Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 410 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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über die Heilung ein Wort sagen. Daß ich die Anfälle kupieren kann, ist wahr. Für dieses „Können46 habe ich einen Preis bezahlen müssen. Ich bin nämlich im Kampf gegen meine Krankheit nur durch mein „Unterliegen" Sieger geworden. Wie das zu verstehen ist, konnte unmöglich in der Vorgeschichte aufgesucht und dargestellt werden. Bis hierher leitete mich die Frage: Was hat mir die Krankheit angetan? Jetzt, beim Wiedererzählen, gehe ich der Fragenach: Was ist aus mir heraus geschehen? In dem Satz der Vorgeschichte: „Oder ich meinte irgendeinen Zusammenhang mit der Ernährung, . . . usw. erkennen und verwerten zu können", war ich im Begriff, aus dem „etc." noch namentlich herauszunehmen und anzuführen die Formel „Freud und Leid". Sie widersetzte sich aber. Ich mußte sie fallen lassen. Dies verhält sich so: Es ist wahr, daß ich mit Vorliebe in freudigen, zufriedenen Stimmungen überfallen wurde, daß mich meine Krankheit ganz besonders häufig hier ereilte und w egholte. Nie aber hat sie mich aus der Trauer, aus dem Leid und aus dem Schmerz herausgenommen. Im Gegenteil. Schmerz und Leid vermochten es, mich aus dem Anfall herauszuholen. Ich erinnere mich nur an zwei Fälle vor 1918, wo der Anfall kupiert wurde. Der erste war im Frühjahr 1912. Ich war Unterassistent in einem kleinen Krankenhaus des Appenzellerlandes. Es war zur Mittagszeit. Ich lag in einem schweren Anfall zu Bett. Da kam plötzlich die Order vom Chefarzt, mich schleunigst aufzumachen. Im Nachbarort lag eine Frau in den Wehen. Narkose und Zangengeburt. Ich hatte das noch nie miterlebt. Ich mußte die Narkose überwachen und hatte Angst für die Frau. Es ging aber, glaub' ich, alles gut. Mir selbst jedoch geschah etwas Unerhörtes, noch nie Dagewesenes. An diesem Krankenbett löste sich mein Anfall unmerklich auf. Keine Kopfschmerzen und keine Übelkeit mehr. Für mich ein vollkommenes Wunder! Das andere Erlebnis fällt in den Herbst 1917. Ich war damals in einer letzten und sehr kurzen Behandlung bei einem befreundeten Nervenarzt, der seine Patienten mit einer sehr radikalen Methode anzupacken pflegte. Es w ar an einem Morgen. Ich gehe zum Telephon und melde mich bei ihm krank: „Ich kann jetzt nicht kommen, ich habe die Migräne." Er: „Das ist mir doch ganz wurscht! Was fällt dir ein? Mach, daß du herkommst! Tot oder lebendig!" Telephon angehängt. Ich mußte gehorchen und machte 410