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Jüdische Schulzeitung · 1933-03-15 · 3 (15.3.1933) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
3 (15.3.1933)
Date
1933-03-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Seite 2 Nummer Jüdische Schulzeitung ist. Nicht bloß, weil er sich in Schule und Jeschiba und später durch eigenes Studium die ganze auch rabbinifche Literatur so angeeignet hat, dag er das riesige Material souverän beherrscht, sondern weil er in wissenschaftlicher Forschung und Bearbeitung sich als ein kritischer Kenner und Schöpfer erweist. So wie er Sprachkünstler ist und Literatur schafft, so ist er auch Sprach- und Literaturforscher. Er kennt die 'mittelalterliche Literatur wie die antike und moderne und hat in seiner kritischen Ausgabe des Sch'lomo ben Gabirol ebenso wie in seiner neuen kommentierten Mischna-Ausgabe gezeigt, daß er, fern von allem Suchen nach Kleinkram, mit vollem, reifem Urteil die Texte kritisch zu fassen und zu sichten weiß. Jede zu hohe Einschätzung seiner Eigenpersönlichkeit ist Vialik fremd. Aber er fühlt in sich das brennende Bedürfnis, sein Volk . zu stammestümlicher Kultur zu erziehen. Die alte Geschichte will er in ihrem eigenen Geiste neuzeitlich weiter entwickelt sehen und ihre Fortsetzung gewährleistet wissen. Er hegt eine gründliche Achtung, einen tiefen Respekt vor der alten jüdischen Kulturleistung, ohne vor rein historischer Betrachtung und objektiver Auffassung zu erschrecken.' Ihm ist die biblische Kultur ein naturgegebenes organisches Gewächs, das nicht abgestorben ist, und aus dessen Wurzeln und Stamm immer neue Schößlinge treiben. Mit grenzenloser Bewunderung ist er der jüdischen Eigenkultur hingegeben und erkennt die gewaltige geschichtliche Größe ihres ersten Genius Mosche. So baut er Gegenwart auf der Vergangenheit auf und verwurzelt in ihr die Zukunft. Er ist durchaus Nationaljude und will bewußt eben Nationaljude Aber dieses Bewußtsein ist von einer großen religiösen Weihe getragen, erfüllt von der Verantwortlichkeit für die Gesamtmenschheit. In keinem Gegensatz dazu steht es, daß er schon frühzeitig eine fruchtbare Verlagstätigkeit ausgeübt hat. In dieser ermuntert er zu wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten, gibt er dauernd aus seinem reichen Geiste fruchtbringende Anregungen. Und das auf allen möglichen Gebieten. Bemerkenswert ist es für feine Erkenntnis jüdischer Notwendigkeiten, daß seine erste Tätigkeit auf diesem Gebiete die Gründung und Führung des Verlages „Moriah" war, den er 1905 für die Schaffung von Schulliteratur ins Leben rief. Seine Sippurc lmin-miqra, d. h. Erzählungen aus der Torah, sind direkt ein Schulbuch, und wenn sein 8a5ar ha-agada den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben darf, so ist der Auszug daraus, Dibre agada, wiederum ein wertvolles Buch für den Jugendunterricht. Bialik wirkt auch als Redner ebenso in den Versammlungen des „Oneg Sdiabbat“ wie als Kongreßredner. Er sucht keine gewählte Aussprache. Er.spricht mit größter Natürlichkeit und doch in einer fesselnden Feinheit der Gedanken und einer unendlich reichen hebräischen Sprache, getragen von begeisterndem Feuer. Auch seine Rede ist schlicht, einfach, ohne alle Mache und Pose, natürlich gewachsen. Es kann ungefähr ein Vierteljahrhundert her fein, daß ich zum ersten Male nähere Berührung mit Vialik hatte. Es hatte' während der Kongreßpausen um Ussischkin ein kleiner Kreis zusammen gesessen, wobei sich ein jüngerer Mann in bescheidener Weise an den Gesprächen beteiligte. Da hörte ich, daß Bialik, der damals schon einen sehr geachteten Namen hatte, am Kongreß teilnahm. Ich bat Ussischkin, mich mit ihm bekannt zu machen, war aber reichlich erstaunt, als der mir sagte, daß der geschätzte Dichter eben jener junge Mann sei, mit dem ich, ohne seinen Namen zu wissen, begonnen.hatte, Freundschaft zu schließen. Im Umgänge mit Vialik