Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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dessen organischer Arbeit, die das Erhaltenswerte erhält. Er fährt nicht, wie der Beobachter, das Gras als Grünfutter ein, er wendet's und läßt's von der Sonne bescheinen. Auf Züge paßt er nicht auf (,,Züge*\ sagt er, „führen irre"). Am Gegenstand ist ihm das erheblich, was nicht „Typus" und nicht „Ausdruck44 ist („Das Interessante44, sagt er, „ist nicht wichtig44). Alle großen Künstler sind Betrachter gewesen. Es gibt aber eine Wahrnehmung, die von entscheidend anderer Art ist. Dem Betrachter und dem Beobachter ist das gemeinsam, daß sie eine „Einstellung44 haben, eben den Wunsch, den vor unsern Augen lebenden Menschen wahrzunehmen; sodann, daß dieser für sie ein von ihnen -elber und ihrem persönlichen Leben abgetrennter Gegenstand ist, der eben nur deshalb „richtig44 wahrgenommen werden kann; daß somit das. was sie so erfahren, ob es nun wie beim Beobachter eine Summe von Zügen oder wie beim Betrachter eine Existenz ist, ihnen weder Tat abfordert noch Schicksal zufügt; daß das Ganze sich vielmehr in den abgeschiedenen Gefilden der Ästhesie begibt. Anders geht es zu, wenn mir, in einer aufgerührten oder sonstwie empfänglichen Stunde meines persönlichen Lebens, ein Mensch begegnet, au dem mir etwas, was ich gar nicht gegenständlich zu erfassen vermag, „etwas sagt44. Das heißt keineswegs: mir sagt, wie dieser Mensch sei, was in ihm vorgehe und dergleichen. Sondern: mir etwas sagt, mir etwas zuspricht, mir etwas in mein eigenes Leben hineinspricht. Das kann etwas über diesen Menschen sein, zum Beispiel, daß er mich braucht. Es kann aber auch etwas über mich sein. Der Mensch selber in seinem Verhalten zu mir hat mit diesem Sagen nichts zu schatten; er verhält sich nicht zu mir, er hat mich wohl gar nicht bemerkt. Nicht er sagt es mir, wie jener Einsame seinem Nachbarn auf der Bank schweigsam sein Geheimnis gestand: es sagt. Wer hier „sagen44 als Metapher versteht, versteht nicht. Die Phrase „das sagt mir nichts44 ist metaphorisch verschliflen; aber das Sagen, auf das ich hinzeige, ist wirkliche Sprache. Im Haus der Sprache sind viele Wohnungen, und das ist eine der innern. Die Wirkung dieses Gesagtbekommens ist eine völlig andere als die des Betrachtens und des Beobachtens. Ich kann den Menschen, an dem, durch den mir etwas gesagt worden ist, nicht abmalen, nicht erzählen, nicht beschreiben; versuchte ich es, wär's schon aus mit dem Gesagtsein. 209