Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 6 (15.6.1931)
- Date
- 1931-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung. Nummer 6 Erziehung vermag das jedenfalls nicht. Musterschüler werden nicht immer Mustermenschen, gerade die Intelligenten üben schon häufig während der Schulzeit einen Druck auf ihre schwächeren Mitschüler aus, denen sie ablehnend und verächtlich gegenüberstehen. Die einseitige Verstandcsbildung steht jedenfalls dem Auskeimen und Erstarken von Charakterfehlcrn nicht hindernd im Wege. Persönlichkeitsbildung durchras Gemüt. Da die sittliche Persönlichkeit sich nicht im Verstandesmäßigen erschöpft, genügt zu ihrer Entwicklung auch nicht allein Vcrstandesbildung: vielmehr mutz der Lehrer alle Saiten des Gemütslcbcns im Schüler zum Erklingen bringen, um sein ganzes emotionales Sein in Schwingung zu versetzen. Nur was das Kind auch gefühlsmäßig erfaßt und erlebt hat, wird wirklich Teil seines Ich und ist imstande, die Schulzeit und die Jahre unmittelbarer Beeinflussung von seiten der Lehrpersönlichkeit zu überdauern. Linde sagt in seiner Persönlichkcitspädagogik, Abschnitt Gemütsbildung: „Es kommt nur darauf an, daß wir mit unserem Lehrstoff bis zur Wurzel der Persönlichkeit des Zöglings hinabzudringen verstehen, daß'er mit derselben zu einem unteilbaren Ganzen verwachse." Denn etwas Wachstümliches ist die Persönlichkeit; sie ist aus unscheinbaren Keimen emporgewachsen und wachst von unten, her immer weiter nach,- in die Höhe wie in die Breite. Was nicht in Fleisch und Blut der Seele überzugehen vermag^ das trägt nichts zu ihrer Entwicklung bei, das ist erziehlich wertlos. 91 im hat aber die Seele ein Organ, mittels dessen sie das zugcführte Stoffliche in eigenes Leben und Weben verwandeln kann, ein Organ, von dem aus alle ihre Erinnerungen, also auch der Aufbau der Persönlichkeit, vor sich gehen: „Das Gemüt." Diesem Organ müssen also die seelisch aufbauenden Stoffe zugeführt werden. Das Gemüt bereichert den Menschen innerlich, nicht der Verstand. Das Gemüt ist die Geburtsstätte der ethischen Werte. Natürlich besteht keine scharfe Grenze zwischen Gemüt und Verstand, so daß wir uns die einzelnen Funktionen nicht streng getrennt nach Verstandes- und Gemütsbetätigung vorstcllen können. Mit dem Verstand wägt der Mensch ab, prüft, kritisiert, vergleicht, betrachtet die Dinge möglichst objektiv, also 'losgelöst vom eigenen Sein, kühl, forschend, ohne innere Anteilnahme, gewissermaßen als ein Außenstehender. Mit dem Gemüt erfaßt er die Welt des Unbewußten, läßt die Dinge ungehindert und mit innerer Teilnahme auf sich wirken, setzt sie in Beziehung zum eigenen Ich und verwebt sie mit seinem Selbst zu einem organischen Ganzen. Der kindlichen Wesensart entspricht es besonders, die Dinge subjektiv zu betrachten, sie durch die Tiefe des Gemütes auf ihr Innerstes einwirken zu lassen und sie in ihre subjektive Welt einzuschließen. Das Kind trinkt förmlich die Eindrücke, es saugt sie in sich auf, aber es reagiert schnell und stark auf das von außen Kommende, und gerade dieses Reagieren verhindert die Eindrücke daran, eine formlose Masse in seinem Innern zu werden. Was die Ausnahmebereitschaft dem Kinde zuführt, das formt diese seine Reaktionstendenz zu einer festen Substanz seines Ich. 'Das Gemüt hält die Wage zwischen Verstand und Gefühl. Einseitige Verstandesbildung hat innere Verarmung und Verknöcherung zur Folge, überstarke Eefühlsbetätigung läßt die Seele in unfruchtbare Weichheit zerfließen, ohne Willensimpulse zu erzeugen. Gemüt ist ein aktives, schöpferisches, produktives „Fühlen". (Linde, Persönlichkeitspädagogik: Abschnitt Gemütsbildung.) Persönlichkeitsbildung durch Phantasie. Eine starke Hilfskraft für das Gemüt findet der Erzieher in der Phantasie. Sie unterstützt das Gemüt und gibt ihm neue Anregung. Sie ist ein wesentlicher Faktor bei jeder Willensentschließung. Die verstandesmäßige Ueberlegung ist beim Kinde nicht stark genug, um Willensimpulse zu zeitigen. Es muß eine <j phantasievolle Ausmalung der Situation erfolgen, ehe der Ein- . 