Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 3 (15.3.1933)
- Date
- 1933-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 3 S. Jahrgang Monalsschrisi für Pädagogik und Schulpolitik Herausgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüd. Schulzeirung" erscheint um den 15. eines fedenMonals und wird allen Milgliedern der dem „Nvichsverband der jüdischen Lehrer, vereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post - Bezugspreis für Nicht» Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, IS. März 1933 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Fernruf: Sammelnummer Hamburg 34 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseraten teil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 cZ für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. I n h a l t d i e s e r N u m m e c: Erklärung. Bialik von Pros. Dr. Heinrich Loewe Psychoanalyse im Neligionsunterricht? von S. Lilienthal (Schluß). Ein paar Kapitel aus der hebräischen Grammatik von M. Abraham. Der Tag des Buches. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Notizen. Aufruf. Erklärung Ich habe im Verlaufe der Erörterungen über unsere Verbandsorgane wiederholt Aeutzerungen getan, die geeignet sind, die Mitglieder der Redaktion des „Israelitischen Familienblattes", Herrn Dr. A. I o n a s und Herrn Esriel C a r t e b a ch. in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Nachdem mir der Verleger, Herr Letzmann, erklärt hat, datz ich von irrigen Voraussetzungen ausgegangen bin, nehme ich meine Aeutzerungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Magdeburg, den 34. Februar 1933. M. Steinhardt BIALIK I. Sein Leben Von Professor Dr. Heinrich Loewe (Berlin) Zn der ersten Hälfte des Zanuar wurde der hebräische Dichter Chajim Nachman Bialik 60 Jahre alt. Ueberall dort, wo Judentum noch gefühlt und gelebt wird, ist heute der Name Bialik kein leeres Wort, sondern ein Stück Inhalt vom lebenden jüdischen Kulturwesen. Bei einem Dichter soll man am wenigsten von seiner äußeren Erscheinung sprechen, aber ganz bewußt soll hier festgestellt werden, daß es falsch wäre, bei Bialik an diesem Rein-Aeutzerlichen vorüberzugehen. Gedrungen, stark, stämmig, gesund und nahezu robust, wirkt er auf den ersten Blick fast wie ein ukrainischer Bauer. Ueberhaupt könnte der oberflächliche Blick an ihm mehr Ukrainisches, Kleinrussisches wahrnehmen wollen, als Jüdisches. Wer aber Juden' vieler Länder kennt, wer seinen Blick für das eigentlich Jüdische geschärft hat, wird übet diesem kleinrussischen Habitus schnell das Echtjüdische bemerken. Es ist ein ganz bestimmter jüdischer Typ, den wir bei aschkenasischen Juden sehr oft bemerken können, diese massive Erscheinung mit dem runden Schädel, der dem Ganzen den Ausdruck ruhiger Kraft verleiht. Das Besondere an ihm ist der geistige Ausdruck, das Auffällige, datz dieser so jung erscheinende Mann 60 Jahre alt sein soll. Diese Männlichkeit würde den, der bei einem Dichter an einen blassen hohlwangigen Jüngling denkt, enttäuschen. Er würde hier weder eine poetische Vegahung noch auch eine kaufmännische Veranlagung vermuten. Beides aber wäre grundfalsch. Bialik ist nicht bloß der große lebende hebräische Dichter, er ist zugleich auch einer der b e d e u t e n d st e n Dichter der Jetztzeit überhaupt, ein Meister der Form und ein Schöpfer voll.Phantasie'und lebendiger Anschaulichkeit. Und urwüchsig wie seine Gestalt ist seine Dichtung. Da ist nichts Gemachtes und nichts Gekünsteltes, nichts Geschraubtes und nichts Gedrehtes. Gradlinig und einfach ist sein Stil und der Inhalt, den er seinen Worten gibt. Es ist heute die orientalische Aussprache des Hebräischen wieder in Aufnahme gekommen. Wo die gesprochene neuhebräische Sprache zur Geltung kommt, bemüht sie sich, die Aussprache und die Betonung, wie sie durch die Sefardim aus der althebräischen Welt überliefert ist, wieder herzustellen. Auch Bialik zahlt seinen Zoll dieser hebräischen Mundart, ^m Verkehr und in seinen großen Reden spricht er heute sefaradisch. Aber durch seine Dichtungen geht die alte aschkenasische Aussprache mit ihrer Betonung, die in deutscher Art, auf der Stammsilbe ruht. Urwüchsig wie seine Gestalt ist eben auch seine hebräische Aussprache. Ihr Tonfall klingt durch seine Dichtung hindurch. Sie ist aus seinem natürlichen Gefühle erwachsen. Alles Gekünstelte ist ihm auch in der Aussprache fremd. Daher bietet seine Dichtung dem, der immer gewohnt war, das Hebräische nach seinen alten Akzentgesetzen zu betonen, nach der anderen Seite akustische Schwierigkeiten. Dementsprechend kann sie grobkörnig sein. Aber auch unendlich fein. Sie schlügt alle Töne an, vom sehnsüchtigen Liebeslied und von idyllischer Naturpoesie bis zum schmiedenden Hammerschlag. Sie ist aber immer männlich und wie sein Körper, stark und gesund. Man würde Bialik viel zu eng auffassen, wenn man ihn nur . als Dichter beurteilen wollte. Er ist weit darüber hinaus Schöpfer neuen hebräischen Volkstums, nicht bloß in Palästina, — und der Exponent neuer jüdischer Kultur. Ohne Politiker sein zu wollen, ist er doch politischer Volksführer, der den Willen des Volkes formen hilft. Man braucht nur an seine Schöpfungen „Oneg Sdmbbuth“ und „Ohel Sehern“ zu denken, mit denen er , in Tel-Awiw eine neue Phase historisch-gebundenen jüdischen Kulturlebens für Erez Jisrael einleitet. In solchem. Sinne mutz man ihn auch als religiös, ansprechen, weil er im besten Sinne jüdisch ist, wobei freilich Altgläubigkeit und Religion nicht als identisch anzusehen sind. Seine Dichtung ist letzten Endes von jenem großen Schwünge getragen, der durch die religiöse Poesie Israels von Alters her weht. Und auch hierin bildet er eine Fortsetzung jener großen Propheten und ihrer dichterischen Nachkömmlinge, ist er selbst; ein Glied in der Kette jüdisch-religiösen Erlebens. In ihm leben Bibel und Mischna, Talmud und die ganze spätere hebräische Literatur, über die er „gelernt" hat, und aus denen ihm jenes Judentum, das in ihm und mit ihm geboren ist, wesenhaft wird. Er selbst ist in einem andern Sinne der „Matmid", den uns seine Dichtung nahe bringt. Man würde den Dichter und Volkssührer aber wiederum zu eng erfassen, wollte man übersehen, datz er zugleich ein Gelehrter