Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 330 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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auf den Nachbarbergen schauten herüber. Auch ihre Steine möchten sich in Terrassen aufschichten lassen und die Erdkrume halten, damit Gras und Blume und Korn wüchse. Es hieß, die Bauern, die dort graben und pflügen und säen und schon ernten, seien Atheisten und Kommunisten. Nicht alle, die aus dem Westen gekommen sind, um die alte Heimat im Osten wiederzufinden, sondern die, deren Siedlung wir an jenem Tage sahen. Und es hieß, daß selbst ihre gläubigen Volksgenossen Gedanken haben über sie, daß nicht der Glaube der Väter und nicht das Gesetz der Väter in ihnen sei. Ich sah aber Gras und Blume und Korn und Baum unter ihren Händen wachsen und sah, daß der Schöpfer des Himmels und der Erde unter ihnen ging und in ihren Händen wirkte. Der Atheismus ist ein Wüstenstrich auf der Erdkugel des Glaubens, und man kann von ihm dasselbe sagen wie von der Wüste. Er ist so wenig ohne Gott oder wider Gott wie die Wüste. Er ist nur öde und frei von den Dingen, auf die wir lieber vertrauen als auf Gott selbst, von der Nennung Gottes und von jeglichem theologischen Begriff und von jeglichem Kult, der allzuleicht eine Selbsttäuschung sein kann, indem er Gott als gegenwärtig darstellt, wo er fern, ganz fern ist. Je ernster dem Atheisten sein Atheismus ist, desto mehr prägt sich auf seinem Antlitz die Ähnlichkeit mit einem tiefreligiösen, gottgebundenen und gottvollen Menschen aus. Gottes Werke gedeihen in seiner Hand; er pflügt die Äcker und liebt die Brüder; Witwen und Waisen ist er ein Beschützer. Und in seinem Nachruf heißt es: Er war ein Atheist, aber er hat gehandelt wie ein Christ (oder, noch weniger pharisäisch: wie ein Christ handeln sollte). So sah ich die Wüste und sah auch etwas von dem Kampfe um die Wüste. Die Araber beginnen sich zu wehren, daß das Land, das sie seit vielen Jahrhunderten ihr Land nennen, von dem Volke, das in dem weiten Bogen der Gottesführung nun zurückzukehren scheint aus der Fremde in die Heimat, zu Fruchtland umgewandelt wird; sie lieben die Besiedlung nicht; sie fürchten, daß sich auch jene Mächte ansiedeln, die im Abendlande die Menschen quälen und unfrei machen. So wie sich die Atheisten wehren gegen die Versuchungen des Theismus und wie sich einst das Christentum, das auch als „Atheismus" verfolgt wurde, wehrte gegen die des Polytheismus und des Tempelkultes. Die Wüste muß sich wehren, bis die Stunde der Erfüllung kommt. Und nur wer die Erfüllung bringt, darf kommen und sie aufheben und verwandeln. 330