Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 2 (15.11.1925)
- Date
- 1925-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nrrmmer 2!♦ Jahrgang Monatsschrift für Pädagogik und Schulpolitik Heransgcgeben vom „Verbände der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" Monatsschrift für Pädagogik und Schulpolitik Die „Jiidische Schulzeitum!" erscheint am 15.?! eittesjedenMonalsiindwirdalleilMitgliedern si der dem „Verband der jüdischen Lehrei vereine j im Deutschen Reiche" aiuieschlesseneu Vereine ,s kostenlos znnestellt. - Post-BczuaSprciS siir ji di i ch t Mitglieder: Mk. 1.2t» pro Quartal, js Hamburg, 15. November 1025 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Letzmann, Hamburg, ABE-Stratze 57. Fernsprecher: Elbe 7910, 7011, Vnlkan H(i83. Verantwortlich für den redaktionellen. Teil: M. Steinhardt- Magdeburg- für den Inseratenteil: E. L o o s, Hamburg. Anzeigenpreis 49 für die b'gcfpaltene Aonpareille'-jeile I n h a l t d i e s er R n m m e r: Erziehung zum Deutschtum,'von Rektor Dr. Spanier, Berlin. Die dieuordnung der Lehrerbildung, von Lehrer W. Bnchheim, Essen. Ansprachen beim Jugendgottcsdienst (2. Umgang), von Rabbiner Dr. G o t t s ch all, Berlin. BereinSbericht. Literarisches. Eingegangene Bücher. „Erziehung zum Deutschtum." Bon Dr. M. Spanier, Berlin. Wenn man älter geworden ist, hat mau schon Deutschtum mancherlei Art erlebt. Ein Bild ans meiner frühen Jugend wird wach. Au warmen Sommeräbenden saßen meine Eltern aus einer Bank vor der Tür mit den Nachbarsleuteu, der Familie eines Ackerbauers. Wir Kinder f)örteu zu, weim meine Mutter und mein Vater, der sein Handwerk in Hannover gelernt hatte, vom Hvftheater erzählte, vvlt Devrient ltnd den andern.Grüßen, von den herrlichen Ausführungen von Schillers Räubern, Kabale uiib Liebe n. a. Zuweilen auch spielten wir mit den andern in der Nähe, und es hat die Freitudschaft nienials gestört, ja, itnserer Unterhaltung manchen neuen Reiz gegeben, daß -die Nachbarskinder in die christliche und wir in die jüdische Schule gingen. Im Winter vereinigte uns ein Leseabend der beiden Familien, all dem die Größereil voll uns aus guten Büchern vorlasen. Ich mllß oft daran denken, mit welchem Feingefühl diese ciilsachen Leute Rücksicht nahmen ans die religiöse Stettnllg ulld Hebung der andern. Die Nachbarstochter, eine Jugendfreundin alls jenen Tagen, die seit 40 Jahren in Süd- Amerika lebt, frischt diese Erinnerung in einem Briefe gerade eben aus. Ulld als 1871 die Soldaten ln das kleine hannoversche Städtchen siegbcglückt heimziehen sollten, verzierten wir jüdischen Kinder genleinsam mit den christlichen durch unsere.Bllllnellkränze die hohe voll uns allen bewunderte Ehivnpforte. So hatte die deutsche Bildllligsnrbeit uird das Miterleben deutschen Schicksals uns in eincnl Dentschtilm geeint, das unverlierbar unsern Herzen bleibt. Wer heute einen Blick in manche Straße einer Großstadt wirft, nimmt Spuren eines Deutschtlllns wahr, das wesentlich anders ist und jedenfalls kulturell tiefer steht. Es ist llicht ilötig, darüber gen all er zu redeit; wir alle erleben es schaudernd mit. Gegenüber solchen Erfahrungen legt man sich manchmal die Frage vor: wer ist deutsch, oder gar: bist Du noch Deutscher moderner Prägung. Wer sich mit einer Antwort nicht begnügen will, wie sie häufig mit oberflächlicheil Redensarten, mit geschwollenen Phrasen, mit eitlen Phantasien gegeben wird, der greise zu einem Buche von Hermann Schneider, Erziehung znm Deutschtum.