Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 10 (15.10.1926)
- Date
- 1926-10-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Jüdische Schulzeitung._ _ __Sjur.inu"; ’ . ihr gegraben seid," so kann man mit Jesaja von Sulzer sprechen. Aber schon in Sulzers Wirken klafft jener Spalt, den wir, die Terminologie unserer Tage benützend, am folgerichtigsten nennen: Gegensatz zwischen Assimilation und Nationalismus. Wenige Jahre vor dem Wiener Amtsantritt Sulzers entstand, hauptsächlich aus dem Ueberdruß weiter Kreise an den gebräuchlichen und im Gebrauch immer mehr korrumpierten Kunstformen des jüdischen Gottesdienstes, der Hamburger Tempel. Hier schlug der Pendel natürlicherweise zu stark nach der anderen Seite aus. In dem Bestreben, Wandel zu schassen, ging man — eine allerorts wahrnehmbare psychologische Erscheinung — zu weit; so weit, daß man dort, wo man die Tradition beibehielt, sie nicht dem mitteleuropäischen, sondern dem sephardischen Kreise entnahm. (Ich spreche hier nur vom liturgischen Gesang, nicht etwa vom Kultus.) Was darüber hinansging, entnahm man entweder unmittelbar nichtjüdischem Besitz, oder man schuf cs in gleichem, d. i. nichtjüdischem Geiste, neu. Wie wäre es anders möglich gewesen? Es gab ja kein Vorbild, keine Literatur, kein Material für einen musikalisch geregelten jüdischen Gottesdienst. Der einzige, den man — entsprechende Gesangskräste vorausgesetzt — Hütte verwenden können, Rossi, wurde erst Jahrzehnte später erschlossen. Und der unerhörte Glücksfall, einen Sulzer, diese singuläre Erscheinung, gleich groß als Komponist, Sänger, Kantor, Organisator und Stilschöpser zu finden, war erst einige Jahre später der Wiener Gemeinde beschieden. Der geniale Rabbiner Mannheimer, dem das Verdienst zusällt, auf Sulzer hingewicsen zu haben, fußte unmittelbar auf dem Boden des Hamburger Tempels, dessen erste Uebertreibungen er allerdings leicht vermeiden konnte, da er nun zwei Vorbilder, den traditionellen und den neuen Hamburger Gottesdienst vor sich hatte, die Vorzüge beider nützend und ihren Fehlern aus dem Wege gehend. (Auch Mannheimers Jrrtümer wurden später, durch immer reichere Erfahrung, korrigiert; aber im Wesentlichen ist der Wiener Gottesdienst das Vorbild für den geregelten jüdischen Kultus aller religiösen Schattierungen auf der ganzen Erde geworden.) So spinnt sich der Faden von Hamburg zu Sulzer. Demgemäß war der jüngere Sulzer (ich spreche nur von dem Musiker und Kantor Sulzer, nicht von dem Menschen) Assimilant aus Ueberzeugung, durch Willen und im Zuge der folgerichtigen Entwicklung. Es gehörte ja zum guten Ton jener Zeit, man konnte anständigerweise inicht anders. Die Quellen des jüngeren Sulzer entsprangendem Hochgebiet des Schubert'schen Kreises, denen er — nur tiefstem Erfassen und Mitfühlen offenbar — etwas Jordanwasser zusetzte. Einen Chor, wie das Onno towo in a moll (Schir Zion I, Seite 14) konnte nur Sulzer komponieren. Darin steckt das köstliche, echt wienerische „Wehbehagen", gepaart mit dem jüdischen Jom-Kippur-Geftthl des „Halb- Mensch-Halb Engel-Seins", diesem unvergleichlichen Gefühl: „wären euere Sünden rot, wie Karmesin, sie werden weiß wie Schnee". (Aehnliches klingt mir, um einen kühnen Sprung zu wagen, aus Kirschner's Oschamnu, Band IV, Seite 105.) Erst der ältere Sulzer erkannte voll den unendlichen Wert der Tradition, der „Alten Weise". Was er in traditionellem Stil schuf, bleibt ewig