Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 11 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825274-2825285--0344-2825945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Meine lieben jungen Freunde! Fragen wir uns zunächst: Was ist und was heißt ein Verleumder? Nun.-Ihr werdet es wissen: Verleumder neunen wir einen Menschen, der über seinen Nebeumeufcheu Lügen aufbringt und herumbriugt. mit anderen Worten einen Lügner, ja, noch schlimmer als dieses. Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes.,.Verleumder". Dagegen gibt es noch eine andere Bedeutung, die Euch wohl weniger/ geläufig sein , dürste. Ihr lennet sie vielleicht unter dem Namen „Angeber". Darunter verstehen wir einen Menschen, der irgend etwas, was er beim Nächsten gesehen oder von ihm gehört hat. einer höheren Stelle, etwa einem Vorgesetzten, meldet und dort zur Anzeige bringt. Cr ist kein Lügner, wie der eigentliche Verleumder. denn, was er berichtet, ist ja wahr, er hat es mit eigenen Augen geschaut oder mit seinem Ohre vernommen. und 2hr werdet vielleicht meinen, er habe nichts Schlimmes begangen, ja vielleicht noch ein gutes Werk vollbracht. Ich aber sage Euch im Sinne der heiligen Schrift und unseres Tert- und Leitwortes: Auch das Anzeigen ist eine grohe, schwere Sünde, es ist nicht minder verwerflich als das eigentliche Verleumden. Und ich sage Euch ferner: Es ist dies ein Vergehen, vor dem 3hr besonders, Ihr Knaben und Mädchen, auf der Lut sein sollt, denn gerade Ihr könnt im Zusammensein mit Euren Gefährten und Gefährtinnen allzu leicht in Versuchung geraten. den Angeber oder die Angeberin zu spielen. Warum aber sollet Ihr Euch vor der Angeberei in acht nehmen? Zunächst, damit nicht in Eurem Herzen ein Gefühl des Stolzes oder der Ueberhebung wach werde, oder das Empfinden des Besserseins oder Besscrseinwollens als die anderen. 2a. sehet Euch nur einmal um. unter Euren Geschwistern und Verwandten, unter Freunden und Bekannten. da gibt es gewiß genug, die gleich dabei sind, jede Kleinigkeit anzuzeigen. Denkt einmal, Ihr habt irgendeinen jugendlichen Streich ausgeführt. Gewiß. Ihr hättet es nicht tun sollen und dürfen, aber Ihr wäret nun einmal in einer freudigen, vielleicht auch etwas übermütigen Stimmung. Ihr habt in der Schule eine gute Arbeit geliefert, oder es ist Euch im Elternhause eine kleine Freude bereitet worden. Genug, in dieser frohen, wohl allzu frohen Stimmung habt Ihr Euch zu einem sticht bedeutenden, aber immerhin doch zu einem Vergehen Hinreisen lassen, das jedoch der Aufmerksamkeit der Eltern oder Erzieher entgan- . gen ist. Was tut aber Euer angeblich guter Freund? Er macht sich flugs auf den Weg zu Euren Eltern oder Lehrern und bringt Eure Untat zur Anzeige. Warum, meint Ihr, tut er das wohl? Etwa, um Euch zu bessern, damit Ihr fortan nur das Gute übet und das Böse meidet? Dann freilich wäre sein Beginnen alles Lobes wert und wäre ein Zeichen echter, wahrer Freundschaft. Aber das wird sehr selten, vielleicht gar niemals der Fall sein. Denn, wenn jener Angeber es wirklich so gut und aufrichtig mit Euch meinte, so hätte er ja zu Euch selbst'den Weg finden können und sollen, er hätte Euch selbst auf das Verkehrte Eures Tuns aufmerksam machen und auf Besserung dringen sollen! Das ist ja ein Gebot der Gotteslehre, das sich gleichfalls in unserem heutigen Sabbathabschnitt findet: „hochcach tochiach eß amissecho", „zurechtweisen sollst Du Deinen Nächsten". Allein in den weitaus meisten. Fällen ist der . Grund für das Laster der Angeberei in einer häßlichen Sucht zu erblicken: in dem Streben nämlich, mehr zu gelten als die anderen, sich bei Eltern und Erziehern einzuschmeicheln und lieb Kind zu machen. Das soll etwa, heißen: Seht, diese da haben Böses begangen, wir aber verüben derlei nimmer, wir sind frei