Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 10 (15.10.1931)
- Date
- 1931-10-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Schulzeitung Seite Nummer 10 klares Urteil über seine Schüler zu fällen, aber — und damit lammen wir zum wesentlichen Einwand — dadurch ist durchaus nichts Vollkommenes über die Schülerpersönlichkeit ausgesagt. Nur in der Jahr. für Jahr durch alle Schuljahre hindurch ergänzenden Beobachtung liegt der Wert und der Sinn des Personalbogens, denn das hat uns sowohl die Pädagogik als die Philosophie der Gegenwart eindringlich genug gelehrt. .Der Mensch in einer Entwicklungsphase unterscheidet sich von dem Menschen der nächsten Stufe in ganz entscheidenden Punkten. Wenn, also vor dem Berufsberater nur das Urteil des Lehrers, das er im letzten Schuljahr über den Schüler hat, zrrr Entscheidung liegt, so lernt er von der Pflanze nur die Blütenfarbe kennen, aber das Erdreich und die Wachstumsbedingungcn, die Blätter und die Keime bleiben ihm verborgen. Nur in der systematischen, dauernden, nie ermüdenden Beobachtung und ihrer schriftlichen Fixierung liegt der Wert des Personalbogens für ihn selbst und für den Berufsberater. 2. X e i l Wie die jeweilige Pädagogik von der Philosophie ihrer Zeit abhängig ist, so sind auch die Berufsberater von den pädagogischen Kreisen abhängig, mit denen sie Zusammenarbeiten, und zu denen sie gehören. So wurde es möglich, daß heute ebensoviel Arten von Personalbogen bestehen als es Berufsberatungsämter in Deutschland gibt. Die Ausgaben der Bxrufsberatungsämter waren, wenn man von einzelnen Ausnahmen abficht. zumeist drei wesentliche. 1. Die Beratung schulentlassener Kinder für den entsprechenden Beruf, 2. die Prüfung Jugendlicher (z. T. Erwerbsloser) für einen neuen Beruf, 2. die Prüfung solcher Personen, die bereits im Beruf standen und deren Leistungsfähigkeit und Eignung nachgeprüft werden sollte. Wir haben uns in diesem Zusammenhang nur mit der ersten Aufgabe des Bcrufsberatungsamtes auseinanderzusetzen. Der Berufsberater verlangt den Personalbogen und außer dieser sehr oft ungenügenden Unterlage beschäftigt er sich mit dem lebendigen Objekt, dem Kind. Wir unterscheiden spezielle Eignungsprüfungen für besondere Berufe und allgemeine Prüfungen der Kefühlsreaktion, des Gedächtnisses, Prüfungen, die man oft fälschlicherweise zusammengeworsen hat: Jntelligenzprüfungen. Die Methode zur Prüfung des Gedächtnisses kann von der ein- fachften bis zur verwickeltften gesteigert werden. Ich führe nur die einfachste an, und zwar die Merkmethode, die auch häufig in Schulen angcwendet wird. Sie besteht darin, daß man 10 Worte (Wortgedächtnis), 10 Zahlen (Zahlgedächtnis), 10 Figuren (Formgedüchtnis), 10 Bilder (Bildgedächtnis) in dreimaliger Folge langsam und eindringlich 'vorführt, und das Gemerkte niederschreiben läßt. Je nachdem 2, 5, oder 10 Elemente gemerkt werden, bewertet man das Gedächtnis mit einer Zensur zwischen 1 und 10. Die Prüfung wird am selben Tag, in 8 und 14 Tagen wiederholt, so daß auch außer der Merksähigkeit die Erlernungsfähigkeit überprüft wird. Diese einfachste Eedächtnisprüfung gibt einen Einblick in die Arbeit des Prüfenden, die schriftliche Auswertung zu beschreiben würde in zu große Einzelheiten führen. Außer diesen allgemeinen Prüfungen über Geistcsfunktionen (auch Prüfungen der Kefühlszone sind möglich) werden bei vorliegender Begabung für spezielle Berufe auch sogenannte Eignungsprüfungen vorgenommen. Auch hier kommt es ganz auf die Art des psychologischen Laboratoriums und die Menge seiner Mittel an. Ich möchte nur einen Apparat zur Prüfung von Feinmechanikern hier anführcn. Er besteht aus 2 genau ineinandcrpassenden metallischen Zylindern, die durch eine seitlich angebrachte Mikrometerschraubc ineinander verschiebbar sind. Der Prüfling soll nun die beiden Zylinder durch die'Mikrometerschraube in gleiche Höhe bringen, und damit sein Fingerspitzengefühl beweisen. Wenn er glaubt, daß beide Walzen in gleicher Höhe stehen, gibt er den Apparat dem Priifungsleiter, der an der Mikrometerschraubc ablescn kann, wieviel hundertstel Millimeter bis zur völligen Gleichheit fehlen. Diese Prüfung wird in Abständen dreimal wiederholt