Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 1 (15.1.1928)
- Date
- 1928-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 1 Jüdische Schulzeitung. Fortbildungskurse. Es darf aber nicht unbeachtet bleiben, daß die Teilnehmer reife und gebildete Menschen sind, die das naturgemäße '■■■ ■ Verlangen besitzen, über den Zaun des Gegebenen hinauszublicken. Das religiöse Blickfeld muß weiter gesteckt werden, die religiöse Weltanschauung in ihrer Allgemeingültigkcit — nicht allein in der speziellen jüdischen Prägung — aufgczcigt werden, im Zusammenhang mit der Philosophie, der Königin aller Wissenschaften.' Ein philosophischer Hauch, über die ' Kurse hingcbreitet, hebt aus der gewohnten Sphäre heraus, er schasst das dem Gebildeten wohlige Gefühl geistiger Weite und das die überlieferte Position selbst stärkende Bewußtsein des Einklangs mit der zeitlosen, d. h. göttlichen Weisheit. HI. Auslese bezüglich des Wissensstoffes. Jeder Kursus wird naturgemäß immer nur ausgcwählte Themen aus dem umfangreichen Wissensstoff der einzelnen Lehrfächer bieten können. Bei bei« Auslese sind zwei Gesichtspunkte zu beachten, die zwar nicht ausschließlich gelten, aber bevorzugte Berücksichtigung verlangen. a)Das Nahe geht dem Fernen voran. Der Lehrer ist in erster Linie nicht Wissenschaftler. sondern ein Funktionär, der in der Praxis des Amtes steht. Die Fortbildung , soll ihm daher die wissenschaftliche Vertiefung für die nahe Wirklichkeit bringen. Zur Erläuterung seien Beispiele gegeben: _ 1. Für das Studium des Talmud sind an sich alle Traktate geeignet, doch die Abschnitte zivilrechtlichen Inhalts liegen der Praxis fern. Man wird also besser Chullin mit Rücksicht auf Schechitah. Moed mit Rücksicht auf die Feiertage usw. wählen. ' 2. Bei der Lektüre nichtreligionsgesetzlicher Texte wird man aus den Primärquellen (Midrasch) oder Sekundärqucllen (Bialik, Sefer Hoagodoh) Agadahgruppen behandeln, die als ..Begleitstoffe" für den Unterricht in der Schule bedeutsam sind. 3. Im Umkreis der poetischen Literatur im engeren Sinne wird die synagogale Poesie vor - der weltlichen zu bevorzugen sein, denn der Lehrer als Kantor hat Piutim vorzubeten. Ihren Inhalt kennt die Gemeinde selten, denn die Texte sind nicht leicht; sie setzen gediegene Kenntnis der hebräischen Sprache und des Midrasch voraus. Es muß aber erreicht werden, daß die Piutim als Bestandteil des Gottesdienstes wenigstens von dem Kantor mit Sicherheit beherrscht werden. - 4. Wird Apologetik doziert, so werden in sy- ' stematischem Ausbau die ..Kinderfragen" zu berücksichtigen sein, die spontan aus der Seele der Schüler aufsteigen und den Lehrer nicht selten, wenn er nicht sichere Schulung besitzt, in ärgste Verlegenheit bringen. Von der treffenden, die Zweifel im Keime schon erstickenden Beantwortung der. „Kindersragen" hängt aber in hohem Grade die religiöse Entwicklung des Schülers ab. In enger Verbindung und Verwandtschaft mit dem Aüslcscprinzip ..Das Nahe geht dem Fernen voran" steht der Grundsatz der b) Aktualität. Der Lehrer als Mann von Bildung will aus innerem Verlangen am wissenschaftlichen Le», ben der Gegenwart teilnchmen — wenn auch nur ausnehmend —. er will in Beziehung gebracht werden zn allem, was ernste Forscher« arbcit z. Zt. ans Licht bringt und geeignet ist. seine Kenntnis im Umkreis seiner Unterrichtsfächer zu mehren, die Position seiner Religion nach innen wie nach außen zu festigen. Weiter« hin will er als Erzieher des kommenden Geschlechtes am Wcbstuhl der Zeit — nicht desschwankenden Zeitgeistes — sitzen, Auszug und Einschlag beachten, um seinen Schülern für di,: Gestaltung der jüdischen Zukunft in Geist und Leben die auch aus der Gegenwart und Vor« gegcnwart (d. h. nahen Vergangenheit) sich her; auswirkenden Fäden in die Hand geben zu können. Einige Beispiele mögen das Gesagte erläutern: 1. Der Pan-Babytonismus beherrscht die Vi> bclwissenschast. So heftig auch leider versucht worden ist. durch ihn den Eigenwert der jüdischen Religion herabzusetzen, so hat er doch ,' andererseits unsere Kenntnisse vom biblischen Altertum erweitert und uns bei vorurteilsloser Deutung Zeugnisse für die Bedeutung Israels im Rahmen der Weltgeschichte, wie für die Wahrheit der Thora gebracht. Mögen die Tontafeln alt sein — die durch ihre Auffindung geweckte Wissenschaft ist neueren Datums uitb vor allem die Bibel und die biblische Religion, mir der die Nesriltate der Ausgrabungen in Zusammenhang gebracht werden, ist ewig a kt u e! l. 2. Die sogen. Bibelkritik, besonders liberalprotestantischer Färbung, übt noch immer verwirrenden. zersetzenden und leider auch verhetzenden 'Einfluß aus. Die Reflexe ihrer „gesicherten Resultate" spiegeln sich nicht selten in jüdischen Köpfen. Durch die ernste Arbeit hervorragender Männer in unseren eigenen Reihen (Hossinann). katholischer Forscher (Nickel) und positiv-protestantischer Forscher (König) sind wir zwar endlich einem Wendepunkte der Bibelwissenschaft zur traditionellen Auffassung hin näher gerückt. Aber die stille Arbeit dieser Gelehrten wirb noch immer nicht hinreichend gewürdigt, noch weniger verbreitet und fruchtbar geinacht. .hierzu obliegt uns als Juden — welcher Richtung auch immer — eine Verpflichtung von besonderer Aktualität. Die Lehrer-Fortbildung sollte an ihr nicht achtlos vorübergchen. 3. Von besonderer Bedeutung bleibt noch immer die apologetische Behandlung des Judentums gegenüber dem Christentum. Das orthodoxe Dogma bietet dabei nicht zu große Schwierigkeiten. Sie sind erheblich größer gegenüber dem liberalen Protestantismus in der klassischen Formulierung durch Harnack u. a. Tenn hier tritt unter Ablehnung des Paulinismus die vermeintliche Ueberlegenheit des Christentums über das Judentum in bezug ans Gottes Liebe. Universalismus. Gotteskind'schast des Men-