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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 320

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 3
Date
1929-01-01
Page
Seite 320 (sequence 71)
Language
German
Belongs to
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6. Die Arbeit Wir hatten im Sommer einen sehr unterhaltsamen Besuch, zwei echte Kinder Berlins, und zwar des sogenannten alten Berlins, der Stadt der Lebenstüchtigkeit und der entzückenden Freude über ein sprühendes Wort, die von jedem Wort erst die graue Farbe abzieht, ehe sie es genießt oder zum Genuß darreicht, einer Stadt, die ja eigentlich auch mitten in einer Wüste groß geworden ist. Wenn diese ihre Kinder dabei gewesen wären, als Isaac der Syrer also zu mir sprach, hätten sie am Schlüsse der Rede sicherlich gesagt: „Du hast schön gesprochen, sprich weiter!" Was etwa heißt: „Es ist besser, du sprichst weiter, da bleibt uns die Kritik an der Wahrheit deiner schönen Rede erspart!" Allein ich hatte nicht eine solche Gabe, dem Ernst der Rede die Spitze abzubrechen, die zu einer Kritik anstachelt. Ich stieß mich vor allem an Isaacs Bemerkungen über die Arbeit und an seinem Lobpreis derer, die ihre Hände fern halten von Arbeit. Da kann ich eben offen gestanden nicht mit. Ich liebe die Arbeit; sie ist meine Freude und sogar mein Vergnügen; ich fürchte mich schier vor dem Himmel und natürlich noch viel mehr vor der Hölle, weil man mir noch nie gepredigt hat, daß es dort Arbeiten gebe, die meinen Anlagen entsprechen; ich erachte meine Lust zur Arbeit als das schönste Erbteil von meinen lieben Eltern, meinem Vater, dem Zimmermann, und meiner Mutter, der fleißigsten Weberin des ganzen Dorfes. Und in unserem ganzen Lande ist es so, daß solche Reden wie die von Isaac dem Syrer entweder lächerlich oder ärgerlich klingen müssen. Da sprach Isaac der Syrer, aber nicht mehr in der Form des geschriebenen und gedruckten W ortes: „Du hast selbst gesagt, Gott habe Wüsten schaffen müssen, um Fruchtland schaffen zu können. Wegen seines Gleichgewichtes! Deine Lust und dein doch auch aus Not kommender Drang zur Arbeit ist Fruchtland und wäre nicht, wenn die Wüste nicht wäre." Ich verstand ihn nicht sogleich. Da sagte er: „Ihr Deutschen freut euch eurer gewaltigen Industrie; ihr freut euch nicht mehr lange. Ihr konntet euch ihrer nur so lange freuen, als in weiten, weiten Ländern des Erdkreises noch keine Industrie war. Es ist gefährlich, die Wüste zum Fruchtland zu machen!" Und er fuhr fort: „Wenn du nur die Seligkeit der Arbeit kennst und etwa sagst, die Arbeit sei das einzige, wovon und wofür ein anständiger Mensch leben kann, was willst du dann den abertausend Arbeitslosen 320

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