Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 6 (15.6.1931)
- Date
- 1931-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer k 7. Jahrgang Monalsschrist sür Pädagogik und Schulpolilik Hcrausgcgcben vom „Reichsvcrband der jüdischen Lehrervereine" Monalsschrisl für Pädagogik und Schulpolilik Die „Jüd. Schulzeitung" erscheint um den 15. eines jedenMonats nnd wird allen Mitgliedern der dem „Neichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post-Bezugspreis sür Nichtmitgliedcr: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15.3urri1931 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Tel.: Sammelnummer C4 Dammtor 0737 Verantwortlich sür den redaktionellen Teil. M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die Ogespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Erziehung zur Persönlichkeit und zur Gemeinschaft von Cläre Königshöfer. Notizen. Literarisches. Bei der SchriftleUung eingegangene Bücher. Erziehung zur Persönlichkeit und zur Gemeinschaft. Von Cläre Königshöfer, Fürth i. V. irgendwelche neue Anregung zu geben. Trotzdem klären sich plötzlich die bisher formlosen Gedanken und weiten sich. So können Individuen klärend und reifend aufeinander einwirken. Um wieviel mehr befruchten sich Individuen, die einen Gleichklang beieinander fühlen, sei es ein Gleichklang des Verstandes, des Fühlens, der Wesenheit oder der Interessen. Schon allein die Tatsache der gegenseitigen geistigen Befruchtung und Spannung der Individuen untereinander bildet genügendes Beweismaterial gegen die Theorie, die Einzelunterricht dem Klassenunterricht vorzieht. 1. Teil. Persönlichkeit und Gemeinschaft als Polaritäten. Persönlichkeit und Gemeinschaft sind keine sich ausschließenden Gegensätze, sondern Polaritäten, Erziehungs- und Bildungsgrundsätze. die sich gegenseitig bedingen. Keine Erziehung, die sich auf Heranbildung eines gefestigten und leistungsfähigen Menschen gründet, wird umhin können, sich mit diesen beiden Wertgrundsätzen eingehend zu beschäftigen. Das höchste Erziehungsideal ist der in seinen geistigen und seelischen Anlagen bis zur Vollkommenheit entwickelte Mensch,.der seine Werte in schassender Arbeit an dem Aufbau der menschlichen Gesellschaft betätigt. Dieses Ideal der höchsten Individualität und der tiefsten Hingabe an die Gemeinschaft können wir uns nur an einem geistig vollwertigen, seelisch gütig und groß veranlagten Menschen verwirklicht denken. Dieser Idealmensch setzt ein geistiges und seelisches Plus voraus, das durch geistig und ethisch gerichtete Zielstrebigkeit in wcrtbetontes Schaffen und Handeln umgesetzt wird. Eine gemeinsame Voraussetzung ist beiden Bildungsgrundsätzen eigen: Das Vorhandensein der Gesellschaft innerhalb derer eine Persönlichkeit heranreisen und ihre sozialen Neigungen zur vollen Auswirkung bringen kann. Ein Mensch, den wir uns ganz auf sich selbst gestellt denken, ohne die menschliche Gesellschaft, kann keine Persönlichkeit sein. Stellen wir uns einen Menschen vor, ausgestattet mit geistigen Gaben und künstlerischen Talenten und mit starker und reicher Individualität, der, wie Nobinsohn einsam, fern von Menschen aufwachsen würde; er könnte nicht zur Persönlichkeit werden, weil ihm die Gesellschaft fehlte, die Gegenkraft, die ihm eine gewisse stärkende Reibung bieten würde. Die Gemeinschaft gibt dem Individuum eine Spannung, an der es seine Spannkraft messen kann und messen muß. Im Vergleichen, Wertschätzen, Bejahen und Verneinen setzt sich das Individuum in Beziehung zu anderen Individuen, mißt und stärkt sich daran. Ein einfaches Beispiel aus dem täglichen Leben: Ein Mensch trägt irgendwelche Gedankenkomplexe mit sich herum. Sie bewegen ihn, er bejaht sie, verwirft sie wieder, ohne daß sie in ihm zur Klärung kommen würden. Unabhängig davon kommt er mit einem anderen Menschen zusammen, mit dem er sich vielleicht nicht einmal verbunden fühlt. Im Laufe des Gesprächs entwickelt er plötzlich seine Gedanken. Der Andere hört ihn 'an, vielleicht sogar, .ohne ihm Was ist Persönlichkeit? Aus der Notwendigkeit und Wirkung der Gesellschaft auf den Einzelmenschen geht hervor, daß Persönlichkeit mehr ist als bloße Individualität. Diese ist hier Bedingung und Merkmal, aber sie erschöpft nicht den Begriff der Persönlichkeit. Voraussetzung für die Persönlichkeit ist außerdem noch Charakterfestigkeit und Zielstrebigkeit. Wir könnten vielleicht annähernd den Begriff der Persönlichkeit definieren als den bestimmten eigenen Grundsätzen treu handelnden Menschen, der durch Charakterfestigkeit ' und Zielstrebigkeit einen eigenen beständigen Platz innerhalb der menschlichen Gesellschaft behauptet. Die Note der Individualität und Beständigkeit ist jeder Persönlichkeit eigen, sei es, daß sie diese ihre Werte nach der sittlich guten, aufbauenden oder nach der unmoralischen, zersetzenden Seite hin in die Tat umsetzt. Beide Möglichkeiten sind gegeben. Wir können uns beispielsweise den Rädelsführer einer Verbrecherhorde als sehr starke Persönlichkeit denken. Unser Erziehungsziel ist die sittliche Persönlichkeit, der nach bestimmten eigenen sittlichen Grundsätzen handelnde Mensch, der durch Charakterfestigkeit, Sittlichkeit und Zielstrebigkeit einen eigenen beständigen Platz innerhalb der menschlichen Gesellschaft behauptet. SchuleundPersönlichkeit. Aufgabe der Schule ist es, die ihr anvertrautcn Kinder zu sittlichen Persönlichkeiten heranzubilden. Sie sucht dieser Forderung gerecht zu werden einerseits durch Erziehung, andererseits durch Unterricht. Der Vorwurf, den man der alten Schule machte, bestand darin, daß sie es nicht verstanden habe, der Individualität des Schülers Rechnung zu tragen, daß sie nur Wissen anstatt Bildungsgut vermittelt habe und dadurch nur höchstenfalls gute Schüler und Buchstabenmenschen, nicht aber Persönlichkeiten erzogen habe. Eine rein technische Schwierigkeit der Persönlichkeitsbildung durch die Schule tritt uns schon in der frühzeitigen Schulentlassung entgegen. Gerade die kritischsten Jahre der geschlechtlichen Reifezeit verbringen die meisten Jugendlichen schon außerhalb der Schule. Dazu bedeutet die Eesellschaftsschicht, mit welcher der Beruf den in innerer Gärung und Klemme befindlichen jungen Menschen zusammenführt, meist eher eine Hemmung als eine Förderung seiner sittlichen Entwicklung. Um so mehr muß die Schule bestrebt sein, das Kind, solange es ihr anvertraut ist, sittlich zu beeinflussen und zu festigen. Die bloße intellektuelle i % jj WWWWBWP