Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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LUDWIG STRAUSS DER MENSCH UND DIE DICHTUNG 1 Kunstschaffen und Kunstempfangen gelten als so verteilt, daß das erste durchaus dem Künstler, das zweite durchaus dem Beschauer oder Hörer zufällt. Aktiv schlechthin, so wird gemeint, ist der erste, passiv schlechthin der zweite. Damit aber wird, wie ich glaube, an beidenWesentliches übersehen und der vermeintlich Passive um sein eigenstes Teil am erke betrogen, oft genug nicht nur theoretisch. Dem Problem in seiner allgemeinen Geltung soll hier nicht nachgegangen werden. Ich beschränke mich darauf, es in einer seiner Konkretionen zu betrachten, als Problem von der Beziehung des Menschen zur Dichtung. Nicht nur weiß ich davon Sichreres auszusagen als von den Nachbarproblemen der menschlichen Beziehungen zu Musik und bildender Kunst — das Problem ist hier auch besonders deutlich gestellt, vor allem, was den Anteil des Hörers am Werk angeht, und so mag seine Erhellung einer Klärung der Nachbarprobleme und des gemeinsamen Problems der Beziehungen zur Kunst überhaupt vorleuchten. Die Mythen vom Gott, der die Dichter begeistert, von der Muse, die den Gesang in ihnen weckt, von der Stimme, die sie inspiriert und deren Diktat sie folgen, sind längst durch unberechtigten Gebrauch, durch unkontrollierten Anspruch an Geltung so entwertet, daß man erst eine Scheu überwinden muß, ehe man sich ihnen wieder zuwendet und sie um ihr Wahres befragt. Ein Blick aber auf das Leben der großen Dichter, wie sie selber es bekannt haben, zeigt in dies Leben tausendfältig eingegraben die mvthischen Züge. Nicht solche Dichter allein, die mystizistischer Verkleidung, romantischer Vernebelung schlichten Geschehens verdächtigt werden können, auch die klaren und nüchternen wußten, daß sie nicht einfach etwas machten, sondern daß ihnen etwas geschah. Der Spott, der jene treffen soll, trifft diese mit. Die antiromantische Satire des beginnenden 19. Jahrhunderts höhnte, daß der Romantiker nicht sagen dürfe ..ich dichte", sondern nur: „ich werde gedichtet"; aber ihr Witz war schon in vollendeter Entsprechung vorweggenommen vom Ernst des klassizistischen Meisters, den auch der Kreis, aus dem die Satire kam, doch verehrte. Goethe bei der Beschreibung der Campagne 250