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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 100)
Language
German
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JOSEPH WITTIG „LASS DEN MOND AM HIMMEL STEHN!" Ich habe schon einmal davon erzählt, aber ich weiß nun noch mehr davon: Als der Herrgott vor drei Jahren so stark am Lenkseil meines Gefährtes griff, daß beinahe der ganze Wagen umgestürzt wäre und daß ich mich auf einmal auf einem ganz neuen, ganz ungewohnten Wege wiederfand, da mußte ich mich recht nach den Zeichen Gottes umsehen. Bis dahin war mein Leben seinen schier genau vorgeschriebenen Paß vorwärts gegangen: ich war geboren und getauft worden; ich hatte Zähne bekommen und zu reden angefangen; ich war geimpft worden und hatte auch die Masern bekommen; ich war in die Volksschule gegangen und hatte zur rechten Zeit die heiligen Sakramente der Buße und des Altars empfangen; ich hatte dann ziemlich viel studiert und war Priester und Doktor der heiligen Theologie geworden, nach und nach auch Kaplan, Kuratus (wenigstens stell vertretungsweise), Benefiziat an einer kurfürstlichen Kapelle — Pfarrer nicht; das hätte mir auch gerade noch gefehlt! Aber Universitätslehrer, zuerst also Privatdozent, dann außerordentlicher Professor, dann ordentlicher Professor. Und ich wäre auch ganz oder ziemlich sicher Kanonikus geworden, wenn nicht die Sache mit dem Gefährt gekommen wäre, und ich wäre dann einmal gestorben und sehr schön begraben worden; die Professoren und die Kanoniker hätten wieder darüber gestritten, ob an meinem Sarge eine Rede gehalten werden solle, denn ein Kanonikus wird ohne Rede begraben; es wird an seinem Grabe nur gebetet, daß es ihm in der Ewigkeit recht gut gehe, denn sein leergewordener Platz auf der Erde wird bald einem anderen gegeben; — ein Professor aber wird geradezu ins Grab geredet, wie es sich ja auch für diese Berufsart paßt, bei der man sich sein tägliches Brot mit dem Munde verdienen muß. Dann wäre ich vielleicht auch in den Himmel gekommen, wenn auch nicht so sicher, denn so sicher kommt man nicht in den Himmel. Das hat sich nun vor drei Jahren gründlich geändert. Der schöne Lebenslauf brach plötzlich ab. Ich hörte nur die Leute reden, was nun aus mir werden würde, ob ich oder ob ich oder ob ich . . . Da kam für mich die Zeit der wunderbaren Notwendigkeit, nach den Zeichen Gottes zu sehen. Ja damals war es, als wir in den benachbarten Wald gingen, um Beeren 236

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