Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 5 (15.5.1926)
- Date
- 1926-05-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 geneigt wäre, den einen oder andern Propheten damit zu belasten. Religiöse Andacht und Erbauung must erzeugt werden, und sie.kann-. erzeugt werden bei zielbewnßter Vermählung von ,-Religion und Kunst". „Religion und Kunst", das ist das kombinierte Ausdrucksmittel für die Zweiheit der Möglichkeiten, deren wir uns im gottesdienstlichen Leben bedienen, weil sie-allein die seelische Kraft und die Fähigkeit besitzen, die Harmonien des Daseins hcranszubilden, und uns Freund zu sein/in den Tagen der Freude und ein Trost in den Tagen des Leides. Das gedankliche System der „Religion" bringt - Naturgemäß eine unbestreitbare Einseitigkeit mit sich. Es . führt zwar in kühnem Schwung die (Gedanken hinauf bis in die Sphären religiöser Erkenntnis; Herz und Gemüt gehen aber vielfach leer bei ihm aus. Einseitig wäre aber auch die bloße Hinneigung zur „Kunst" als dominierendem Faktor; gedanklich und verstandcsmäßig würde ein solcher Gottesdienst versagen. Und so liegen zwei Fragen gleichmäßig nahe. Die eine davon würde lauten: „I n w e l ch c m B e r h ä ltni s steht das gedankliche S y st e m z u . dem G e s a m t b e g r i f f derReligio n?" —, Die andere: „Wie verhält sich die Religion zur K u n st?" „Religion und Kunst", das ist die große Lehre, die uns 'der siebente Tag des Passahsestes in seinem „Gesang Mosis am Meere" mit aus den Weg gibt. Der Frühling des Volkes fällt zusammen mit dem Frühling in der Natur; Völkerertösung und Frühlingserwachen werden zu identischen Begriffen. Und der „Dank für die Hinführung aus der Knechtschaft zur Freiheit" findet mit Begeisterung feinen Ausdruck > im Lied. Wie war das möglich? — Auf Grund welcher Voraussetzungen konnte Mose einen Masscngesang entfalten? — Doch nur aus dem Bewußtsein heraus, daß der Gesang in den Häusern Israels stets heimisch war, .daß Musik, Gesang und Tanz zu den ursprünglichen Gepflogenheiten des Volkes gehörten. Und so muß die Massenwirkung y am Meere, die für die Frauen von Mirjam, der Schwester Mosis, intoniert wurde, eine gewaltige gewesen sein, um ' Herr der Begeisterung zu werden, die jenen frohgewordenen Volksmafsen iunewohute. Wir sehen also, wie die musikalische Kunst damals schon lebendig war und fähig, reli- . giöse Stimmungen zu erzeugen. Wir sehen die musikalische ' Kunst in ihrer primitivsten Form, die wir zwar nicht kontrollieren können, die aber für das religiöse Gemüt jener unkontrollierbaren Zeiten des grauen Altertums von hoher Bedeutung gewesen sein muß. So begegnen wir der musikalischen Kunst in allen Jahrhunderten und Jahrtausenden im Leben der verschiedensten Kulturen und Völker, auch des Judentums, als religiösem Ausdrucksmittel, und wenn wir Epigonen au der Neige des zlveiten Millcniums christlicher Zeitrechnung mit unserem ganzen Denken, Empfinden, Fühlecc und Verstehen lediglich auf die musikalischen Er- V rungenschäften späterer Kunstepochen eingestellt sind, so liegt das einfach daran, daß wir die jüdische Musik aus den ganz frühen Zeiten des jüdischen Volkes gar nicht kennen, weil sie im Meere der Wandlungen in ihrem vollen Nummer 5 Umfang restlos verschwunden ist. Wenn wir aber uns vergegenwärtigen, was aus der musikalischen Kunst inzwischen geworden ist, wie sie es vermocht hat, sich unter dem Einfluß ihrer religiösen Bestimmung zur offenbarungsmäßigen Kundgebung zu entfalten, dann genügen im wesentlichen zwei Namen, die dem Begriff von „Religion und Kunst" in beinahe übermenschlicher Weise gerecht geworden sind. P a l e st r i n a und I o h. S e b. Bach, das sind die gottbegnadeten Männer, die frühzeitig es erkannt haben, was in musikalischer Beziehung religiöse Andacht und religiöse Erbauung bewirkt, und wenn wir für uns Juden auch den Anspruch erheben dürfen, stets teilgenommen zu haben an beu Errungenschaften der Zeit, dann müssen wir ehrlicherweise doch eingestehen, daß wir bis auf den heutigen Tag im Kampfe mit rückständigen Anschauungen, auch in religiös-musikalischen Dingen, die evolutionäre Tendenz des ’ Judentums immer noch nicht genügend gefördert haben. Seit Sulz er können zwar mit berechtigtem Stolz und mit hoher Befriedigung auch wir davon reden, große Männer unser eigen nennen zu dürfen, die auf dem Gebiete der jüdisch-musikalischen Kunst ganz Hervorragendes geleistet haben. Leider umgeben wir uns aber, — und das, ist eine durchaus betrübende Erscheinung — von Zeit zu Zeit innner noch gern mit einer chinesischen Mauer, indem wir im gottesdienstlichen Gesang jede Neuetung ablehnen und mit einer sittlichen Entrüstung nach Tradition verlangen, auch da, wo es eine wirkliche Tradition gar nicht gibt. Und dabei soll eine gesunde und gedeihliche Entwicklung der gottesdienstlichen Verhältnisse möglich sein? — Nie und nimmer! — Was aber auch immer in unseren Gotteshäusern im Dienste der Religion geschehen mag, was insbesondere geschehen mag in musikalischer Beziehung, das nulß von dem besten Willen und Können des Ausführenden überzeugend durchdrungen sein, das muß, wenn es religiöse Andacht und Erbauung auslösen soll, getragen fein von einer tief im Innern begründeten Notwendigkeit, die nach Maßgabe der Möglichkeiten von jedem Einzelnen das denkbar Beste aus sich selbst heraus verlangt. Wohlwollende Kritik wird dann leicht ertragen werden können; boshafte Menschen erledigen sich von selbst. Kantor, Chor und vielfach auch die Orgel, das sind die Träger der musikalischen Funktionen im jüdischen Gottesdienste, die Träger der religiös-musikalischen Kunst. Für sie alle gilt das Wort: h'J LNtt auf welchen Platz ihr auch hingestellt sein möget, vermeidet jegliche Halbheit; tretet nur an Aufgaben heran, die ihr kraft eurer Individualität zu meistern imstande seid; sorget dann aber auch dafür mit eurer ganzen Intelligenz und persönlichen Ehre, daß nichts Willkürliches und Geschmackloses, oder gar Häßliches im Gottesdienste sich ereigne, nichts, was dem Begriff von religiöser Musik und damit allen Zusammenhängen von „Religion und Kunst" zum Schaden' gereichen könnte. Dann wird man von Fall zu Fall das Bibelwort anwenden können: '»JHI NM "VLN TK , „Gesungen hat Mose und mit ihm-die Gemeinde Israels!" Jüdische Schulzeitung. Kollegen, werbt für die Verbreitung der „Zubischen Zchulzeitung"! probenummern in beschränkter Zahl stehen bei der Lchristleitung zur versiigung. maamamumtm