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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 4 · p. Seite 372

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 4
Date
1929-01-01
Page
Seite 372 (sequence 1)
Language
German
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DOLF STERNBERGER CHARLIE CHAPLIN, DER IDIOT, DON QUIJOTE Versuch über die komische Existenz Charlie Chaplin Jedermann, der den ,,Goldrausch" gesehen hat, wird sich der Szene erinnern, da Charlie zum ersten Male die Schenke der Goldgräberstadt betritt. Man sieht ihn von hinten. Er bewegt sich langsam durch ein Gewühl von Rücken und Hüten. Niemand sieht ihn an, er selbst weiß von niemandem, wünscht von niemandem etwas. Dies ist der Anfangspunkt von Charlies Dasein. Eigentlich ein völliges Nichts. Nicht einmal Einsamkeit ist es zu nennen. Allenfalls eine Einsamkeit ohne Gefühl von sich selbst, ohne Melancholie, ohne Sehnsucht, ohne Innerlichkeit. Die Einsamkeit eines Punkts. Pures Dasein. Wie ein Neugebornes nur da ist, und nicht einmal so, denn das Neugeborne ist schon etwas, will schon etwas, hat schon Substanz, zum wenigsten die des Triebs zur Nahrung. Charlie ist überhaupt nichts, weder ein Besitzender, noch ein Wünschender, weder ein Liebender noch ein Hassender, sein Ich hat keinerlei Umfang, weder durch Vergangenheit, die er mit sich trüge, noch durch Zukunft, die man ihm zutrauen könnte. Er ist nicht einmal erstaunt, sich vorzufinden unter anderen in der Welt. Ist unberührt sowohl von der Betrübtheit darüber, „sinnlos" dazusein, als auch von der vitalen Freude, sich ausdehnen zu können, zu „leben". Diese Punktualität seines Daseins ist die Quelle aller Merkwürdigkeiten darin, seiner Komik wie seiner Tragik. Wir sind der Uberzeugung, daß dies nicht Chaplins Privatangelegenheit ist, daß damit nicht etwa bloß eine spezifische Beschaffenheit gerade dieses Menschen benannt ist, — wir glauben, daß Charlie Chaplins Filme eine einzigartige Deutung des Daseins überhaupt sind, eine tiefe und sichere Konkretion des Existierens, sichtbar gemacht im Medium unserer modernen Welt. Obwohl nun ein guter Teil der Wirkung Chaplins auf das Publikum aus dessen Vertrautheit mit seiner Gestalt, seinen Attributen und seinen Gesten entspringen mag, so müssen wir dennoch mit großer Entschiedenheit sagen: Die Tiefe seiner Komik nimmt ihren Anfang nicht von dieser Gestalt, von den Merkmalen dieser Person, die als solche fertig in eine Welt hineinträte und, überall unzulänglich, dennoch niemals tragisch

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