Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 3 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nurymer 3 1 ** 2. Jahrgang Monatsschrift für Pädagogik und Schulpolitik Herausgegebeü vom „Verbände der jüdischen Lehrervereine im Dentschen Reiche" Die „Jüdische Schiilzeitling" erscheint am 1ü. eines jcdenMonals und wird allen Diitiiliebcvix der dem „Perdand der jüdischen Lehrervereine im Dentschen Reiche" an^eschlvssenen Vereine kostenlos zugejicltt. — Post-BezugspreiS siir R i ch t Mitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 13. März 1NÄ8 Druck, Verlag und GeschnstSstelle: M. Lctzmann, Hamburg, AVC-Straße 5»7. Fernsprecher: Elbe 7NW, 7i>l l, Vulkan SC»h:5. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt- Magdeburg, für den Inseratenteil: E. LooS, Hamburg. Anzeigenpreis 40 <) für die ^gespaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser R u m m er: Die Förderung des Hebräischen für die häusliche und ässentliche Andacht, von Mar Lazarus, Lübbecke i. VS. Arbeitsschule, von Rabbiner Dr. PoSner, N'iel. Ansprachen bein«llgendgottesdicnsl <s). Lüge), von Rabbiner Dr. Gottschalk, Berl^ Vereinsberichte. Literarisches. Eingegangcne Biirtier. Die Förderung des Kebräischen für die häusliche und öffentliche Andacht. Ein Konferenzvortrag VON Max Lazarus, Lehrer, Lübbecke i. W. l. W a s ist uns der heb r ä i sch e Gottesdienst? Das Hebräische ist das Sprachgewand unseres Gottesdienstes und des Bibelwortes. Der hebräische synagogale Gottesdienst ist das Wahrzeichen unseres uralter! Bestandes, die unzerreißbare Kette des Bundes, der vom biblischen Palästina ans sich um unseren Namen schlingt aus dein ganzen Erdenrnnde. Ist auch die hebräische Sprache nicht mehr unsere Umgangssprache, bringen wir seine Opfer mehr dnr wie in der Borzeit Tagen unsere Väter im Tempel, so ist die Erinnerung daran in alt überkommenen Gebeten aufrecht erhalten, ebenso atmen die täglichen, sabbatlichen, festtäglichen und selbst die Fasttagspsalinen im Urtext Tempelgeist. Die nach und nach int Laufe der Zeiten verfaßten Gebete und die sich daran knüpfenden Sitten und Gebräuche versehen uns auf historischen Boden heiligster, erhabenster Bedeutung. Ter israelitische Gottesdienst, ob in synagogaler oder häuslicher Andacht, muß jeden, der ihn von beit eben kurz genannten Gesichtspunkten erfaßt und würdigt, mit frommen, reinen Gefühlen erfüllen und den Weg zum Gottsuchen finden lassen. Aus welcher Quelle hat aber zunächst das Kind zu schöpfen, daß es ein Gottsnchender durch den hebräischen Gottesdienst wird, da die Sprache seines Elternhauses und seiner Weltnmgebung doch eine ganz andere ist? Bei der Einschaltung zunächst sei auf ein 40 bis 50 Jahre altes Stück Welt in einer, größeren südwestdeutschen frommen Gemeinde hingewiesen, das einst ein Knabe aus Nimmcrwiedervergessen in sich ausgenommen hat. Das Stück Welt trat vor sein Seelenauge im Elternhanse, in Synagoge und Gemeinde und auf dem Friedhose. Er lernte die Lippen zu hebräischen Gebeten öffnen, weil der Vater täglich sich in tiefer Andacht zu Gott wandte — die Mutter hatte er früh verloren — weil er im Gottcshanse inmitten einer betenden und durch Gebet, Gemeindemib Chorgesang und Predigt oft tief ergriffenen großen Gemeinde weilte, den Nachkommen eines sehr frommen Geschlechts, das in den Kreuzzügen und anderen furchtbaren Zeiten die reinen Seelen als Märtyrer hingegeben hatte, ferner weil er außerhalb des Gottesdienstes in den meisten jüdischen Familien echt jüdisches Leben vorfand. Ter Knabe glaubte sich im Gottcshanse oft ans biblischen Boden versetzt, wenn der Borbcter ans der Tiefe des Herzens in alter Meisterschaft Wochentag, Sabbat und Festtag in seinem Gebetsvortrage heiligte und ebenst), wenn würdige fromme Greise rmpn Ptf Q^TP a.n vöiucb an Wochentagen und hohen Festtagen standen und in gleicher Weise, wenn die geistlichen Führer,'die Männer des Wissens, des Glaubens und des jüdischen Werkes ihre geist- -und gehaltvollen Reden hielten. Das war die Verkörperung des jüdischen und hebräischen Kultus, der Herz und Seele packte. Oft sah der Knabe Gemeindemitgliever in tiefer Rührung im Gebete, insbesondere Frauen, au i) einmal den Vorbeter an einem Wochentage bei der Stelle ND'IjI *n. IjNiT). Aber eins steht dem Knaben ganz besonders in Erinnerung: das Klagegeschrei der großen G:- meinde im Gotteshause beim Anblick des Sarges ihres in 'der Blüte des Lebens abbernfenen hochgeschätzten Rabbiners. Wer der Knabe war, dem diese Eindrücke geblieben sind, erübrigt sich wohl zu sagen. Es mag genug sein, mit der Einschaltung zunächst, die Quelle bezw. den heiligen Boden gekennzeichnet zu haben, ans dem unsere Jugend zu schövfen be;w. zu wandeln hat, daß in ihre unverdorbenen Seelen das Samenkorn der Lust und Liebe für unseren hebräischen Gebetkultus gel-egt würd. Gewiß wirdman mir mir Recht hier antworten: Der heilige Boden von anno dazumal ist allen entrückt. „Und fragst du nach den Riesen — —. nach den Großen, die noch Feuer und Flamme für den hebräischen synagogalen Kultus sind, du findest sie nicht mehr." Wenn dem so ist, wenn die letzten Jahrzehnte durch den alles überrennenden, zersetzenden Zeitgeist das beiseite geworfen, was wir als hohe Knltnrwerte Jahrtausende gehütet und gewahrt, nun, dann bleibt nur noch das eine übrig, nämlich die Wegvorzeichnung des Hillel: „An einem Orte, wo keine Männer sind, bestrebe du dich, israelitischer Lehrer, der Mann zw sein, der Mann, der nie versagen darf weder durch den Ansturm des Zeitgeistes, der Ueber und Verbildung, noch durch äußere Stürme, namentlich durch unwürdige Einschätzung unseres Standes und unserer Berufsarbeit. Bestrebe du dich, der Mann zu sein, der den Herzensboden des jüdischen Kindes bearbeitet, die hebräische Saat aufzunehmen. Rabbiner und Lehrer, wir alle streben 'nicht dahin, die hebräische Sprache zur lebendigen Umgangssprache zu machen, sondern als Gebet- und Gottesdienstsvrache zu erhalten und zu fördern. Tun wir das mit pädagogischem Geschick und aus altjüdischcr Seele, dann lebt das Hebräische wieder ans, dann wird es die lebende Sprache des Gebets, der Erbauung und des religiösen Impulses. *