und an dem Ergebnis das Feingefühl und die Erlernungsfähigkeit des Prüflings fcstgestellt. Weitere Prüfungsarten für Autofahrer. Lokomotivführer. Kindergärtnerinnen, Kunftgewerblerinnen anzuführen. würde über den Nahmen dieser Ausführungen hinausgehen. Was für die Schule wichtig ist, sei noch einmal in knappen Worten gesagt. Es komm! zunächst darauf an, daß man sich durch alle Schuljahre hindurch die nötige Zeit nimmt, um kindliche Aeußcruugeu und kindliche Taten schriftlich festzulegen. Ferner ist es von größter Bedeutung, daß bei jeder schriftlichep Festlegung von Urteilen die Motive, die zu diesem Urteil geführt haben, ausführlich angegeben sind. Jeder Lehrer, der einen Personalbogen von seinem Kollegen empfängt, hat die Verpflichtung, so skeptisch wie möglich zu sein, und jedes einzelne Urteil auf feine Entstehungsgeschichte hin objektiv zu prüfen. Seinem Urteil wird dann im nächsten Jahre eine neue Frage des Warum und Woher gestellt werden müssen. Nur so ist es möglich, daß der Berufsberater ein objektives pädagogisches Urteil in die Hand bekommt, und nur so kann er selber nach bestem Vermögen bestimmen, welchem Beruf sich der junge Mensch feiner Veranlagung nach zuwenden kann. Alle Berufsberatung und alle Schülerbeobnchtung bleibt solange graue Theorie, bis sich die wirtschaftlichen Verhältnisse zur besseren und menschlicheren Seite hin entwickelt haben. Es ist sinnlos, einen Menschen seiner Veranlagung nach für einen Beruf zu bestimmen, der ihn nicht brauchen kann, weil er momentan mit Menschen überfüllt ist. aber ebenso sinnlos ist cs. .aus dieser momentanen wirtschaftlichen Lage heraus die ganze Schülerbeobnchtung und Berufsberatung abzulehnen. Der junge Mensch muß beraten sein: was es ihm nutzt und nützen kann, ist eine zweite Frage. - Literarisches. D r. Alfred Marcus: Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden." Verlag von Georg Stilke. Berlin 1021. Geh. 0,50 OM, Ganz!, geb. 8 ulll. . Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, ein Bild der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage der deutschen Juden zu geben, die Kräfte aufzuzeigen, die diese Lage formten und die Möglichkeiten zukünftiger Wirtschaftsgestaltung darzulegen. Nach seiner Auffassung besteht zwischen dem Wirtschaftsdenkon der deutschen Juden und dem der nichtjüdischen Umwelt ein Unterschied, der in unfern Tagen zu schicksalsschwerer Entscheidung im Sinne eines wirtschaftlichen Abstieges der Juden hindrängt. Da das allgemeine Unternehmertum über die Stufe individueller Freiheit hinaus der Kollektivgebundenheit zustrebt, jüdisches Unternehmertum aber noch kräftig im Einzelwillen wurzelt, ergibt sich eine Spannung, die die Lebenssicherung der Juden stark bedroht. Soll der deutsche Jude auch in Zukunft physische Daseinsmöglichkeit behalten, so muß er sich wirtschaftlich der Umwelt assimilieren, d. h. er muß den Weg eigenwilliger Arbeitsmethoden verlassen und seine Kraft ins große Ganze kollektiver Wirtschaftsgestaltungen einfügen. Marcus läßt uns nicht im Zweifel darüber, daß diese Wandlung yon spezifisch jüdischer zu allgemeiner Daseinssorm den Fortbestand der deutschen Juden aufs ernsthafteste bedroht. Und doch muß nach seiner Meinung der einzig mögliche Weg gegangen werden, es sei denn, daß man wirtschaftliche Sicherheit nicht als Primat des Daseins betrachte und jüdische Eigenart erhalten wolle über alle irdischen Miseren hinweg. Liest man die fachlichen Darlegungen Marcus' in den Kapiteln über die Juden in den verschiedenen Wirtschaftszweigen, so befestigt sich zusehends der Eindruck, als sei unsere Zukunft als Juden in der Tat aufs stärkste gefährdet. Und dennoch: warnt uns auch der ganz sachlich und nüchtern zu Werkgehende Soziologe vor der uns seit je eignen optimistischen Haltung, wir wollen sie nicht aufgeben und wollen auch heute noch an das „Wunder" glauben, daß unsere Gemeinschaft sicher dahingetragen wird. Nicht jener „verruchte Optimismus" sei unser Begleiter, der leichthin die warnende Stimme, überhört, sondern die Zuversicht, die uns zwar den Ernst der Situation erkennen, die uns zugleich aber auch mutig die Wege einschlageu ‘ " ' 'u ■ ■ ' ' " ■ \ ■ ] f < . . .. -"v ‘O -