Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 1 (15.1.1931)
- Date
- 1931-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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c Nummer 1 7. Jahrgang Monatsschrift für Pädagogik und Schulpolitik i Ti <£* GERMANIA i jl JUDAICA Heransgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüdische Schulzeilung" erscheint am 15. eines iedeilMonals und wird allen Mitgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeichlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — 'Post - Bezugspreis für Nicht- Mitglieder: Mk. 1.2» pro Quartal. Hamburg, 15. Januar 1S31 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Lehmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Tel.: Sammelnunimer C4 Dammtor 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil. M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseraten teil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 4» für die »gespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Die Pflege der deutschen Sprache in Schule, Synagoge und Presse von L. Meyer, Lünen. Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Psychoanalyse von Studienrat M. Simon, Tilsit. Bon meiner Palästina-Neise von Otto Geismar. Literarisches. Bei der Schriftlcitung eingcgangene Bücher. Notizen. Die Pflege der deutschen Sprache in Schule, Synagoge und Presse. Vortrag, gehalten von L. Meyer, Lünen. Zwei heilige Sprachen betreut der jüdische Lehrer. Die eine ist die Sprache der Religion, die andere die Sprache, der Mutter. In jeder jüdischen Schule, ob Religionsschule oder Volksschule, wird die Jugend in das Hebräische, in die Sprache der Gebete und der Bibel, eingeführt. Und es gibt keine jüdische Neligionsschulo, in der nicht auch die deutsche Muttersprache gepflegt wird, indem der Lehrer sich bestrebt, in edlem Deutsch zu den Schürern zu sprechen und ihren Ausdruck auch gelegentlich durch Belehrungen zu bilden. Für die jüdische Volksschule ist ja die Erziehung zu gutem Deutsch etwas Selbstverständliches. Ueoer den Unterricht im Hebräischen ist schon viel gesagt und geschrieben worden. So viel, daß, wenn Roden und Aufsätze das Uebel des geringen Erfolges beseitigen könnten, es ganz vortrefflich um den Unterricht in der hebräischen Sprache bestellt wäre. Meines Wissens ist aber noch nicht darüber gesprochen worden, wie von uns die deutsche Sprache gepflegt werden soll. Und es ist da nicht nur Allgemeines zu sagen, es gibt auf diesem Gebiete für den jüdischen Lehrer besondere Aufgaben. Aber der Volksschullehrer, der nicht auch Dolkslehrer sein will, sieht seinen Aufgabenkreis zu eng. Wir sollen mittelbar durch die Kinder und unmittelbar, wenigstens im persönlichen Verkehr, auf die Erwachsenen wirken. Viele Lehrer sind in der für diese Einwirkung günstigen Lage, auch Vorbeter und Prediger zu sein. Sie stehen dadurch in enger Beziehung zum jüdischen Hause. Schule und Synagoge, das waren bis vor etwa 30 Jahren fast allein die geistigen Mächte, die das jüdische Leben der Familien anregten. Seitdem aber wirkt auch die jüdische Presse belehrend, erziehend und erbauend auf die jüdische Welt ein. Wohl gab es auch ehedem jüdische Zeitungen. Aber ihr Einfluß war gering. In manchen Gemeinden wr de gar kein jüdisches Blatt gehalten, in anderen kam etwa die Zeitung des Judentums oder der Israelit in ein einziges Haus. Meist war der Lehrer der einzige Bezieher. Es wurden auch belehrende und unterhaltende jüdische Bücher herausgegeben, aber wie wenige haben sie gekauft! Heute kommt fast in jedes jüdische Haus eine israelitische Zeitung, und in mancher Familie werden mehrere gelesen. Auch zur jüdischen Presse steht der Lehrer in enger Beziehung. Schule, Synagoge und Presse wirken auf Geist und Gemüt der jüdischen Welt ein, und sie beeinflussen auch die. sprachliche Bildung des Volkes. Darum will ich von der Pflege der deutschen Sprache ln der jüdischen Schule, 'in der' Synagoge und der jüdischen Presse reden. Ich müßte eigentlich auch von der sprachlichen Erziehung durch unsere Vereine roden. Aber da das Vereinsleben in unserer Presse zutage tritt, so wird in meinem Vortrage auch den Vereinen ihr Recht werden. Es ist eine selbstverständliche Forderung, daß der Lehrer sich befleißigen soll, ein gutes Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Ein gutes Deutsch, wohlklingend, leicht verständlich, frei von hohlem Klingklang, rein von fremden Beimischungen. Von fremden Beimischungen. Wir lehnen selbstverständlich Wörter, die fremden Sprachen entstammen, aber deutsch geworden sind, nicht ab. Aber die eigentlichen Fremdwörter vermeiden wir, soviel wie möglich. Wörter wie Diskrepanz und Sätze wie „Sein Interesse ist nicht nur illustrativ" dürfen wir uns nicht zuschulden kommen lassen. Ein gutes Deutsch, das will nicht sagen ein „korrektes" Deutsch. Ich gebrauche das Wort korrekt ungern. Es ist ein Fremdwort und kann durch viele gute Ausdrücke der deutschen Sprache ersetzt werden. Aber gerade, wenn man das Wort „korrekt" — zwischen Anführungszeichen gesprochen — anwendet, hat der fein Empfindende die Vorstellung des llnlebendigen, des Gezwungenen. Eine „korrekte" Haltung ist — nicht wahr? — eine steife Haltung. Wenn das Verhältnis zweier Leute zueinander „korrekt" ist, so weiß man, sie sind nicht verfeindet, sie kränken einander nicht, aber am liebsten gehen sie sich doch aus dem Wege. Einem „korrekten" Deutsch kann die rote Tinte nichts anhaben, aber Freude bereitet ein solches Deutsch nicht. 2n unserer Gegend gibt es ein Gebäck, das Eiserkuchen heißt. Die Korrekten aber sagen Eisenkuchen. Und gewiß, so ist's auch richtig, denn diese Kuchen werden zwischen zwei runden Eisenplatten gebacken. Warum aber soll man solch eine landschaftliche Regelwidrigkeit nicht gelten lassen, zumal das ursprüngliche „r" im Eigenschaftswort „eisern" noch oorkommt und sich auch noch in den Ortsnamen Iserlohn und Eiserfeld erhalten hat. Und wer da weiß, welchen Eefühlsinhalt das Wort Eiserkuchen hat: welches Behagen man empfindet, wenn man daran denkt, wie die Kuchen zum dampfenden Kaffee geknuppert werden, der weist auf „korrekten" Eisenkuchen zurück. Ein Lehrer, der auf „korrektes" Deutsch hält, wird es auch als einen Fehler empfinden, daß in Grimmschen Märchen, z. B. im „treuen Johannes", das Wort Rabe weiblich gebraucht wird. Aber in manchen Gegenden ist nun einmal Rabe in der Mundart weiblich. Und vor einem sprachlich „korrekten" Schulmeister findet auch Schillers Wort „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, ufw." keine Gnade, weil der Satz nicht streng richtig gebaut ist. Alles, was die Schüler lesen, soll in gutem Deutsch geschrieben sein. Mit der Auswahl der Lesestoffe für die Jugend ist es besser geworden, als es ehedem war. Die Lesebücher enthalten fast durchweg literarisch wertvolle Stücke. Aber man begeht heute den Fehler, den Schülern Lesestoff zu bieten, für den sie