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Jüdische Schulzeitung · 1926-11-15 · 11 (15.11.1926) · page 8

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
2 (1926)
Issue
11 (15.11.1926)
Date
1926-11-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Jüdische Schulzeitung. Nummer 11 Aus dem Allgemeinen Deutschen Kantorenverband r o Unter verantwortlicher Leitung von Hermann Zivi, Elberfeld. Errranuel Klrschner. Studie von Oberkantor Leon Kornitzer, Hamburg. (Fortsetzuna.) All dem liegt als letzte Ursache jener Zwiespalt in Sulzcrs Schöpfung-zugrunde. Und dieser Spalt zog sich mutatis mntaudis durch die Werke all unserer Synagogenkomponisten und das Wirken all unserer Kantoren, bis auf — Kirs ch n er. Wenn man meinen Versuch, diesen tiefften Grmtd für die Zwiespältigkeit unserer neuzeitlichen Literatur auszuweisen, gelten lassen will, dann — so glaube ich — erklärt sich die Struktur aller, veröffentlichter wie ungedruckter Erzeugnisse, auf unserem Kunstgebiete ohne Schwierigkeit. Es sind — in breitester Verallgemeinerung — drei Arten von Konzeptionen, die unsere Literatur umfaßt. Entweder sind es vorzügliche Niederschriften und Sammlungen traditioneller Singweisen, deren Reihe, zeitlich wie (meiner bescheidenen Meinung nach) qualitativ mit Baer beginnend, für den angehenden Kantor als Lehrlnich, wie für den amtierenden als Nachschlagewerk von größtem Werte ist. Hier ergibt sich übrigens eine ungeheure Aufgabe fiir die kommende Generation: Die Schaffung einer Enzyklopädie, die, unter Einbeziehung neuester Forschungen, besonders Jdelsohn's, die Gesamtheit aller traditionellen jüdischen Musik enthält, daneben ihre wichtigsten Lesarten, ihr Verwendungsgebiet, Geschichte, ihren beweisbaren oder mutmaßlichen Ursprung und sonstige wissenschaftlich oder künstlerisch wertvollen Relationen, lieber den Wert, aber auch über den Umfang eines solchen Werkes braucht weiter nichts gesagt zu ' werden. Es wäre des Interesses, daher auch der Unterstützung der gesamten Judenheit wert. Eine zweite Gruppe bilden jene Werke, die frei komponierte Chöre und Soli enthalten und sich hierbei des Stils jener Zeit und jenes Landes bedienen, deren Kuttllrkreis ihr Schöpfer am nächsten steht. Daraus ergibt sich die merkwürdige Stilverschiedenheil in der Synagogenmnsik dieser Kategorie, eine Stilverschiedenheit, die nicht individueller, auch nicht zeitlicher, sondern nationaler Art ist und daher Gegensätze, wie etwa Naumbourg und Lewandowsky, ausweist und den Verdacht oder den Vorwurf berechtigt erscheinen läßt: es gäbe nichts mehr, was die. Juden aller Länder innerlich verbindet, wenn selbst die Sprache ihres innersten Fuhlens, ihre gottesdienstliche Musik nämlich, keine gemeinsamen Züge zeigt. Denken wir doch an die Schöpfungen z. B. italienischer Komponisten ein und derselben Epoche; haben sie nicht alle, bei größter individueller Mannigfaltigkeit ein Gemeinsames, nämlich: daß sie italienische Musik sind? (Schon hier muß ich einen namhaften Teil meiner Schlußfolgerungen vorwegnehmen: Wie groß ist, allein aus diesem Gesichtswinkel gesehen, das Verdienst Kirschners, der uns den Weg zur Gemeinsamkeit, den Ariadnefaden aus dem Labyrinth der Wirrungen gibt!) ' Eine dritte Gruppe bilden jene Erscheinungen, die Gesänge in — mit Recht oder Unrecht — sogen, jüdischem Stil enthalten. Sie geben uns im rezitativisch gehaltenen Teil häufig Meisterwerke von unvergänglichem Wert. (Kaschtan!) Die mehrstimmige Musik dieser Gruppe jedoch ist zum überwiegenden Teile minderwertig, weil