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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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„wenn ein Ehering verlorengeht, dann stirbt das andere!64 Und unterhalb meines Kritizismus und meines Gottvertrauens begann sich eine schlimme Angst einzunisten. Als ich gegen Abend einen Augenblick in unserer Schlafstube war, umfing mich plötzlich etwas wie ein fühlbares Vertrauen. Als ob ich auf einmal mitten im Wesen der Dinge wäre, so umfing es mich. Und ich mußte etwas sagen, was mir sonst als eine ungeheuerliche Torheit erschienen wäre. Ich mußte sagen: „Wenn das wahr ist, was ich, schier gegen meinen Willen, von den Dingen denke, dann kann ich das Ringlein zurückrufen/6 Gleich schalt ich mich freilich. Das sei ja wie Zauberei! Und eigentlich hatte ich doch über die Dinge gar keine besonderen Gedanken außer denen, die ich vor zwei Jahren in dem Kreaturaufsatz niedergeschrieben. Und doch preßte sich aus mir etwas wie Bitte oder Befehl: „Ringlein, komme zu mir zurück! Auch wenn du noch so weite Umw ege zu machen hast, komme zu mir zurück!" Dann war wieder alles erloschen; ich wurde auch wieder traurig um den verlorenen Ring und dachte an alle rationalen Mittel, die mich etwa wieder in seinen Besitz bringen könnten. Suchen gehen, das hatte bei dem hohen Schnee auf den Feldern und wegen des starken Autoverkehrs auf der Straße wenig vernünftigen Zweck. Und den Verlust im Ortsblatt anzeigen, davon konnte ich mir nicht viel mehr versprechen. Es kamen dann auch wieder andere Aufgaben. Wir begannen uns damit zu trösten, daß ein viel goldenerer Ring ums Herz geschmiedet ist, der nicht verlorengehen kann. Am 18. September desselben Jahres, als das Gras um unser Haus schon zum drittenmal geschnitten worden war — es mußte dies wegen des vielen Gesträuchs mit der Sichel, nicht mit der Sense geschehen — kam des Abends meine Schwester Agnes zu mir, die von Geburt aus schwerhörig und, da sie an keinem Unterricht, an keiner Unterhaltung und an keiner Freude recht an teilnehmen konnte, oft recht schweren Gemütes ist. Aber sie hat sich schon oft als Wiederfinderin verlorener Dinge bewährt. Ihr wird darum immer zuallererst gesagt, wenn etwas verlorengegangen ist. In meinem Falle konnten wir aber auch auf sie keine Hoffnung setzen. Wie hätte sie mitten auf den Feldern suchen sollen! Erst der Schnee, dann über Nacht starkes Tauwetter, das die Felder aufweichte, dann wieder Schnee und wieder Tauwetter, dann die weiche Frühjahrsaat! 156

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