Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- Heft 9 (15.9.1929)
- Date
- 1929-09-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Jüdische Schnlzeitung. Nummer 9 pedantischer Unterscheidungszeichen, die bei Promotionen und Streitnbilngcn noch auf mancher Universität im Schwünge sind, legt - doch Wohl niemand einen sonderlichen Wert. Und daß Sie auch Unchristen zu - Lehrern annehmen wollen, ist sicher nicht befremdender, als daß eine Königs. Preuß. Akademie der Wissenschaft einen Juden zum Mitgliede erwählt hat; daß Mendes d'Acosta vor einigen Jahren Sekretär der Londoner Societät gewesen. und daß selbst in den dunkelsten Zeiten nicht selten Beschnittene ans den Lehrstühlen der orientalischen Sprachen. der Medizin und der Astronomie gesessen haben. Zu Anfang dieses Jahrhunderts berief der Kurfürst von der Pfalz Spinoza zum Lehramte in der Philosophie, ohne dadurch für den Verfall der Akademie besorgt zu sein. Ich sehe also in Ihrer Erklärung nicht das Mindeste, das Ihnen auf irgend eine Weise Schaden oder Verachtung zuziehen könnte. Welcher vernünftige Mensch wird Basedow und Ihnen die lächerliche Intoleranz zutrauen, daß Sie Ihre Zöglinge nicht werden in der Buchhaltung von einem geschulten Buchhalter unterrichten lassen, weil er das neue Testament nicht annehmen zu glauben könnt? Aber von der anderen Seite ist auch dieses so ausgemacht noch nicht, daß nicht so manche Israeliten die philanthropische Einladung mit Dank annehmen und sich zu Nutze machen werden. Als ich das Vergnügen hatte, vor Ihrer Abreise mit Ihnen selbst und einige Zeit darauf mit Herrn Professor Simon von dieser Materie zu sprechen, machte ich mir von diesem Prospekte überhaupt keine sonderliche Hoffnung. Herr Wessely, der besseres Zutrauen hatte, unterzog sich der Sache mit löblichem Eifer und fährt noch immer fort, sie zu betreiben. Ich hoffe, seine Bemühung soll nicht ganz fruchtlos sein. Ter Erfolg gehet etwas langsam von Statten. Es liegt in den Gemütern der Menschen eine gewisse vi8 incrtiae, die nicht immer durch heftigen Stoß überwunden sein will. Ein anhaltender Nachdruck tut zuweilen bessere Wirkung und die Familie Wessely hat Federkraft in der Seele, ihre Unternehmungen mit Nachdruck zu betreiben. Lassen Sie der Sache die gehörige Zeit, und bedenken Sie. daß die mindeste Ucbertreibung hierin mehr verderben kann, als bedächtige Langsamkeit. Ich möchte nicht gern, und Ihnen am wenigsten. Geheimwörter vorpredigen, aber ein Wort zu seiner Zeit geredet, mag immer ein locus communis sein. Durchdrungen von der Vortresflichkeit Ihres Vorhabens. scheinen Sie z. B. entschlossen zu sein, die ersten besten Zöglinge, die sich anbicten. ohne Auswahl aufzunehmen. Ich von meiner Seite aber bitte und beschwöre Sie darum, anfangs wenigstens sorgfältig in der Wahl der Subjekte zu sein; denn darauf wird wahrscheinlicherweise in der Folge alles ankommen, wie sich die ersten Zöglinge bilden werden, mit welchen Sie die erste Probe machen. Könnte ich Ihnen nur drei Kinder wie der kleine Wessely empfehlen, so würde ich Ihnen und mir Glück wünschen, und mir von dem Probestück überaus viel Gutes versprechen. Aber draus, dächte ich unmaßgeblich, müßten Sie wenigstens sehen, daß vorerst nicht lauter reiche Menschengestalten ausgenommen werden, die. iruses consumere nati. dieser ihrer Bestimmung gar zu treu zu bleiben pflegen. Zum Schluß habe ich Ihnen noch im Namen aller meiner redlich gesinnten Mitbrüder den verbindlichsten Dank abzustatten, daß Sie. wie wir vernehmen, zwei Elenden, die aus Dessau vertrieben worden sind, das