1 druck so tief wirkt in der Seele, daß diese eine Willensentschließung. tj erzeugt. Wir stark die Kinder phantasiemäßige Ausschmückungen | aufnchmen, beweist uns die Freude, die sie den Anschlußstoffen im ,* heimatkun.dlichen Anschauungsunterricht entgcgenbringen. Die einfachsten Tatsachen lösen, in Form eines Rätsels oder Kinder-? reims dargeboton, neue Lust zur Arbeit aus. Die trockene Schilderung einer Geschichte oder einer geographischen Land- ) schaft bedeutet für die Kinder nur Gedüchtnisballast. von dem sie; sich möglichst rasch wieder zu befreien suchen. Erscheinen dagegen diese Stoffe durch liebevolle Kleinmalerei der begleitenden Nebenumstände lebenswahr, so werden sie den Kindern zum Erlebnis. Sie versetzen sich selbst in die ihnen dargebotene Welt, treten mit Freuden beim Dramatisieren in persönliche Beziehung zu dem Stoff, der jetzt stark genug in ihnen lebt, um ethische Werte auszulösen. Die Schule nimmt das Kind auf, desien Welt das Spiel bedeutet. Betrachten wir nun diese Welt, so erkennen wir, daß sie ganz von Phantasie getragen ist. Durch seinen inneren Reichtum an Phantasie ersetzt das Kind die äußere Armut der Dinge.. die Unzulänglichkeit.feiner Vorstellungs- und Begriffswelt. Das primitive selbstgefertigte Spielzeug gibt der kindlichen Phantasie eine Fülle von Anregung, so daß dieses grobe. Material ihm als eine reiche Welt erscheint. Der lebensvolle Unterricht undse ine Bedeutung. Dieses durch Gemüt und Phantasie erzeugte innere Erleben will die Schule neben äußerem Erkennen vermitteln. Sie will erziehend unterrichten, das heißt, durch geistige und seelische Beeinflussung Willensimpulse erzeugen. Der Wille ist nicht etwas Unmittelbares, sondern etwas Mittelbares, etwas durch eine andere Seelenkraft ausgelöstes, und diese andere Seelenkraft ist eben das Gemüt. Demnach muß sich der Unterricht an den Verstand und das Gemüt wenden. Der Verstand läßt Tatsachen erkennen und beurteilen, das Gemüt sie auf die Seele einwirkcn. Die Vereinigung von äußerem Erkennen und innerer Anteilnahme erzeugt Willensimpulse. Das innere.Bewegtsein, die Aufnahmebereitschast für Lust und Schmerz und das Inbeziehungsetzen des eigenen Selbst, zu Lust und Leid der Ncbenmenschen bildet die Triebfeder zu sittlichem Wollen. Der Unterricht muß Wärme und innerste Teilnahme erzeugen. Derjenigen Lehrerpersönlichkeit. die selbst innere Wärme besitzt, ist kein Stoffgebiet i . etwas unpersönlich Sachliches. Sie steht in innerer Beziehung 1 . zum Stoff und in starker persönlicher Fühlung zu den Kindern. , Daher strahlt im Unterricht Wärme von ihr aus, der Stoff ist; von Leben durchpulst und wirkt lebenswahr auf die Kinder. - ' deren Interesse er erweckt. Interesse ist aber nichts anderes als innere Anteilnahme an einer Sache. Man kann den Willen nicht unmittelbar und gesondert beeinflußen, denn der Wille ist nicht etwa ein isoliertes Vermögen. Schon im Keim schlägt er eine bestimmte Richtung ein. Er wurzelt letzten Endes im Trieb, er ist eine an den Trieb gebundene Kraft. Dem Verstand fällt die Aufgabe zu. die Willensentschließungen an dem Maßstab der allgemein gültigen Gesetze und Einsichten zu messen. Der sittlich veranlagte Mensch tut das- Gute nicht allein aus der Ueberlegung, sondern auch aus einem spontanen Bedürfnis heraus. Er muß sittlich handeln, weil er gar nicht anders handeln kann. Nun sind aber in jedem Menschen auch sittlich mangelhafte Faktoren lebendig, die den sittlichen Normen der Gemeinschaft zuwiderlaufcn. Um so mehr sieht sich die Lehrerpersönlichkeit genötigt, das ganze Vildungsgut, das sie dem Kinde vermitteln will, stark in desien Eemütsleben zu verankern und in der emotionalen Sphäre, der Eeburtsstätte der Willensentschließungen zu arbeiten. Linde betont die Notwendigkeit der Pflege des sittlichen Verstandes, der sittlich bewußt wollenden und der sittlich unbewußt 6" 3