeit befruchte. So wird uns Mensch und Werk nahe bleiben. S. B. Wendepunkte in der jüdischen Geschichte von M. Abraham-Berlin (Srhluß) VII. Sie brach herein mit der Einnahme Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar im Jahre 586; mit der Zerstörung des Tempels, der Gefangennahme und Blendung des Königs Zedekia und der Fortführung der einflußreicheren jüdischen Bevölkerung nach Babylonien. Trotz des furchtbaren Geschickes ging aber das Volk nicht zugrunde, sondern erlebte dank dem Wirken der früheren und des nuin. in der Verbannung auftretenden Propheten Ezechiel und des großen Unbekannten, den wir den zweiten Jesaja nennen, eine innere Wiedergeburt. Auf fremdem Boden konnten ein Tempel nicht errichtet, Opfergaben nicht dargebracht werden. Die vorhandenen Ansätze zum Gebetgottesdienst wurden weiter ausgebaut. Die Reden der Propheten wurden gesammelt und aus dem Gedächtnis ergänzt, der Grundstock der Psalmen erweitert, die ersten Gebete textlich geformt und fixiert, die Religion der Vorfahren im Gegensatz zu derjenigen des Siegervolkes, in dessen Mitte man nun leben mußte, klarer begriffen und inniger ins Herz geschlossen und treuer bewahrt als vorher. Und als i. J. 536 unter Cyrus von Persien die Befreiungsstunde schlug, fa'nd sie ein geläutertes und williges Geschlecht. Aber erst Esra, der im Lande der Verbannung geborene Jude, brachte i. J. 444 diese Entwicklung zu einem Abschluß und wurde zugleich der Begründer. einer neuen sehr bedeutungsvollen Entwicklung, indem er, ein zweiter Mose, alle in Betracht kommenden Vertreter der neuen Gemeinden in großer Versammlung zur öffentlichen und feierlichen Verpflichtuni? auf das Buch der Lehre als auf das für alle Lebensäußerungen geltende Gesetzbuch bewog. Vin. Nun begann die Periode der Vervielfältigung, Erforschung und Auslegung des Gesetzbuches, welches die Thora. der Pentateuch, die 5 Bücher Moses genannt wird. In diesem mehrere Jahrhunderte umfassenden Abschnitt der israelitischjüdischen Geschichte wurde von begeisterten und tief-ernsten Männern, den Schriftgelehrten, bis ins einzelnste und kleinste nachgedacht und festgelegt, wie die in der Thora nur allgemein und in Umrissen angedeuteten Vorschriften in der Praxis des Lebens verwirklicht werden können und sollen. Sie schufen zum Gesetzbuch die Ausführungsbestimmungen. Sie stellten alle, aber auch alle Aeußerungen des Lebens unter dieses Gesetzbuch, um sie zu weihen und zu adeln. Sie schufen neben der Thora die Mischna, ein zweites Gesetzbuch, welches seinerseits wieder der Ausgangspunkt einer neuen gewaltigen geistigen Schöpfung wurde und mit ihm zusammen das Riesenwerk des Talmud bildet. IX. In diese Periode fällt, von anderm abgesehen, der heldenhafte und siegreiche Makkabäerkampf gegen die Aufzwingung.einer fremden Religion, des 'griechischen Zeuskultus, wodurch das Selbstbewußtsein und der Freiheitssinn der jüdischen Nation in politischer und religiöser Hinsicht eine außerordentliche Stärkung erfuhr. Um so empörter und entrüsteter nur ertrugen darum spä-. ter die Juden die brutale Verwaltung und Herrschaft der Römer, unter die sie nicht ohne die Schuld ihrer eigenen Regenten geraten waren. Aber es war doch ein VerhängniSr als die Gequälten sich schließlich gegen ihre Machthaber und Peiniger zum Kampf auf Leben und Tod erhoben. Für jüdische Nation als solche, für ihre nationale Selbständigkeit bedeutete der Kampf Zusammenbruch und Untergang. Im Jahre 70 unserer Zeitrechnung hörten die Juden auf, ein geschlossenes Volk auf eigenem Boden zu sein. Es war eine Wendung, in ungeheurem Ausmaß und in furchtbarer Art und Form. 2 Millionen Menschen hatten ihr Leben oder ihren Besitz und ihre Freiheit eingebüßt. Nur Reste verblieben auf heimatlichem Boden. Zerstreuung unter die andern Völker der Erde war nun das Los der Juden. Wohin sie aber auch gingen, dahin nahmen sie ihren ewigen unverlierbaren Besitz, ihren Stolz und ihren Trost, ihre Bibel mit. Der heldenhafte, aber unglücklich endende Barkochba- Ainstand. 