Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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überfallen. Es ist dort weiter gar nichts zu sehen als nur eben ein Weg mit zwei Rädergleisen. Früher bildete sich dort oft von den Wiesen her ein kleiner Tümpel, an dem zuzeiten ungeheuer viel Kohlweißlinge spielten. Als die Schlegler Glashütte noch bestand, wurde auch manch mal von ihrem Bruchzeug eine W agenladung an jene Stelle gefahren, um den Weg aufzuschütten und die Tümpelbildung zu beseitigen. Aber so interessant auch diese Bruchstücke und Schmelzklumpen waren, zu jener Zeit waren sie längst eingeebnet und mit Asche und Schlacke bedeckt, von denen der Weg im Sonnenschein einen dunkelvioletten Schimmer ausstrahlte. Wege werden sonst nur immer nach ihrem Ziele oder nach ihrem landschaftlichen Rechts und Links oder nach dem Geldwerte ihrer Herstellung geschätzt, selten aber um ihrer selbst willen, selten sogar um ihrer Geschichte willen, um der Schicksale willen, die über sie getragen worden sind, um der Gedanken und Erkenntnisse willen, die auf ihnen empfangen worden sind. Und wenn schon dies, dann ohne Berücksichtigung irgendeiner Möglichkeit, daß der Weg selber einen wesentlichen Anteil daran gehabt oder genommen haben könnte. Mich aber nahm damals der eg auf wie die Halle eines Wundertempels. Es sprangen Brunnen darin, an denen meine Seele trank. Es ist wohl auch nicht zufällig, daß viele meiner schriftstellerischen Arbeiten, denen ich die Berufung zur Mitbegründung und Mitherausgabe dieser Zeitschrift „Die Kreatur" verdanke, von Straßen und Wegen ausgingen und daß ich diese Straßen und Wege immer ganz genau bezeichnen mußte, so als hinge die ganze Arbeit in der Luft, wenn ihr Ausgang nicht als wahrhaftiger und wirklicher Ort auf dieser Erde bezeugt würde, und als hinge die Zuverlässigkeit dessen, was ich zu sagen hatte, gerade von diesem bestimmten Orte, von dieser Straße, von diesem Wege ab. Ich selbst hielt es anfänglich für zufällig, für literarische Eigenart oder Armseligkeit, bis mich mein Freund Joseph Kühnel, der Herausgeber der religiösen Zeitschrift „Heliand", darauf aufmerksam machte, daß der am Anfang eines von ihm erstmalig abgedruckten Artikels geschilderte Weg ein Symbol und mehr als Symbol der mir offenbar gewordenen Wahrheit sei. Der Weg zur Kreatur — als mir dieses Wort wie ein Befehl zum Augenöffnen, zum Nachdenken und zum Schreiben kam, gesellte sich hinzu der 113