erstrebenswertes Vorbild, jüdisch zu scheiben. Aber der Riß in seinem Schaffen blüd bestehen, mehr noch in seinem kantoralcn, als im konnvsitorischen W'rken. Das zeigte sich am deutlichsten an du Saat, die er gesät: an der Kantoren-Generation, die sich an ihm und bei ihm heranbildetc. Sie ahmte dem Meiste: - nach, wie er sich räuspert und spuckt. (Zu weiterem lanzu j es in der Regel nicht.) Ich kannte in meiner Kindheit eine j ganze Reihe Kantoren in Oesterreich und Ungarn, hiecchrc j und rechte polnische Chasonim waren, aber auf dem Hini terhaupt unbedingt reiche Locken tragen mußten (die jeder? Freitag sorgfältig gebrannt wurden) und so „modernisierr' i am Freitagabend ihr „El chaj w'kajjom" unbedingt nach J Sulzer's Rezitativ, und — Gott behüte! — nicht nach de:! Tradition sangen. Ansonsten ging's aber im Gottesdienst mit den kühnsten Koloraturen auf und nieder, Schnörkel \ über Schnörlel ergossen sich auf den entsetzten Zuhörer. - Das große Verdienst, Sulzers kantoralen Stil erschüp ] tert zu Haber., gebührt seinem Nachfolger, Joseph © in*') ger; sein großer Fehler war es, jenem Stil künstlerisch j Gleichwertiges nicht entgegenstellen zu können. (Das wäre i das Los jedes Nachfolgers gewesen, — nach Bismarck konnte! nur ein schwacher Kanzler kommen.) Tie Folgen in Wicn j waren, in zwangläufiger Steigerung, allmählich: Uneinhci:- i lichkeit, Verwirrung, Verwilderung des Stils und schlich-! lich: völlige Stillosigkeit. (So war es bis vor etwa fnn»- i zehn Jahren, seit jener Zeit fehlt mir die persönliche Wahrj nehmung.) Eines ist sicher: käme Sulzer heute nach Wien, j er würde trotz seiner bezwingenden Persönlichkeit, seiner j herrlichen Stimme — die Lenau die „wahrscheinlich schönste j Deutschlands" nannte — heute in Wien nicht zum Kants: gewählt (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Breslauer Synagogen-Eefänge, in Musik gesetzt für Solo Chor, mit und ohne Begleitung der Orgel, 1880. von weiland Oberkantor MoritzDeutschs. A. (1818—1892).' In H. Auslage erschienen 1926. Nachdem die im Jahre 1880 im Leipziger Verlag von Breitköpf & Härtel erschienene 1. Auflage der „Breslauer Syr« agogen-Gefänge" von MoritzDeutsch, dem unvergch lichen Breslauer Oberkantor, zu Ende des vorigen Jahrhundert vergriffen war, hatte es lange den Anschein, als ob neben dn Werken von Lewandowski etwas anderes ernstlich nicht mehr» Betracht kommen solle. Aus dieser durch nichts gerechtfertigt' Erwägung heraus ist viel wertvolles in den Hintergrund jp treten und der Vergessenheit anheimgesallen. Um so verdienst voller und anerkennenswerter ist es, wenn der pietätvolle Torr eines längst verstorbenen Meisters, wenn Herr Geheimer Justiz rat Deutsch in Berlin es unternommen hat, einem wird lich längst gefühlten Bedürfnis entgegenzukommen und die vor seinem Vater komponierten „Breslauer Synagogen-Gesänge" i» einer Neuauflage wieder herauszugeben. Wir begrüßen der damit unternommenen Schritt, weil wir wißen, daß er da;r beitragen wird, die Fundgrube einer guten jüdischen Musik ins ein wesentliches zu bereichern. Wir empfehlen den Kollege' wie auch den Gemeinden die Anschaffung des ausgezeichneter Werkes, das von Herrn Geh. Justizrat Deutsch, Berli»« Schmargendorf, Oberste. 38, zu dem mäßigen Preise wt *M. 11.— zu beziehen ist. fl. t Kollegen, werbt für die Verbreitung der „Zubischen 5chulzeitung'1 probenummern in beschränkter Zahl stehen bei der Schristleitnng zur Verfügung.