Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 318 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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Und Isaac, der Syrer, sprach — und es war wieder wie ein Gesang. Wer aus der Wüste kommt oder in ihrer Nähe lebt, der redet nicht immer, wie andere Menschen reden; der singt! Sogar die Predigten der syrischen Kirchenväter sind als „Gedichte" überliefert; sie können kaum nachgesprochen werden, weil niemand das Geheimnis ihres Gesanges kennt; und wird das Nachsprechen versucht, so wirken sie langweilig wie die Umsetzung auch unserer schönsten deutschen Lieder in Prosa oder wie deren Erklärung auf unseren philologischen Gymnasien. Wer aus der Wüste kommt wie mein Isaac der Syrer, der singt. Wir wissen, wie liederreich Arabien war, als Muhammed den Islam predigte; wissen, daß Sängerkriege und Sängersiege damals Angelegenheiten des ganzen Landes waren; die arabische Wüste war umklungen von lauter Liedern, stärker als des Römerreichs Küsten und Grenzen von Waffengeklirr. Ich höre noch unseren Hadsch Fachri singen, den Mekkapilger von Jerusalem, wie er sang, als er unseren Wagen führte mitten durch die Wüsten von Palästina und Syrien. Und ich sehe noch das ganze Leben seiner blitzenden Augen, als er sang, wie ich diese Augen damals in dem Führerspiegel des Kraftwagens sehen konnte all die Zeit, da er sang. Und Isaac der Syrer sprach. — Es war aber eine Zeit, die ich nicht damit beschreiben kann, daß ich sage: Es war in der Mitte des fünften Jahrhunderts nach Christi Geburt. Ich glaube, die Zeit besser zu treffen, wenn ich sage, daß die Menschen damals in die Wüste gingen und in ihren Einsamkeiten neuen Mut und neues Leben suchten, wie heute die Menschen auf die höchsten Alpenberge steigen oder wenigstens in ihren Ferien eine Sommerfrische im Mittelgebirge aufsuchen — damals nannte man das neue Leben, das die Menschen suchen mußten, noch Gott. — Wir haben heute einen Papst, dessen Beliebtheit bei den modernen Menschen man dadurch zu steigern versuchte und vermochte, daß man erzählte, wie er in jüngeren Jahren die kühnsten Hochgebirgstouren und Bergbesteigungen wagte und wie ihn noch jetzt die Sehnsucht aus dem römischen Babvlon gar oft in die Berge trägt. Im vierten und fünften Jahrhundert, also in der Zeit Isaacs des Syrers pries man jene Männer groß und liebte sie, die von sich erzählen konnten, daß sie Großstadt und Universität verlassen hätten, um sich bei den „Vätern der Wüste", den Einsiedlern von Ägypten oder Syrien oder Mesopotamien für das Leben vorzubereiten. Es sprach also Isaac der Syrer: „Noch eine andere Tür will ich vor dir 318