empfindet man weniger die Höhe des Dichters als die wahre Herzlichkeit des Freundes, der für jeden der Tausende, die mit ihm doch in nähere Berührung kommen, ein herzliches persönliches Gedenken hat. Als junger Mann stand er unter Gordons Einfluß. Dann war das erste russische Buch, das er las, die Poesien von S. Frug, dem „Sänger des vertriebenen Volkes". ^Veide haben auf ihn gewirkt. Er überstrahlt sie beide. War Frug letzten Endes resigniert, kam in seinen Dichtungen das tiefe Leid Israels, in warm aufwallenden Gefühlen zum Ausdruck, so kann Bialik in heiligen Zorn ausbrechen, wie in seinen Pogroingedichten, die Blitze schleudern. Aber sein Unwillen trifft mehr die Juden, die das Geschick über sich stumpfsinnig ergehen lassen, statt ihr Geschick in eigene Hand zu nehmen, als sogar die Mordbrenner. So ist er der Repräsentant nationaler Würde und stammestümlichen Ehrgefühls. Der gleiche Zug äußert sich, wenn er für jüdische Volkskunde, sei es Ethnographie, sei es Folklore, für die Geschichte der Sprachen und Namen der Juden sich in weitem Maße interessiert und sich für ihre Pflege einsetzt. In allen Schichten des jüdischen Volkes ist Bialik in gleicher Weise anerkannt. Nur für einen kleinen Teil von Jiddischisten. die ihre Äugen selbst verschließen, bleibt seine Größe unsichtbar. Das ist um so unverständlicher, als Bialik selbst auch jiddisch schreibt und, wie aus dem Deutschen, Russischen und anderen Sprachen, auch aus dem Jiddischen ins Hebräische übersetzt. Diese Abseitigen verkennen, daß das Hebräische und das Jiddische keine Gegensätze sind, sondern einander als naturgegebene Bundesgenossen helfen sollten. Bialik ist aus dem Volke erwachsen. Er setzt die Kette historischen Werdens fort. Er ist ein Höhepunkt und wird wieder der Ausgang für neues Werden. Aus Wohlhynien stammend, mit einer polnischen Jüdin aus der bekannten alten Gelehrtenfamilie Auerbach verheiratet, hat er in Rußland und Westeuropa, vor allein auch in Berlin gewirkt, ehe er nach Tel-Awiw übersiedelte. Man darf nicht vergessen, was diese Frau und was sein Freund Rawnitzki, was Achad Ha-Am und Ussischkin in diesem Leben bedeuten, wenn man diesen Großen würdigt. Alles in allem: Bialik ist eine erdgeborene Natur. Auch im neuen Erez Jisrael erweist er sich als wurzelhaft. Diese feine Seele, mit der grenzenlosen Fülle von Gefühlen, die den kompliziertesten Gedanken nachzugehen vermag, ist doch einfach und gradlinig. Sie ist stark. Dieser Dichter ist ein Mann aus dem Volke. Er ist und bleibt ein Mann i m Volke. Darum ist er der Mann für das Volk. (Ein zweiter Artikel folgt. Psychoanalyse im Neligions-Anterricht? Von S. Lilienthal-Wiesbaden. (Vortrag, gehalten in der Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau am 26. Mai 1962 im- Hotel „Preußischer Hof" in Limburg a. L. (Schlus;) Da hat aber der Lehrer einen Krüppel in der Klasse. Er zeigt ihm sein Mitleid, indem er ihn, 'gewissermaßen um ihn zu trösten, besonders nachsichtig behandelt, etwa ihm Ungezogenheiten durchgehen läßt, geringere Ansprüche an seine Pünktlichkeit und Leistungsfähigkeit stellt. Nichts falscher als das? Der Krüppel empfindet feine geringere Fähigkeit, Liebe zu erwecken, sehr früh schon; empfindet auch in der erhöhten Zärtlichkeit der Mutter die besondere Note des Mitleids, die ihm aus Blicken und Worten der Umgebung, eine wohlbekannte Melodie, entgegenklingt; ahnt den großen Unterschied zwischen der ihren Gegenstand erhöhenden Liebe und dem ihn erniedrigenden Mitleid. Ist sein Lebenswille aber gesund, normal, so genügt es ihm nicht, daß man ihn gewähren läßt, sondern er sucht seine tatsächliche Minderwertigkeit, das ist die Verminderung der Mittel, sich Liebe oder, sublimiert, Anerkennung, Geltung, zu verschaffen, auszugleichen. Er übt. also und benutzt in höherem Maße als andere Menschen die Kräfte, die ihm intakt ge-

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