*) Jeder Deutsche, *) Erziehung zum Deutschtum von Hermann Schneider. Professor der Philosophie und Pädagogik an der Universität Leipzig. Ferdinand Hirt, Breslau, 1925. der an sich arbeiten will, — und man muß wüllschen, daß der Kreis solcher Strebenden nicht gar zu beschränkt ist — müßte dieses ausgezeichnete Buch lesen. Es ist nicht voll blendender Antithesen, blinkender Geistreichigkeit, mystischen Phasenschwnlstes, und man kann daher Voraussagen, daß )as Buch leider llicht so verbreitet werden wird wie gewisse neuzeitliche Bücher, die durch bm Neiz grotesker Unwissenschastlichkeit und abenteuerlicher Phantastik — um keinen schärfereil Ansdruck zu gebrauchen — verlocken. Man denke au „Die Entdeckung des Paradieses" und „Die Weifen von Zion". . Mall spürt in dieseirr Buche unter der Eisdecke einer klaren kühlen Betrachtungsweise die innere Wärme einer echten Leidenschaft. Es ist in einem schlichten schönen Stil forschender Sachlichkeit geschrieben. Mit Recht sind überflüssige Fremdwörter geniieden, ohne daß durch unbeholfene Umdenlschnng eines gangbaren Wortes der Fluß der Tarstellnng unliebsam gestört wird. Dentschsein heißt hier eigentlich deutsch werden. Nicht als ob ein Ideal in den fernen Himmel der Unerreichbarkeit gestellt würde, Ideal ist hier nicht Gedankenbild oder Wunschziel, sondern Hochziel der Erfüllbarkeit. Dieses Ziel ergibt sich ans den Klassikern deutscher Kultur, ans der Vertiefung in das Schrifttum Goethes, Schillers, Kants und Fich.;s. Dieses Ideal einer humanen und sozialen Anschauung cd ölt seine eigne Ausgestaltung durch die Bedingtheit der zeirl'^ien und örtlichcm Entwicklung des deutschen Bvlkes, aus der Mt* schichte seiner Staatlichkeit, ans seiner Stämme Rasseei/cntümlichkeit, die man hier einmal mit einer hentzmage seltenen Sachlichkeit zu ergründen versucht wird. In scharfem Gegensaß hierzrl wird der englische Liberalismus, der sich ans Selbstsucht gründet, die nur ans. Selbstsucht beschränk! wird, nach dem die Welt als Kampfplatz, gemildert als Sportplatz, erscheint, der sranzösisclje Nationalismus und die russische „Religiosität" in historischer Beleuchtung aufhellend charakterisiert. Die Darstellung mündet in die Forderung einer deutschen Schule, die ganz nach den Zielen Pestalozzis und insbesondere Fichtes anfgebaut wird. ' Es gilt die Erziehung zur Staats- und Volksgemeinschaft.r Jeder muß befähigt werden, sich im Leben ansznkennen, zu erhalten und zu erheben, und die bestimmte Richtung gewinnen, dem Volk und Staat zn dienen wie und womit er irgend kann; auch die Sonderbildung zu einem bestimmten Beruf nach Anlage und Bedarf regelt der Staat und gibt die Möglichkeit, sich weiterznbilden. (Gegenüber moderner Ueberorganisiernng wird hier das Bild einer wirklichen Einheits-; schule entworfen, die eine „allgemeine Bildung" für alle gleichmäßig gibt, nur in bestimmter Richtung durch Fachschulen ergänzt. Ans der Fülle bemerkenswerter Einzelheiten seien aus' diesem Kapitel nur einige angeführt: (Einseitigkeit in dev Verwirklichung des Arbeitsschul-.'