Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 4 (13.4.1933)
- Date
- 1933-04-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 4 Monalsschrist für Pädagogik und Schulpolitik Hcransjicgcben vom „Rcichsverbavd der jüdische» Lehrervereine" 9. Jahrgang Die „Jüd. Schulzeitung" erscheint um den 15. einessedenMonatsundwird allen Milgtiedern der dem „Roichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zu-. gestellt. — Post - Bezugspreis für Nicht-, Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 13. April 1933 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABE-Straße 57. Fernruf: Sam melnummer Hamburg 34 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt- Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die Ogcspaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser N u m m e r : Bialik. II. S c i n e D i ch t u n g e n i n >d er j ü d. S ch u l e, von Walter Bacher. Süßkind von Trimberg, von Dr. M. Spanier. Neuerscheinungen in der psychotherapeutischen Literatur, von Dr. Ernst S t e ck e l m a ch e r. Ein paar Kapitel der' hebräischen Grammatik, von M. A b r a h a m (Schluß). Literarisches. Bei der Schriftlcitung eingegangene Bücher. Ergebnis des Preisausschreibens der Julius Höxter - Stiftung. > Briefkasten. Bialik II. Seine Dichtungen in der jüdischen Schule. (Ein Beitrag zur Behandlung der nenhebräischen Literatur.) Von Walter Bacher-Kassel. - Wenn man die Forderung aufstellt. Dichtungen Bialiks unseren Kindern in unterrichtlicher Behandlung näher zu bringen, wird man sofort dem sorgenvollen Einwand begegnen. daß der Normallehrplan des .hebräischen in den jüdischen Volksschulen und in den Neligionsschnlen eine Erweiterung in stofflicher Hinsicht nicht zulasse, da er in seinem jetzigen Umfange kaum bewältigt werden kann. Nun. die Einführung Bialikscher Werke in die jüdische Schule ist keine Frage des Lehrplanes und seiner mehr oder weniger willkürlichen Ordnungen. Sie ist eine Forderung an das Wahrheitsbewußtsein des jüdischen Lehrers, der nicht verschweigen darf, daß sich gerade in Bialik die Blütezeit der hebräischen Literatur der Gegenwart manifestiert. Sie ist eine Forderung der Wahrhaftigkeit gegenüber dem jüdischen Kinde, das vor dem Eindruck bewahrt werden muß: die hebräische Literatur hätte in der Peßachhagadah ihren Abschluß gefunden. Darf man die hebräische Literatur der Gegenwart aus dem Unterricht ausschalten? Diese Frage ist mit demselben strikten „Nein" zu beantworten, das man findet, wenn man etwa im Deutsch-Unterricht den deutschen Dichter und Schriftsteller der Gegenwart ausschließen wollte, wenn man überhaupt versuchen wollte, die seelische und geistige Bewegtheit unseres Lebensabschnittes vor dem Menschen der Gegenwart tot zu schweigen. — Für die Heraushebung Bialiks aus der neuhebräischen Literatur spricht seine besondere Sprachkultur, die ihn nicht nur zum größten hebräischen Dichter der letzten Jahrzehnte. sondern auch zu dem am meisten jüdischen macht. 2n ihm hat sich das Hebräisch aller Eeschichtsperioden zu einer künstlerischen Formengewalt gestaltet, wie bei keinem andern hebräischen Dichter und Schriftsteller. Wenn man sich vorstellen könnte, daß das geläuterte Hebräisch durch alle Epochen hindurch immer an den würdigsten Vertreter tradiert worden wäre, dann ist Bialik der letzte Empfänger. Verwalter und Gestalter dieses hebräischen Volksgutes. Er steht dem unfertigen Hebr.äisch der palästinensischen Straße ebenso fern, wie dem in der biblischen Phrase erstarrten, gekünstelten der östlichen Haskala-Periode. Seine Bedeutung steigert sich durch folgende Erkenntnisse. Das neueste Hebräisch ist noch nicht kodifiziert, es gibt noch keine Wissenschaft des Neuhebräischen. (Es gibt hervorragende Wegweiser: Ben Iehuda, Torczyner, .Krupnik u. a.) , Die Versuche, das Hebräische zu modernisieren, indem man es europäisiert, werden von allen Kennern der Sprache verworfen, denen die Perioden der Sprachbildung gegenwärtig sind, von denen, welche ani hebräischen Wort noch die Zeichen seines Werdeganges erkennen können. Bialik hat uns den Wortschatz der hebräischen Gesamtliteratur wieder eröffnet. Seine Sprache hat den langen Weg durch alle Epochen der Literatur zurückgelegt: Biblisches Hebrüiich, Sprache ben Sira's, mifchnaitifches Hebräisch, targumisches, babylonisches und palästinensisches Aramäisch, spanische Dichtung, spanischer Uebersetzerstil, spanische Kommentatoren und Dezisoren, französisch rabbinischer Stil, kabbalistischer Stil, rabbinischer Stil des späteren Mittelalters und der Neuzeit, chassidischer und Haskalastil. In seiner Kindheit wurde noch eine mit biblischen Reminiszenzen überladene Prosa geschrieben, ein Stil für den Kenner, der sein Gedächtnis prüft, ob er die Bezüglichkeiten berausfindet. Es wurde nicht die Sprache für den Gedanken geschaffen, sondern der Gedanke wurde in ein Vorgefundenes Sprachbild gepreßt. Nur der Wortschatz der Bibel war sprachwürdig. Bialiks Hebräisch verschmilzt die verschiedenen Sprachelemente zu künstlerischer Einbeitlichkeit. In dieser besonderen Leistung Bialiks ist die Forderung gerechtfertigt, feinen Werken in einer richtigen Auswahl Eingang in unseren Schulen zu verschaffen. Für die Einführung kommen leichte kurze Gedichte. Kinderlieder. Volkslieder (Vertonung von Idelfohn) feine sippurc lianukra, seine cser sichot liladim (Märchen von Grimm, Andersen usw. übersetzt von Bialik). sein sekeragadali in Frage. Gedichte und Lieder findet man in hebräischen Lesebüchern von Fichmann und in ähnlichen Zusammenstellungen. Schon vom dritten Iahre des hebräischen Unterrichtes an können leichte Bialiksche Texte erarbeitet werden. Die Kinder finden an der flüssigen Sprache, die häufig dein guten Hebräisch des Gebetbuches ähnlich ist, am Versmaß und am Reim bald großen Gefallen. Der fortschreitenden Kenntnis wird das seker agadah zum Ziel gesetzt. Leichte inhaltlich schon bekannte Midraschim und Agadotl) werden ausgewählt. Das Lesen des unvokalisierten Agadatextes wird angestrebt, das hebräische Nacherzählen wird versucht. Das Erarbeiten leichterer Texte des seker agadah liegt hinsichtlich der sprachlichen Anforderungen auf der gleichen Linie wie die Behandlung des Nafchikommentars, welcher in vielen Schulen auf der Oberstufe eingeführt ist. Es ist zu berücksichtigen, daß Bialik die Urform der Agada nicht verändert, daß er mir die fremdesten Worte des talmndifchen Idioms in schlichtes Mischlin-Hebräisch übertragen hat. Voraussetzung für die Gewinnung dieser Stoffe bleibt, daß zur selbständigen Erarbeitung