60 Jahre später, war der letzte verzweifelte Versuch der Juden, rniit Waffengewalt die politische Freiheit und Selbständigkeit wiederzuerringen. X. Ein wundervoller Mensch und Gelehrter. Rabbi Jochanan ben Sakkai, hatte schon früher während der Belagerung Jerusalems durch Vespasia'n die Unglückswendung kommen sehen, ihr aber nicht untätig entgegengeschaut. Es gelang ihm, vom römischen Feldherrn die Erlaubnis zu erwirken, in dem kleinen Oertchen Jahne ein unscheinbares Lehrhaus zu errichten. In Wahrheit hat er damit das Judentum gerettet, denn er gab der Judenheit einen Daseinssinn, ein neues geistiges Zentrum, eine seelische Heimat. Nach dem Brande und der Zerstörung des Tempels lehrte er mit klarem und vollem Bewußtsein, daß nun — im Zwange der Verhältnisse — an Stelle des Opferkultus zu treten haben: Gebet, Thoraforschung und Wohltun, die 3 Dinge, die seitdem vornehmlich den Inhalt der religiös-sittlichen Betätigung der in alle Welt zersprengten und zerstreuten Juden ausmachen. Inzwischen hatte sich, von den Juden gar nicht oder wenig beachtet, etwas angebahnt, was eine umstürzende Weltmacht werden sollte. Erst durch und nach dem Konzil von Nikäa i. J. 325 kam es den Juden allmählich zu Bewußtsein. Das war die Entstehung, Ausbreitung und Herrschaftsergreifung des aus dem Judentum hervorgegangenen Christentums. Mit seiner Entstehung begann eine schwere Zeit für das Judentum. XL Die zweite dem Schöße des Judentums (622) entsprungene Religion, der Islam, die Schöpfung Mohammeds, schien nach ihrem Wirken im Mutterlande während ihrer 1. Periode für das „Volk der Schrift" nichts als Tod und Verderben bringen zu wollen. In der Folge aber hat sie in 2 Ländern, im Euphratgebiet und auf der pyrenäischen Halbinsel, den dort zahlreich lebenden Juden Befreiung von schwerer Bedrückung gebracht, ihnen Jahrhunderte hindurch wirtschaftliche, geistige und religiöse Blüte bis zu glänzender Entfaltung vergönnt, Erlangung höchster staatlicher Aemter und Würden nicht nur nicht verwehrt, sondern erleichtert. Männer und Werke von unvergänglichem Werte und fortwirkender Bedeutung für den geistigen Gehalt des Judentums entstanden in dieser Epoche. Von ihnen seien nur genannt: Moses Maimonides, Abraham ibn Esra, Salomo Gabirol, Jehuda Halevi. XII. Doch ach, die Glanzzeit in Spanien zerfloß wie ein schöner Traum, von dem nichts weiter als eine wehmütige Erinnerung bleibt, zerfloß aber nicht im rosigten Lichte eines hellen, sonnigen Tages, sondern unter einem Erwachen voll Schrecken und Grauen. Die Herrschaft des Islams schwand und zerstob; an ihre Stelle traten schärfster Fanatismus und rücksichtsloseste Intoleranz. Die nun in Massen sich vollziehende Angst- und Zwangstaufe, das Marannentum, brachte nicht allen und vielen nur vorübergehend Rettung des Lebens; die Flammen der Scheiterhaufen fraßen gierig und unstillbar sogenannte „Ketzer" wie Täuflinge. Endlich kam die Entscheidung. Der König Ferdinand gab dem unaufhörlichen Drängen seines Großinquisitors Torquernada, des Beichtvaters der Kö-