Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 338 (sequence 89)
- Language
- German
- Belongs to
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Asien auf verwandte Ideen eines europäischen Kreises empfunden habe, stellt in meinen Augen eine Gipfelhöhe des politischen Menschen dar. Was sich hier ausspricht, ist die Ahnung einer Uberwindung der politischen Entartung, die sich im modernen Staatszentralismus Politik nennt, von der Politik selber aus; es ist der Wille zum legitimen Aufbau eines echten Gemeinwesens, das den Staatsapparat auf das technisch notwendige Minimum reduziert. Anfang Februar 1924 wurde der kranke Gandhi aus dem Gefängnis entlassen. Im Mai erklärte er sich öffentlich gegen das erste der drei Postulate von Das, das des Obstruktion eilen Parlamentarismus, im Juli gegen das zweite, das einer asiatischen Föderation, zu gleicher Zeit gegen das dritte, gegen das innere Programm. Gegen dieses äußerte er, Svaraj sei nichts anderes als jene Verfassung Indiens, die das Volk in einem gegebenen Augenblick verlangen würde. Das ist eine rein politische, demokratiepolitische Äußerung, die mir aber an politischem Substanzgehalt und an politischer Autochthonie weit ärmer erscheint als Das' fundamental-revolutionäre Idee. Im November schloß Gandhi das bekannte Kompromiß mit den von Das geführten Svarajisten, das einen persönlichen, aber keinen sachlichen Sieg Gandhis bedeutete. Im Juni des folgenden Jahres starb Das. An eine Weiterbildung und Ausführung seines Programms ist seither nicht gedacht worden. Uber den taktischen Gegensatz kann ich nicht urteilen. Das' asiatischer Gedanke ist von unverkennbarer politischer Größe. Ich habe schon gesagt, daß die Gefahren beider für die Sache der Gewaltlosigkeit nicht zu übersehen sind; damit ist immerhin auch von dieser Sache aus nicht grundsätzlich gegen sie entschieden. Aber, was uns hier angeht, ist das konstruktive Postulat. Gandhi strebt ja nicht ein beliebiges freies Indien an, sondern eine in Wahrheit indische Gesellschaft, in der das in Einzelseelen, Lehren, heiligen Büchern zu erahnende Volkswesen seinen Leib gewinnt. Eine solche kann sich aber nicht aus einem amorphen, nur eben staatlich umfaßten Haufen von Einzelpersonen aufbauen, sondern nur aus natürlich gegliederten, mit einer so weit als möglich reichenden Autonomie ausgestatteten kleinen und größeren Gemeinschaften, in denen nicht mehr das von aller menschlichen Wirklichkeit absehende Unwesen waltet, das heute als 338