sie, wieder zum überwiegenden Teile, von musikalischen Stümpern herrührt. Wenn die. Erzeuger dieser Gesänge, .bie häufig neben blühender Phantasie, unerschöpflicher Erfindungskraft, wahrhaftigem Gefühle auch unveckennbares musikalisch-schöpferisches Talent zeigen (ich denke z. B. an Pitsche Abraß), auch das Rüstzeug beachtlicher musikalischer Studien, Literaturkenntnisse, musikalische Aesthetik, kurz: musikalische Kultur besessen hätten, dann wäre schon längst vor Kirschner das entstanden, was er jetzt anbahnt: ein jüdisch gottesdienstlicher Musikstil. So streng, wie hier dargestellt, scheiden sich naturgemäß die Erzeugnisse der Synagogengesangsliteratur nicht. Es gibt Mischformen in alten drei Grupven, und nur wenige, wie z. B. Henle in seinen verschiedenen Arbeiten, oder David Rubin in seinen „Schire hechal" blieben konsequent in einer Kategorie stehen. (Bloß ein Heft des letzteren Werkes enthält „Ausgewählte Kleinodien alt hebräischer liturgischer Gesänge", jüdischen Stil besiyt außerdem Rubins zweites Waj'chullu und Mögen owos, schließlich notiert er in den beiden ersten Heften — Sabbatgesänge — einige traditionelle Rezitative, alles übrige steht in freiem Stil, gehört allerdings innerhalb dieser Gruppe in die allererste Reihe.) Beinahe all unsere Komponisten machten Ausflüge >-in die anderen Gebiete; Sulzer gibt schon im Schir Zion I einige, wenn auch wenige traditionelle Rezitative und eine Reihe mehr' stimmiger Gesänge in jüdischem Stil, die in ihrer Kraft und Tiefe — wie ich schon oben sagte -- ewig erstrebenswertes Vorbild sind, jüdisch zu schreiben. Und auch der in Deutschland dominierende Lewandowsky zwingt Anerkennung, ja Bewunderung auch dem, der sich sonst nicht zu ihrn bekennt, ans, wo er in jüdischem Stile schuf. Man kann und darf nicht bestreiten, daß z. B. „Al taschlichcnu" ein Meisterwerk ist. Man könnte diese Reihe nach Belieben fortsetzen und fände in abstngeuder Linie einige wenige Meister, die aus allen Gebieten Ausgezeichnetes, ja Richtunggebendes schufen (Moritz Deutsch!), weiter eine stattliche Anzahl von Autoren, die in der einen Gruppe Gutes, in anderen Minderwertiges Produzieren (wie ich es an dem Beisviel Hellers zu demonstrieren versuchte),, und schließlich eine Reihe von sogenannten Komponisten, deren Erzeugnisse im diskutabel sind, so daß man sich als Fachmann schämen muß, Kollegen von solch geringer Kenntnis zu haben, die derartige Machwerke der Veröffentlichung für wer! halten. Vielleicht liegt hierin der Grund, daß man von unserer Literatur so wegwerfend sprechen kann, wie Pros. Dr. Joseph Kossler aus Lemberg in einem Briese an mich: „Die jüdischen Volkslieder sind von hohem künstlerischem Wert; die jüdische geistliche Musik hingegen besitzt diese nicht. Was da der Westen bietet, ist gewissen europäischen Musikrichtungen und Stilen derartig assimiliert, daß sie nicht als jüdisch angesprochen werden dürfen . . . In Osteuropa hört man wiederum ein Gemisch von zweifelhafttraditionellen Motiven mit Marsch - und Opernbrocken, sogar^ mit Jnstrumentationsnachahmung (pizzicati, Flöten- Passagen usw.). Ich hatte einigemal Gelegenheit, einen Kaddisch auf Motiven des Radetzkymarsches zu hären!" Solches Urteil danken wir „Fachleuten", die zwar von dem Manne, der ihre Stiefel verfertigt, kategorisch verlangen, daß er sein Handwerk gelernt habe, zur Verfertigung eines Kunsttverkes jedoch bloß „Genie" für nötig halten, das sie ja reichlich zu besitzen glauben. ^orU.wlet.

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