Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 2 (15.11.1925)
- Date
- 1925-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite,6 Jüdische Schnlzeitung. Nummer :2 nicht spurlos vorübergegangerr ist, hat sich endlich die Erkemltins Bahn gebrochen, wieviel der jüdische Lehrer als Repräsentanr 'der"' jüdischen 9keligion, als geistiger Führer und Erhalter der jüdischen Gemeinschaft bedeutet. Für -diese hohe unb wichtige Aufgabe ihn gründlich vorzubereiten, ist unumgängliches Bedürfnis. Das Ansehen des Jndentums innerhalb der Gemeinde selbst, das Ansehen des Judentums und der Jndenheit nach außen, leidet, werm der Repräsentant mit den Mängeln der schon erwähnten unzureichenden Ausbildung behaftet ist..— Wir tagen hier in der Metropole Westdeutschlands, in'.Mn, innerhalb einer jüdischen Gemeinde, mit regem geistigen Leben. Biele voll Ihnen berühr-' ten ans dem Reisewege rheinisch-tvestfälische Städte, in deren Mauern sich blühende jüdische Gemeinden entwickelt haben: Dortmund, Bochum, Essen, Hagen, Duisburg und wie sie alle heißen mögen. Wer waren die Männer, denen jene Gemeinden ihren Aufschwung verdanken? Sic alle kennen die Namen Blnmenfeld, Lanpheim, Fröhlich, Blnmenan, Rothschild, Steinweg, Ostwald, R'ansenberg, Baum, Liepmannssohn n. v. a. Das waren Lehrer, B o l k s s ch n l l e h r e r mit bedeutendem religiösem Wissen, Mänrrer mit gediegener gründlicher pädagogischer ititb Allgemeinbildung, geistige Führer der Gemeinde, tvüvdige Vertreter nrrd Repräsentanten 'der jüdischen Religionsgemeinschaft der Außenwelt gegenüber. Welchem Lehrer schlägt das Herz nicht höher, lvenll er in Essen durch die Straße geht, die die Stadt zum Andenken an das segensreiche Wirken Blnmenfelds „Blumen- - fcldstraße" genannt hat! „Aufwärts" und „Vorwärts" war die Devise dieser Gemeindeführer. Und welche Perspektiven eröffnen sich nus heute? Hute, wo es mehr denn je notwendig ist, Führerpersönlichkeiten heranzubilden, die die Kraft und die Fähigkeit und die innere Freiheit besitzen, das durch die Kriegs- und Nachkriegszeit zerschlagen am Boden liegende geistige Leben der jüdischen Gemeinden wieder anfzurichten, in einer solchen Zeit geht die größte jüdische Gemeinde dazu über, einen Lehrertyp zu schaffen, „über den", wie Steinhardt sehr richtig schrieb, „sich einst die jüdische höhere Schuljugend lustig machen wird", Lehrer, in denen infolge ihrer mangelnden Ausbildung unb infolge ihrer materiellen Abhängigkeit eine untenvürfige, knechtische Gesinnung gezüchtet wird. Wir Lehrer protestieren ganz entschieden gegen diese Art von sogenannter Lehrerbildung, durch die Lehrer 2. Klasse herangebildet werden. ° Lehrer, deren Bildung nicht nur nicht gleichartig, sondern der allgemeinen Lehrerbildung auch nicht g l e i ch wertig ist und auch uictjt sein kann. Der sür die geplante >lleligionsIrbrer.Akade>nie anfgestellte Stossplan ist nänllich derart umfangreich, daß das Studium der Pädagogik, Psychologie und Methodik selbst beim besten Willen unbedingt zu kurz kommen muß. Mail bedenke, daß in der Pädagogischen Akademie allein für Pädagogik, Psychologie, Methodik und praktische Übungen ein zweijähriges Studium verlangt wird. Wie kann man dann noch von einer Gleichwertigkeit sprechen, selbst wenn man einige methodische Disziplinen weglassen würde! Oder denkt man die Gleichwertigkeit erreicht zu haben, wenn Pädagogik usw. im Leitfadenstil gelehrt und gelernt wird? Mir,, 'der Verband, dürfen nie und nimmer die Einwilligung zu Maßnahmen geben, durch welche das geistige Niveau, des Lehrerstandes 'herabgedrückt wird. Wird der Berliner Beschluß tatsächlich dnrchgeführt, dann wird dadurch die Einheitlichkeit des jüdischen Lehrerstandes zerschlagen. Dann haben wir zwei Typen von Lehrern: Den Vvlksschnllehrer und den, der weder Rabbiner noch Lehrer ist, und der infolge feiner