von Schuld und Fehl. 2a. wir können es nicht einmal mit ansehen, wie die anderen Unrechtes tun. und eben darum melden wir es Euch. Verdienen wir nicht, dafür gelobt zu werden? Und wisset Ihr, liebe Kinder, wer so gedacht und gehandelt und freilich es nachher hat schwer büßen müssen? Das war. Josef, dessen Leidensgeschichte Ihr ja kennt ausdem biblischen Geschichtsunterricht. Wißt Ihr aber auch, welches die Erundquelle war für den tödlichen Haß, den die Brüder gegen ihn hegten, und der sie dazu hinriß, ihn in die Sklaverei zu verkaufen nach dem fernen Aeguvteii, wo er viele Jahre in Kerker und Ketten schmachten mußte? Nichts anderes als Josefs unschöne und unbrüderliche Art. die Brüder beim Vater anzuzeigen, ihm all die Streiche zu hinterbringen, die sie nach Schäferart auf dem Felde in jugendlichem Uebermute vollführt haben mögen. Durch diese Angeberei wollte er in den Augen des Vaters besser erscheinen als die Brüderschar und sich die besondere Zuneigung Jakobs erringen. Wie dachten aber die Brüder darüber? Nun. sie faßten gegen ihn einen liefen und tödlichen Groll und ließen sich in ihrem Hasse zu einer gleichfalls unbrüderlichen Tat verleiten. Ich glaube, diese Erinnerung an Josefs Leiden wird genügen, um Nachdruck zu verleihen meiner Mahnung, die ich kleide in die Worte der Schrift: „Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter Deinem Volke". Meine lieben jungen Freunde. Hütet Euch vor der An» geberei. sagte ich. damit Ihr nicht stolz werdet und Euch überhebt. Aber noch ein anderer Grund mag Euch bewahren vor der Sucht und Sünde des Anzeigens: Daß Ihr frei bleibet von der niedrigsten aller Freuden, wie man sie mit Recht genannt hat, vor der Schadenfreude. Denn so manches Kind, gestehen wir es nur. zeigt deswegen eine so große Vorliebe für die Angeberei, weil ifjm die zu erwartende Bestrafung des Schuldigen Vergnügen bereitet. Ich aber frage Euch: Kann es etwas Häßlicheres, etwas Verdammens- und Verabscheuenswerteres geben, als das Sichfreuen über das Leid eines anderen Menschen oder gar das Sichwnden am Anblicke seiner Schmerzen? Wie heißt es doch in der Fortsetzung unseres Wortes, wir haben es auch heute verlesen: „lo ssa'amod al dam rcecho“ „Du sollst nicht teilnahmslos dastehen beim Blute Deines Nächsten", und zwei Sätze darauf: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Selbst einen Fremden zu lieben, gebietet unsere Religion, um wieviel mehr erst einen Mitschüler, einen Spielgefährten, einen Klassenkameraden. Wisset Ihr aber auch, wo die grausame und herzlose Sitte der Schadenfreude heimisch war? Bei jenen Völkern des Altertums, von denen den meisten von Euch wohl schon im Geschichtsunterricht erzählt worden ist. Selbst die Gebildeten unter ihnen» z. B. die Römer, konnten Freude, ja Frohlocken empfinden beim Anblick gequälter und gemarterter Menschen. Ihr habt vielleicht schon von Nero gehört, von dem wahnwitzigen römischen Kaiser, der seine schöne, von herrlichen^ Kunstdenkmälern erfüllte Hauptstadt in Brand steckte und angesichts der lodernden Flammen in seliger Wonne jauchzte und dazu die Leier spielte. Und ach. wieviele der Tapferen aus Judas Stamme haben, nachdem der zweite Tempel in Staub gesunken war. ihre Heldenseele aushauchen müssen in bcn schmachvollen Stierkämpfer!, die die Romerherrscher veranstaltet haben zur Ergötzung ihres Volkes. Wohl, heidnisch und barbarisch mag das niedrige Gefühl der Schadenfreude fein, niuimermehr aber jüdisch, und darum, Ihr Söhne und Töchter aus jüdischen! Stamme, haltet Euch fern von der Untugend der Angeberei, schlinget vielmehr ein unzerreißbares Band der Freundschaft und echten Kameradschaft mit Brüdern und Schwestern, mit Schul- und Spielgefährten, dann werdet Ihr Gunst und Wohlgefallen finden in den Augen Gottes und der Menschen. ' Am en. * ,