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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 72)
Language
German
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Fragestellung Das Dialogische ist nicht auf den Verkehr der Menschen miteinander beschränkt: es ist. so hat es sich uns gezeigt, ein Verhalten der Menschen zueinander, das sich in ihrem Verkehr nur eben darstellt. Demnach scheint, mag auch Rede, mag auch Mitteilung zu entbehren sein, eins denn doch zum Mindestbestand des Dialogischen sinngemäß unablösbar zu gehören: die Gegenseitigkeit der inneren Handlung. Zwei Menschen, die dialogisch verbunden sind, müssen doch offenbar einander zugekehrt sein, sich also — gleichviel, mit welchem Maß von Aktivität oder gar von Aktivitätsbewußtsein — einander zugekehrt haben. Es ist gut. sich das so kraß formelhaft vorzurücken. Denn hinter der formulierenden Frage nach den Grenzen einer erörterten Kategorie birgt sich eine Frage, die alle Formeln zersprengt. Beobachten. Betrachten, Innewerden Es gilt drei Arten zu unterscheiden, auf die wir einen Menschen, der vor unsern Augen lebt (ich meine nicht ein Objekt der Wissenschaft, von der ich hier nicht rede), wahrzunehmen vermögen. Der Gegenstand unsrer Wahrnehmung braucht von uns, von unserm Dabeisein nichts zu wissen; ob er zum Wahrnehmenden ein Verhältnis, ein Verhalten hat, ist hier gleichgültig. Der Beobachter ist ganz darauf gespannt, den Beobachteten sich einzuprägen, ihn zu ,,notieren". Er sucht ihn ab und zeichnet ihn auf. Und zwar ist er beflissen, so viele ,,Züge" als möglich aufzuzeichnen. Er lauert den Zügen auf, daß ihm keiner entgehe. Der Gegenstand besteht aus Zügen, und von jedem weiß man, was dahintersteckt. Die Kenntnis des menschlichen Expressionssystems verleibt sich die neuerscheinenden individuellen Variationen stets im Nu ein und bleibt verwendbar. Ein Gesicht ist nichts als Phvsiognomie, Bewegungen nichts als Ausdrucksgebärde. Der Betrachter ist überhaupt nicht gespannt. Er nimmt die Haltung ein. die ihm den Gegenstand frei zu sehen gibt, und erwartet unbefangen, was sich ihm darbieten wird. Nur zu Anfang darf bei ihm die Absicht walten, alles weitere ist unwillkürlich. Er notiert nicht darauf los, läßt sich gehn, er fürchtet sich gar nicht, etwas zu vergessen („Vergessen ist gut", sagt er). Er gibt seinem Gedächtnis keine Aufgaben, er vertraut 208

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