Abseitsbildnng dazu verurteilt ist, Neligionslehrer und Kultusbeamter zu fein und zu bleiben. War schon die bisherige Lehrerbildung eine Abseitsbildung, dann ist aber die ge- - plante Religionslehrerbildnng eine Abseitsbilonng pw: excellence. Denn welche Perspektiven eröffnen sich ihm? E: i sieht sich in eine Sackgasse gedrängt. Während es den, bis- . herigen Vvlksschnllehrer trotz seiner Abseitsbil.dnng immerhin noch möglich war, in seinem Berufe wenigstens noch einige Sprossen zu steigen, ist dem so unzureichend ansgebildeten Religivnslehrcr jeder berufliche Aufstieg genonimer . Er wird nie als B o l l l e h r e r angesehen werden, kann n i e Anstellung an einer Volksschule finden, sei es eine jüsii'cke Volksschule, eine Simnltanschnle oder eine weltliche Schul.', haben wir doch Fälle, daß jüdische Lehrer, auch Religionslehrer, als festangestellte Lehrer, und Leiter in eine weltliche Schule eingetreten sind. Er wird nie als Lehrer an einer Erziehungsanstalt wie Beelitz und Repzln nsw. Anstellung finden können. Der voll ansgebildete jüdische Vvlksschnllehrer kann wohl auch Neligionslehrer^ Prediger, Vorbetcr sein, aber umgekehrt wird der halbansgebildete jüdische Religionslehrer nienrals das Amt eines Volksfchnllehrers übernehmen können. Es ist doch eigenartig, daß wir hier als Verband jüdischer Lehrcrvereine uns über die Frage der Neuorditung der Lehrerbildung unterhalten, die nach einer solchen Richtung hin beabsichtigt ist, durch welche wir selbst uns den Boden unter den Füßen abgraben und die Axt an die Wurzel unseres Verbandes legen. Haben Sie jemals gehört, daß ans den Tagungen der Rabbiner die Frage erörtert wnr)e, halb ansgebildete Rabbiner zu schaffen aus Gründen, )ie ganz außerhalb des Anfgabenkreifes eines Standes lieg:«, ja, die den Zielen und Aufgaben eines Standes strikt zuwider laufen? In -dem kleinsten Hunsrück- und Eveldörfchen, in Hinterpommeru finden wir christliche Geistliche mit Universitätsbildnng. Ist denn in einer kleinen jüdischen Gemeinde der Religionsunterricht von geringerer Bedeutung, ist beim die jüdische Klein- und Mittelgemeinde überhaupt weniger wertvoll für den Bestand und' für die Erhaltung des Judentums, daß sie sich nun begnügen soll mit geistigen Führern, die sie nicht zur geistigen Höhe hinaufführen können? — ' Der Verband -muß den strengsten Mnßstab an die An - lvärter des Lehrerberufes hinsichtlich des Bildungsganges legen. W i r d ü r f e n unsere Hand nicht dazu bieten, Lehrer zweiten Grndes zu schaffen, auch nicht Gemeinden zweiter Klasse. Oder gehört e szum AnfgabeNkreis des Verbandes, den Gemeinden billige Lehrer zu verschaffen? Denn darauf läuft doch letzten Endes-die geplante Pressemaßnabwe, unzureichend ansgebildete Lehrer zu schaffen, hinaus. Glauben aber die Befürworter der Kurse zur Ausbildung^ fogenannter Neligionslehrer, schlechter ansgebildete Lehrkräfte seien deshalb zu wünschen, weil sie mit schlechterer Bezahlung zufrieden sein müssen, um so den Gemeinden die Anstellung von Religivnslehrern zu erleichtern, so fürchte ich, daß sich ein solcher Standpunkt bitter rächen wird, weil der Rel-igionslehrerstand die Domäne mittelmäßiger und minderwertiger Elemente werden muß. Uns geht es gar nichts an, wie die Gemeinden die Mittel zur Lehrern besoldung beschaffen. Darüber kann sich der Landesverband den Kopf zerbrechen. Wir haben bezüglich der Lehrerbildung grundsätzliche Forderungen aufzustellen, die ans eine Hebung -des geistigen Niveaus des Lehrerstandes abzielen. Wir fordern von dem jüdischen Lehrer dieselbe pädagogische und wisienfchaftliche Vorbildung, die der nichtjüdische Kollege genießt, wir müssen das verlangen; denn erst dann Haber wir das Recht, auch dieselbe (Gehaltsstufe, dieselben An stell»ngs- und Versorgungsrechte zu fordern. — In der letzten Zeit tauchte hier und da in Zeitungs