Wort geredet. Die Landesverweisung ist für einen Juden, der auf dem ganzen Erdboden nirgend recht zu Hause ist. die höchste Strafe, und wie ich höre, soll die Schuld dieser Unglücklichen bei weitem kaum so harte Züchtigung verdienen. Leben Sie übrigens wohl, und fahren Sie fort, von Ihren Kräften den edelsten Gebrauch zu machen zum Besten der Menschen. Meine Frau macht Ihnen und Madame Campe ihre ergebenste Empfehlung, und mein Söhnlein grüßt in Ihnen seinen künftigen Pflegevater. Herrn Basedow, meinen sehr verehrungswürdigen Freund, umarme ich aus das freundlichste. Wie sehr verlanget mein Herz, diesen Rechtschaffenen noch einige Tage zu genießen, bevor wir sterben. Ich bin mit der aufrichtigsten Hochachtung Ihr wahrer Freund und Diener Moses Mendelssohn." Der Brief ist im März 1777, also sechs Jahre vor dem Erscheinen des ..Jerusalem" geschrieben. Von seiner hohen Warte aus kannte Mendelssohn die Lage und die Stimmung seiner Glaubensbrüder. und es gab ja auch damals in der christlichen Welt hochherzige Männer. die für die Juden bessere Verhältnisse erhofften. Mendelssohn schaute dem Judenhaß in das innerste Herz und sah in den Bestrebungen der Philanthropen nur eine Abschlagszahlung. Daher in seinem Briefe der Ton der Schärfe und Empfindlichkeit gegenüber den Verkündern des Toleranz-Evangeliums. — Aus der Entwicklung des Tessauer Philanthropins wissen wir. daß die Beiträge aus jüdischen Kreisen ausblieben. Daß Herz Wesseln und sein Bruder Moses, der Lessing zur ruhigen Ausarbeitung seines ..Nathan" einige hundert Taler geliehen, Interesse für die Tessauer Anstalt zeigten, ist nur als Einzelfall zu bewerten. Mendelssohns Ideen wurden durch Selbsthilfe seiner Glaubensbrüder in der Freischule in Berlin. Franzschule in Dessau, wie in Frankfurt a. M., Seesen. Wolfenbüttel u. a. O. verwirklicht. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. I. Herzberg. Moses Mendelssohn. Ein Lebensbild für die israelitische Jugend. Herausgegeben unter Mitwirkung der Zugendschriftenkommifsion der Gronloge für Deutschland U. O. B. B. 2. verbesserte Auflage. M. W. Kaufmann. Leipzig. Geb. 2.50 Ml. 110 Seiten. Seifensieder, Moses Mendelssohn. Das Märchen seines Lebens. Philo-Verlag, Berlin 1029. . Moses Mendelssohn, der Mensch und das Werk. Briefe. Zeugnisse. Gespräche. Unter diesem Titel erscheint im Berliner Welt-Verlag eine von Bertha Badt-Strauß herausgegebene Sammlung von Dokumenten aller Art. die bestimmt ist. Mendelssohns Wertvollstes: seine überragende menschliche Persönlichkeit dem heute lebenden Geschleckt nahezubringen. Der sorgfältig auL-restattete, mit zeitgenössischen Bildern geschmückte Band von fast 300 Seiten kostet Ml 7.— und ist durch jede Buchhandlung zu beziehen. — Eine Parallelausgabe des Buches bringt für seine Mitglieder der Heine-Bund. Berlin W 57. Pallasstratze 10/11. heraus. Notizen. Der Derejin zur Abwehr des Antisemitismus (Geschäftsstelle Berlin W 35. Flottwellstr. 7) teilt mir mit. daß er bereit ist. die von ihm herausgegebene Schrift^ von D«r. Beermann. Beiträge zur Wesenserkenntnis bei’ Judentums, das zur Abwehr und für den Unterricht see geeignet ist, portofrei für solche Zwecke mit 50 Pfg. da^ Exemplar abzugeben. Diese Bereitwilligkeit ist äußerst auf erkennenswert. Das fast 100 Seiten starke Büchlein biet? sehr viel und kann nur zu unserem Nutzen verbreit! werden. (Zu der Anmerkung auf S. 27 ist wohl zz sagen, daß „Nekamah" den Sinn von Recht im^f nanten Sinne — wie etwa mein gutes Recht —- Ich gebe die Anregung mit bester Empfehlung L.J. Rabbiner Dr. A. P o sn^-^g^sar'