Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 3 (15.3.1932)
- Date
- 1932-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Summer 3 ».Jahrgang Monatsschrift sür Pädagogik «nd SchulpolUlk Herausgegeben vom „ReichSverbaud der jüdischen Lehrervereine" Me „Jüd. Schulzeilung* erscheint um den lü. eines jedenMonatS und rpird allen Milgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrer, vereint angeschlossenen-Vereine kostenlos zu. gestellt. — Post-Bezugspreis für Nlchtmitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, IS. März 1932 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Leßmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Fernruf: Sammelnummer Hamburg 34 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt -Magdeburg, für den In seraten teil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die Ogefpaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Die Kunst in der Schule von Anselm Bing, Berlin. Prolog'zu einer Purimseier von Moritz Weiß. Literarisches. Bei der Schriftleltung eingegangeneBücher. Notizen. Aus demLehrer-Berbande.Briefkasten Die Kunst in der Schule. Von Anselm Bing, Berlin. Wie ich über Kunst und Kunstwerk denke. Wenn ein kleines Kind ganz gesund ist und genug zu essen bekommen und sich völlig ausgeschlafen hat, summt es etwas vor sich hin, um zu zeigen, wie glücklich es ist. Für Erwachsene bedeutet dieses Summen nichts. — Dem kleinen Kinde aber ist es vollendete Mustk. i Es ist seine erste künstlerische Schöpfung. Sobald es etwas älter wird und sitzen kann, beginnt die Periode des Knetens. Seine Knetfiguren interessieren die Umgebung nicht. Es gibt zu viele Millionen kleiner Kinder, die gleichzeitig viele Millionen Figuren kneten. Für das Kind bedeuten sie eine weitere Fahrt ins Reich der Kunst, es ist jetzt Bildhauer. Zm Alter von 3—4 Jahren, wenn die Hände dem Gehirn gehorchen, wird das Kind Maler. Seine Mutter gibt ihm einen Tuschkasten und jeder Fetzen Papier wird schnell mit seltsamem Gekritzel bedeckt, das Häuser und Pferde, schöne und schreckliche Dinge darstellt. Die Schule läßt das Kind gar bald vergessen, daß die ersten fünf Jahre seines Lebens eigentlich der Kunst gewidmet waren. Das kindliche Schaffen entspricht dem Spieltrieb, kennt keine technischen Schwierigkeiten, will keinem Zweck dienen, ist nur getragen von der Freude am Schaffen selbst. Die Völker sind wie die Kinder, sobald der Höhlenmensch den drohenden Gefahren der langen Eiszeit entgangen war und fein Haus in Ordnung gebracht hatte, schuf er Dinge, die er für schön hielt, obgleich sie in seinem Kampfe mit den wilden Tieren des Urwaldes von keinem Nutzen für ihn waren. Er bedeckte die Wände seiner Höhle mit Bildern der Elefanten und Hirsche, die er jagte, und begann aus einem Felsstück die Züge der Frauen, die er für die reizvollsten hielt, nachzubilden. Das Kunstwerk ist der subjektive Ausdruck eines Erlebnisses mit zureichenden Mitteln. Der Künstler ist der Former dieses Werkes. Die Kunst selbst eine metaphysische Kraft, unsichtbar im Künstler ruhend. Der Geist einer Epoche drückt sich ln ihren Kunstwerken aus. Wenn in der Gegenwart durch die gesamte Lebenshaltung ein Zug der Mechanisierung und Rationalisierung geht, so liegt der Grund dafür in dem riesigen Anwachsen der Technik. Es ist möglich, daß ein Werk der Technik künstlerisch vollendet ist, ebensowenig kann ein Kunstwerk auf das Technische verzichten. Der wesentliche Unterschied zwischen Kunst und Technik scheint darin zu liegen, daß die Motive des Schaffens grundverschieden sind. Der wahre Künstler dient vor allem der Welt und seiner Kunst. Die Technik ist immer an die Wirtschaft gebunden. Wenn man in die tiefsten Gründe des künstlerischen Schaffens eindringen will, so führt der beste und sicherste Weg über die eigne Produktivität. Kunst genießen ist eine Angelegenheit zweiten Ranges. Zur Produktivität gehör' -steigerte Erlebnisfähigkeit, Wille zum Ausdruck und Ausdrucks!ttel. Wie weit sich die Frage nach dem Schöpferischen erstrecken kann. Die Frage nach dem Schöpferischen ist eine Frage später Zeiten, und zwar zunächst eine theoretische Frage. Zu Beginn einer Kulturentwtcklung stellt niemand die Frage nach dem Schöpfertum. Junge Kulturzeiten haben Schöpfertum in sich, ohne darüber zu philosophieren. Die Zeit der Gotik mit ihren überragenden Kunstschöpfungen der Epik, Architektur und Plastik, ist eine Zeit ungeheurer Gestaltungskraft, aber geringen Vermögens zu theoretischen Betrachtungen. Unsere Zeit besitzt viel weniger Schöpferkraft, aber einen weitaus größeren Hang zur Philosophie über die Kunst. Unsere Zeit ist eine kritische Zeit, sie bringt mehr Werke über Kunst als Kunstwerke, mehr Kunstkritiker als Künstler hervor. Die Besinnung auf sich selbst und seine schöpferischen Kräfte und auf die Jugend, die ja die Zukunft von morgen ist, geschieht sehr bewußt und die Hoffnung auf eine Erneuerung des geistigen und kulturellen Lebens wird auf das Irrationale gesetzt. Mit dieser Hoffnung auf Erneuerung bekommt die zunächst zwecksreie und theoretische Frage ihre praktische Bedeutung: Die Frage nach dem Schöpfertum — den Begriff auch hier wieder in seiner ganzen Ausdehnung und nicht nur in bezug auf das Kind gefaßt — ist eine Frage des praktischen Lebens, der Zukunft, des Volkes, Staates, der Kultur, weil letzten Endes die Zukunft einer Kultur von der Zahl ihrer schöpferischen Menschen, von der Zahl der durch ihre Schöpferkraft berufenen künftigen Führer abhängt. Ob sich diese Schöpferkraft technisch ökonomisch oder intellektuell, ethisch, sozial, ästhetisch oder religiös auswirkt, immer wird die sich letzten Endes kulturell auswirken und der Gesellschaft zugute kommen. So ist die Frage nach dem Schöpfertum zugleich eine Frage von größter sozialer Bedeutung und mithin eine pädagogische Angelegenheit ersten Ranges; denn nichts kann der Erziehung näher liegen, als die Zukunft des Volkes und seiner Kultur. So oft eine neue Kultur eine alte ablöste, löste auch eine neue Pädagogik eine alte ab, und Johann Amos Comenius war zu seiner Zeit ebensosehr Ketzer, wie heute etwa ein Verfechter des schöpferischen Kindes. Die Schule ist ein Kind ihrer Zeit und abhängig von der jeweiligen Gesamtstruktur der Generation, die sie geschaffen hat. Wie sollte die Besinnung auf die intuitiven Kräfte im Menschen, wie sie außerhalb der Schule heute vor sich geht, und in Spengler, Frobenius, Cohn-Wiener, Worringer, Burger, Einstein u. a. typisch zum Ausdruck kommt, eindruckslos an der Schule vorübergehen können? Dem Zeitalter des I», tellektualismus und Impressionismus entsprach die Lernschule,